Sprechfähigkeit hat sich schon vor mehr als 20 Millionen Jahren entwickelt

Rhesus-Makaken könnten anatomisch sprechen, aber sie können den Sprachapparat nicht entsprechend benutzen. Bild: Tapas Biswas/CC BY-SA-4.0

Nicht erst der modern Mensch besaß die anatomische Möglichkeit zu sprechen, wie bislang die herrschende Ansicht war, aber wann in der Geschichte der Hominiden das Sprechen realisiert wurde, bleibt unbekannt

Kürzlich wurden im Allgäu Knochen von einem Vorfahren des Menschen gefunden, den die Forscher Danuvius guggenmosi nennen. Der Fund des 11,62 Millionen Jahre alten Menschenaffen soll eine der bislang vorherrschenden Vorstellungen von der Entwicklung des Menschen umwerfen. Man war davon ausgegangen, dass der aufrechte Gang vor etwa 6 Millionen Jahren bei den Hominiden in Afrika entstanden ist. Er soll, beispielsweise wegen der frei werdenden Hände, dem Leben auf dem Boden und dem größeren Überblick, einzigartig für die Entstehung des modernen Menschen gewesen sein. Jetzt könnte es sein, dass der aufrechte Gang schon 6 Millionen Jahre zuvor in Europa entstanden ist, weit vor der Abspaltung der Hominiden, was die Bedeutung des aufrechten Gangs für die Menschwerdung doch sehr schmälert (Hat sich der aufrechte Gang bei Primaten im Allgäu vor 12 Millionen Jahren entwickelt?).

Ein internationales Wissenschaftlerteam zweifelt nun an einer zweiten Vermutung, die auch und noch stärker als Indikator für die Menschwerdung gilt, nämlich die Entwicklung der Sprache. Auch von dieser wurde die Einzigartigkeit des Menschen und seiner sozialen und kognitiven Fähigkeiten abgeleitet. Man vermutet, dass eine Mutation des FOXP2-Gens vor einigen Hunderttausend Jahren zur Sprachentwicklung geführt hat, andere Theorien, basierend auf der Forschung von Philip Lieberman, gehen davon aus, dass die spezifische Entwicklung des Mund-Rachen-Trakts die anatomischen Bedingungen etwa beim Kehlkopf oder dem Gaumensegel entstehen ließen, die eine Artikulation komplexer Laute und von Vokalen ermöglichen.

Daraus wurde der Schluss gezogen, dass die Sprache mit der Entwicklung von homo sapiens einherging und höchstens wenige hunderttausend Jahre alt ist. Mitunter wird vermutet, dass auch die Neandertaler der Sprache mächtig waren.

Anatomisch könnten auch Primaten sprechen

Die Wissenschaftler treten mit Verweis auf neuere Forschungen zur Sprachartikulierung von Primaten der zentralen Annahme entgegen, dass die Absenkung des Kehlkopfs und die Verlängerung des Vokaltrakts oberhalb des Kehlkopfs eine entscheidende, nur beim anatomisch modernen Menschen vorliegende Voraussetzung für die Entwicklung von Sprache gewesen seien.

Möglicherweise hätten die Vorfahren des Menschen schon sprechen können, so dass die Sprache nicht vor 200.000 Jahren, sondern vor 20 Millionen aufgekommen sein könne. Die Absenkung des Kehlkopfs sei nämlich nicht notwendig zur Erzeugung kontrastierender Frequenzen für die Vokalisierung, zudem sie auch nicht für den Menschen - und nicht einmal innerhalb der Primaten - einzigartig sei.

Die in Science erschienene Studie versucht einen Überblick über den Forschungsstand zur Entwicklung der Vokalisierung bei Primaten zu geben. Vokale sind entscheidend für eine voll entwickelte und komplexe Sprache, aber auch Tiere können auf verschiedene Weise einzelne Vokale erzeugen. Weil aber Anatomie die Bedingungen vorgibt, welche Laute erzeugt werden können, wurde die Analyse auf Primaten beschränkt.

Durch eine sprachwissenschaftliche Analyse der akustischen Signale, anatomische Beschreibungen und artikulatorische und akustische Modellierung lassen sich Vergleiche ziehen. So wurde festgestellt, dass der anatomisch moderne Mensch und der Neandertaler einen ähnlich tiefer gelegenen Kehlkopf haben, weswegen einerseits dieser nicht für die Sprachentwicklung notwendig war oder andererseits auch der Neandertaler Vokale erzeugen konnte.

Genauere Untersuchungen durch Modelle, auch vorgenommen von den Autoren, ergaben, dass auch ohne tiefer gelegenen Kehlkopf und kleinerem Mundraum wie noch bei Kindern Vokale erzeugt werden können. Die Möglichkeiten, differenzierte Vokale zu erzeugen, seien in der Entwicklung vom Baby zum Erwachsenen unabhängig von der Lage des Kehlkopfs mehr oder weniger gleich. Auch bei nichtmenschlichen Primaten konnte gezeigt werden, dass diese sprachliche Laute erzeugen können. So hätten Makaken einen Vokaltrakt, mit dem gesprochen werden könnte, es fehle aber die neuronale Steuerung. Und Paviane erzeugen mit einem dem Menschen ähnlichen Protosystem vokalähnliche Laute.

Was ließ die Sprache wann entstehen?

Die Wissenschaftler glauben, mit ihren Analysen und dem Überblick über neuere Forschungsergebnisse die seit Jahrzehnten dominante Hypothese von Lieberman widerlegen zu können, dass differenzierte Vokale nur mit einem abgesenkten Kehlkopf wie beim anatomisch modernen Menschen möglich sei. Dadurch werde auch die Annahme entkräftet, dass die Entwicklung des Sprechens und der Sprache kürzlich (vor 200.000 Jahren), plötzlich und gleichzeitig erfolgt sei. Die anatomischen Voraussetzungen, differenzierte Laute zu erzeugen, seien spätestens zu der Zeit des letzten gemeinsamen Vorfahrens des Menschen mit den Altweltaffen vor 27 Millionen Jahren vorhanden gewesen.

Damit wären zwar die anatomischen Voraussetzungen für die Sprachentwicklung 100 Mal früher als bislang angenommen da gewesen, aber zur faktischen Entstehung des Sprechens und des Verstehens sind viele weitere Aspekte erforderlich wie die auditorischen Fähigkeiten, die feinmotorische Steuerung des Kehlkopfs oder die funktionale Neuroanatomie, aber auch weitergehende kognitive und soziale Bedingungen sowie die Erzeugung von Konsonanten und Silben oder eines Lexikons für die Syntax.

Jedenfalls scheint die Anatomie des Sprachtrakts nicht die Henne zu sein, sondern nur die Bedingung der Möglichkeit. Was die Erfindung des Sprechens und Verstehens auslöste, ist fraglich. Es wird wohl ein Zusammenspiel zwischen der Evolution des Gehirns und der sozialen Interaktion bei Menschen - und Neandertalern - gewesen sein. Oder haben schon frühere Vorfahren gesprochen, vielleicht mit dem Aufkommen der ersten Steinwerkzeuge? (Florian Rötzer)