Sprachpolizei und Selbstzensur

Grafik: TP

Wir lassen uns die Sprache klauen, ja - aber weniger von rechts, links oder der Mitte, sondern von unserer Angst

Weg mit den Wörtern, weg mit der Sprache, ist eh alles politisch nicht korrekt! Nichts ist politisch korrekt! - Rechtsextreme klauen uns die Sprache, wer mag schon noch Wörter wie Ausländer, Heimat, Blut und Ehre aussprechen, das machen doch immer die Rechtsextremen? Dabei ist das eigentlich vollkommen wurst: Was interessiert mich, was die sagen oder nicht sagen?! - Nein geht nicht, krähen die Linken, von denen muss man sich doch abgrenzen!

Das ist das Problem. Lassen wir uns die Sprache von Rechtsextremen klauen? Oder zensieren wir uns selbst? Oder beides, eines wegen des anderen?

Wir sagen nicht, "ausländische" Wissenschaftler seien auf einer Tagung zu Gast, sondern "internationale" Wissenschaftler. Was soll das denn! Der Begriff "international" ist lateinischen Ursprungs, inter bedeutet zwischen und natio Volksstamm. Internationale Verhandlungen kann es geben, das heißt, es wird zwischen (unterschiedlichen) Ländern verhandelt; aber wenn Wissenschaftler aus anderen Ländern eine Tagung besuchen, kommen sie doch aus dem Ausland und nicht aus einem "Zwischen zwei Ländern". Nebenbei gesagt, spricht ihre Anwesenheit für die Qualität dieser Tagung, denn die Wissenschaftler machen sich die Mühe der Anreise aus dem Ausland und die Veranstalter der Tagung machen sich die Mühe, ihre Reisekosten zu ersetzen (hoffentlich). Also spricht eigentlich nichts dagegen, von "ausländischen" Wissenschaftlern zu sprechen.

Das tut man aber nicht.

Das Wort "Ausländer" ist als neutrale Bezeichnung derzeit nicht brauchbar; ausländisch klingt irgendwie abwertend. Erst hetzten Nazis und Rechtsextreme gegen Ausländer und unterstellten gern mal Migranten mit deutscher Staatsbürgerschaft, diese seien keine "richtigen" Deutschen. Aber ist das ein Grund, das Wort "Ausländer" nicht zu benutzen? Es kann ja auch als äußerliches Kennzeichen gemeint sein, so wie "der große Blonde mit den blauen Augen, der so norddeutsch aussieht".

Ist das Wort "Ausländer" ausgrenzend? Klar, denn es bedeutet außerhalb der Landesgrenzen. Es setzt den "Ausländer" in Beziehung zu mir selbst - ich drinnen, er draußen. Dennoch, es ist nicht weniger neutral als etwa "blond" - ach nein, "Blondine" klingt doch etwas despektierlich - sondern nur dann, wenn man das innerhalb der Grenzen Befindliche für höherwertig einschätzt und den draußen vom innerhalb der Grenzen Befindlichen mit einer unausgesprochenen Bewertung abgrenzen will. Sonst ist das Wort beschreibend. Eigentlich. Aber inzwischen kann man es kaum noch ohne Abwertung nutzen.

Auch Worte wie "Heimat" und "Ehre" haben einen schalen, dumpfen Beigeschmack. Wobei, Heimat geht nach der Trilogie von Edgar Reitz wieder (vgl.[Link auf -3446033]).

Ehre wird heutzutage weniger mit SA-Horden als mit mit strengen Vätern oder großen Brüdern in konservativen muslimischen Familien in Verbindung gebracht. Ob das besser ist, ist eine andere Frage.

Bedeutungen wandeln sich weiter.

Aber es bleiben mehr als genug Beispiele für "rechts-böse" Wörter und Verhaltensweisen.

Als Kind war ich einmal furchtbar wütend, weil ich auf einem Laternenumzug eine Laterne tragen sollte und keine Fackel tragen durfte. Meine Wut kam daher, dass meiner Ansicht nach Laternen nur etwas für kleine Kinder und Mädchen waren. Größere Jungs trugen Fackeln. Und ich wollte doch so gern ein Junge sein! Als ich einmal diese (wie ich finde) vollkommen harmlose alte Geschichte erzählte, bekam ich zu hören, dass bei SS- und SA-Umzügen Fackeln getragen worden seien, und heute bei Bundeswehr-Feiern - wieso bloß hätte ich denn eine Fackel tragen wollen können, diese Symbolik, neinneinnein!

In den Erinnerungen einer Pastorin las ich, dass sie bei einem Fest Wimpel an Kinder verteilt habe. Sie sei streng gerügt worden: Wimpel? Nazi-Kram! Ih gitt!

