Sprache der Verdinglichung

Die Genese des verdinglichten Bewusstseins

Vollauf verständlich wird die Genese des verdinglichten Bewusstseins aber nur bei gleichzeitiger Reflexion des fetischistischen Charakters kapitalistischer Vergesellschaftung und der gesamtgesellschaftlichen Funktion des Kapitals als automatisches Subjekt, das zwar von den konkurrierenden Marktsubjekten alltäglich buchstäblich erarbeitet wird, aber marktvermittelt "hinter dem Rücken der Produzenten" (Marx) eine Eigendynamik entwickelt und diesen als eine äußerliche und fremde Macht in der Form krisenbedingt zunehmender Sachzwänge, Marktvorgaben, Verwerfungen und Widersprüche entgegentritt.

Diesem allgegenwärtigen Gefühl der Heteronomie, der "Fremdbestimmung", entspringen gerade die ganzen gegenwärtig blühenden Verschwörungsideologien, die im Antisemitismus kulminieren. Adorno deutet dies zumindest an, indem er bemerkt, dass der Typus des verdinglichten Bewusstseins "sich selber gewissermaßen den Dingen gleichmacht", um hiernach nach Möglichkeit "die Anderen" den Dingen gleichzumachen.

Was hier aufscheint, ist die absurde Stellung des Marktsubjekts innerhalb des Automatismus der Kapitalverwertung. Das Kapital als automatisches Subjekt macht die Menschen einerseits zu Objekten seiner Verwertungsbewegung, zu Dingen, zu Waren, die auf dem Arbeitsmarkt gehandelt werden - und die sich dieser vermittelten Form der subjektlosen Herrschaft wie einem menschengemachten Naturgesetz mit einem unterschwelligen Gefühl von Ohnmacht anzupassen haben. Zugleich besteht die einzige Chance, noch eine schale Imitation von Subjektivität auszuleben, darin, dass man als ökonomische Charaktermaske (Marx) daran mitwirkt, diesen Automatismus uferloser Kapitalverwertung "subjektiv" zu perfektionieren - und hierbei wiederum "die Anderen" zu Objekten degradiert und "den Dingen gleichmacht".

Innerhalb des nur zu realen Fetischismus, den das automatische Subjekt perpetuiert, sind die Insassen der kapitalistischen Tretmühle immer beides zugleich: Subjekt der Akkumulation und deren ohnmächtiges Objekt. Alle Insassen der globalen kapitalistischen Tretmühle fungieren als Subjekt-Objekte der verselbstständigten Verwertungsbewegung, die sie selber perpetuieren, wobei das konkrete Verhältnis zwischen diesen beiden Polen von der konkreten hierarchischen Stellung im Reproduktionsprozess des Kapitals abhängt.

Die menschliche Geschichte ist somit eine Geschichte von Fetischverhältnissen. Die Menschen bringen selber als Gesellschaftssubjekte unbewusst eine gesamtgesellschaftliche Dynamik hervor, die ihnen als ein fremdartiges "Ding" erscheint. Früher in die Form des Götterglaubens gekleidet, artikuliert sich nun der durch die Aufklärung säkularisierte Fetischismus im verdinglichten Bewusstsein mit seinem "Sachzwängen". Dies ist das historische Ergebnis einer verkürzten Aufklärung samt ihrer instrumentellen Vernunft, die sie hervorbrachte: einer Vernunft, die selbst die monströsesten Zwecke mittels rationeller Mittel zu verfolgen trachtet. Erst die Überwindung dieses reellen gesellschaftlichen Fetischismus - und somit die bewusste Verständigung der Gesellschaft über Form und Inhalt ihrer Reproduktion - würde die Verdinglichung des Bewusstseins überwinden und dem Rechtsextremismus den Nährboden entziehen.

Die kritische Theorie hat das Umschlagen der bürgerlichen Aufklärung in Mythos - unter Eindruck des von Nazideutschland begangenen Zivilisationsbruchs - in der berühmten "Dialektik der Aufklärung" thematisiert, wie schon deren Einleitungssatz klarmacht:

Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.

Und dies ist eben die große Leerstelle, ja eigentlich die Lüge der Aufklärungsvernunft, die in den Massenbetrug der Kulturindustrie führte - und die insbesondere in Krisenzeiten Aufklärung in Mythos umschlagen lässt: Die Menschen sind nicht die "Herren" ihres eignen gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses. Die Aufklärung gab vor, den Menschen ihr eigenes Schicksal in die Hände geben zu können - und zugleich steigerte die rationell immer dichter verwaltete kapitalistische One World das Gefühl der Ohnmacht, der Heteronomie ins unermeßliche.