Erwähnt man, dass Turnen eine gute Schulung für den Körper sei, dann taucht, schwupps, ein oberkorrekter Linker auf und sagt, dass Turnen aber doch nazi sei. Klar, stimmt auch irgendwie, aber was haben Klimmzüge und Purzelbäume heutzutage noch mit der NS-Ideologie zu tun? Egal, Turnen geht nicht.

Fackeln, Wimpel, Turnen. Puuuh, richtig gefährlich.

Das gilt für ziemlich viel.

Was für ein Blödsinn!

"Ich bin Deutsche und liebe mein Vaterland."

Ein Statement, ja.

Und man erwartet - auch ich würde es erwarten, hörte ich solch einen Satz - also man erwartet einen Fortgang wie etwa: "Und darum wähle ich die NPD" (Oder wenigstens die AfD!), oder "Und das ist MEIN Vaterland, darum will ich hier keine Ausländer, denn die sind ja alle kriminell." Oder so etwas.

Aber dass jemand einfach so seine Staatsangehörigkeit kund tut und sagt, er liebe sein Vaterland? Geht das? Tut man das? Hier jedenfalls nicht.

Hm.

Nation geht, muss man sagen, geht "wieder"?

In anderen Ländern hat die Bevölkerung kein Problem mit der Heimat, natürlich, von dort kam nicht der Holocaust. Und das macht auch irgendwie sprachlos, wie soll man da argumentieren? "Das ist lange her?" Stimmt ja, aber die Kinder und Kindeskinder der damaligen Opfer leiden nach wie vor. Es ist vielleicht lange her, aber nicht vorbei, es ist vielleicht nie vorbei.

Aber es ist eben nicht alles. Und heute, eigentlich seit langem schon, ist Zeit für eine neue Diskussionskultur. Wer in den 1960er Jahren zur Schule ging, litt womöglich unter Lehrern, die insgeheim überzeugte Nationalsozialisten waren. Zehn oder zwanzig Jahre später litten Schüler eher unter Altachtundsechziger-Lehrern. Ich selbst hatte zwei schreckliche Lehrerinnen, die mir einen Schlechtes-Gewissen-Brei einimpften. Das führte bloß dazu, dass ich erstens eine NS-Verstrickung meiner Familie zunächst verneinte - die Lehrerinnen indoktrinierten, statt mit Argumenten zu überzeugen. Zweitens lernte ich damals auch nicht, in der Diskussion auch nur mit Konservativen zu argumentieren - einfach weil mir das Verständnis für ihre Positionen fehlte.

Der Schlechtes-Gewissen-Brei ist typisch deutsch. Halt - auch "typisch deutsch" sagt man bloß, wenn so ein angeblich typisch deutscher Sachverhalt negativ betrachtet wird. Welcher Linke beschreibt etwas als "typisch deutsch", was er bejaht? Über Sekundärtugenden, die zum traditionellen deutschen Selbstbild gehören, und die Altkanzler Helmut Schmidt lobte, sagte Oskar Lafontaine einmal, damit könnte man auch ein Konzentrationslager betreiben - eine beleidigende Interpretation von Schmidts Worten.

Immer diese Interpretationen.

Der zugegebenermaßen nervtötende Satzbeginn "Man wird ja wohl noch sagen dürfen" wird in Zusammenhang mit Antisemitismus gestellt, dabei wird es vielleicht viel häufiger als Kennzeichnung einer sachlichen oder auch einer im Grunde wohlwollenden Kritik an einigen Aspekten der Politik der israelischen Regierung ausgesprochen. Von jemand, der nicht rechts ist, aber eine Moralkeule von links fürchtet. Und dem daraus prompt ein Strick gedreht wird.

Die wohl bekloppteste linke Moralkeule heißt "Das hatten wir schon mal".

Statt zu differenzieren, wird alles nicht ganz politisch Korrekte zu einer braunen Soße deklariert.

Wir lassen uns die Sprache klauen, ja - aber weniger von rechts, links oder der Mitte, sondern von unserer Angst, selber für Nazis oder auch nur für Konservative gehalten zu werden.

Eine solche Selbstzensur kann vor nervtötenden Diskussionen oder dem "Zwang" zur Selbstrechtfertigung befreien. Aber sie engt auch ein. Als ob man nicht mehr zum Austausch von Argumenten redet, sondern um seinen Nächsten davon zu überzeugen, dass man politisch auf der korrekten Seite steht.

Wenn der Gegenüber etwas vermeindlich Blödes sagt, dann hilft es, wenn man erst mal nachfragt, was er eigentlich meint.

Und selbst dann, wenn das Ergebnis saudoof ist: Nicht jeder, der mal irgendeinen Scheiß redet, ist gleich ein Rechtsextremer.

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