Die kapitalistische, rein instrumentelle Zweckrationalität, deren sich die für diese Zusammenhänge blinde - und daher ideologisch verkürzte - Aufklärungsvernunft rühmt, dient auf gesamtgesellschaftlicher Ebene einem irrationalen, fetischistischen und in sich widersprüchlichen Selbstzweck: der uferlosen Akkumulation von Kapital, die vermittels der Verwertung von Arbeitskraft in der Warenproduktion realisiert wird. Doch zugleich ist das Kapital bestrebt, diese seine Substanz - die wertbildende Arbeit - durch konkurrenz- und marktvermittelte Rationalisierungsmaßnahmen aus dem Produktionsprozess zu verdrängen. Diese widerspruchserzeugende Eigendynamik macht den Kapitalismus, der sich erst vor rund 300 Jahren auf breiter Front durchsetzte, zu einer historisch kurzlebigen und äußerst instabilen Gesellschaftsformation.

Fakten schaffen durch Personifizierung von Krisenursachen

Gewissermaßen muss das Kapitalverhältnis vor diesem inneren Widerspruch in immer neue Expansionsschübe fliehen, neue Verwertungsfelder erschließen, um die Verdrängung lebendiger Arbeit in alten, etablierten Industriezweigen zu kompensieren. Ohne neue Expansion zerbricht das Kapital an sich selbst. Die bürgerliche Volkswirtschaftslehre hat für diesen Prozess den Begriff des industriellen Strukturwandels geprägt - und diesen zugleich mit dem Glaubenssatz versehen, dass er immer genug neue Arbeitsplätze schaffte, wie durch Rationalisierung wegfielen.

Das Kapitalverhältnis ist folglich seit seiner gesamtgesellschaftlichen Durchsetzung in einem historischen Prozess zunehmender globaler Widerspruchsentfaltung verfangen, der vom verdinglichen Bewusstsein schlicht nicht wahrgenommen wird. Es war ja immer schon so, wie es ist. Wenn nun - wie in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts und in der gegenwärtigen Krisenperiode - dieser "industrielle Strukturwandel" in eine schwerwiegende Strukturkrise gerät, muss das verdinglichte Bewusstsein "Fakten schaffen". Vermittels der Personifizierung von Krisenursachen werden Sündenböcke (zumeist sind es die Krisenopfer oder gesellschaftlich schwache und marginale Gruppen) aufgebaut, die "Dingen gleichgemacht" werden, indem die Krisenverwerfungen zu den Eigenschaften dieser Gruppe - ihrem Wesen - halluziniert werden. Mit ihnen wird dann entsprechend verfahren: Deportation, Konzentrierung in Lagern, alles Weitere will man dann nicht mehr wissen (Outsourcing der Barbarei).

Somit weist auch die klassische Kritische Theorie eine verhängnisvolle Leerstelle auf, da sie die Gesellschaftssphäre der Ökonomie weitgehend ignorierte - und folglich keine konsistente Krisentheorie entwickelte. Dabei ist der Zusammenhang zwischen zunehmender Krisenintensität und der um sich greifenden Irrationalität eigentlich evident. Der aufsteigende rechtsextreme Massenwahn, das Umschlagen der instrumentellen Vernunft in Mythos, vollzieht sich offensichtlich - in den 1930ern wie auch heutzutage - in Krisenzeiten. Die eskalierenden inneren Widersprüche der als gesellschaftliche Totalität wirkenden Realabstraktion des Kapitalverhältnisses verehren ja ganz konkret die einzelnen Menschen, die Marktsubjekte, die einem immer stärkeren ökonomischen wie ideologischen Druck ausgesetzt sind (von Abstiegsängsten bis zur reellen Verelendung).

Dieser unverstandene, zumeist nur gefühlte Krisenprozess lässt die in der verwalteten spätkapitalistischen Welt schon immer schwelende Angst immer stärker anschwellen, sie steigert sich ins Panische, ins Paranoide, wie die überall aufkommenden Verschwörungstheorien belegen, die letztendlich im Antisemitismus münden. Und es ist diese aus verdinglichter Verblendung resultierende Angst vor dem unverstandenen und irreversiblen Krisenprozess, die die zentrale irrationale Triebkraft der neusten deutschen Rechten bildet.