Sputnik V statt Astrazeneca?

Eine Sputnik-V-Lieferung erreicht Argentinien. Foto: Casa Rosada. Lizenz: CC BY 2.5/ar

RDIF meldet nach einem Produktionspartner in Italien auch einen für Deutschland, wo der Stiko-Vorsitzende das russische Serum als "clever gebaut" lobt

Kirill Dmitrijew, der Leiter des staatlichen russischen Direktinvestmentfonds RDIF, sagte der russischen Nachrichtenagentur Interfax gestern, man habe inzwischen auch in Deutschland einen Partner für die Herstellung des Coronaserums Sputnik V gefunden.

Dmitrijew nannte dazu zwar keinen Firmennamen - der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) geht aber bereits seit geraumer Zeit davon aus, das Sputnik V im Dessauer Werk des Pharmaunternehmens IDT Biologika hergestellt werden könnte, das - für manche Beobachter überraschend - im Februar einen Vertreter zu Kanzlerin Merkels "Impfgipfel" zuschalten durfte (vgl. Neue Versprechungen nach dem Impfgipfel).

Italien produziert ab Juli

Dem 45-jährigen Finanzmanager nach hat man außer in Deutschland auch in Frankreich, Spanien und Italien Partner gefunden. In Italien steht dieser Partner bereits fest: Dort bestätigte Stefano Maggi, der Sprecher der italienisch-russischen Handelskammer, letzte Woche, dass das schweizerisch-italienische Pharmaunternehmen Adienne in der Lombardei von Juli 2021 bis zum Januar 2022 zehn Millionen Dosen der russischen Impfstoffentwicklung herstellen wird. Sollte die EU-Arzneimittelzulassungsbehörde EMA Sputnik V die Genehmigung verweigern, wird dieser Impfstoff in eines der Länder gehen, die ihn zugelassen haben.

Bislang sind das 46 von weltweit knapp 200 - darunter auch das EU-Mitgliedsland Ungarn. Vorbehalten gegen ihre Notfallzulassung begegnete die ungarische Staatsführung im Januar mit dem Hinweis darauf, dass der Großteil der ungarischen Bevölkerung in seiner Kindheit ohne größere Probleme mit russischen Sera geimpft wurde. Das gilt auch für Mitteldeutschland, wo der Anhalter Ministerpräsident Reiner Haseloff ebenfalls auf positive Immunisierungserfahrungen vor 1990 verweist.

Nicht nur eines, sondern zwei künstliche Adenoviren

Christa Wirthumer-Hoche, die österreichische Vorsitzende des Verwaltungsrates der EMA, kritisierte die ungarische Notfallzulassung von Sputnik V (der Tschechien und die Slowakei bald folgen könnten) im öffentlich-rechtlichen ORF als "russisches Roulette". Das stieß nicht nur auf Kritik in Russland, sondern auch in den drei Nachbarländern, wo sie damit Erinnerungen an die Bevormundung aus dem ehemaligen Zentrum des Habsburgerreiches weckte.

Deutlich weniger sputnikskeptisch äußert sich Thomas Mertens, der Vorsitzende der deutschen Ständigen Impfkommission (Stiko), in der heutigen Aufgabe der Rheinischen Post: Er spricht von einem "guten" und "clever gebauten" Impfstoff, der seiner Einschätzung nach "vermutlich auch irgendwann in der EU zugelassen wird".

Mit dem Hinweis auf die clevere Bauweise bezieht er sich darauf, dass das Gamaleja-Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie, das ihn entwickelte, nicht nur eines, sondern zwei künstliche Adenoviren einsetzt - Ad5 und Ad26. Eines für die erste und das andere für die zweite Dosis.

T-Zellen-Immunantwort mit CD4+- und CD8+

Die Ergebnisse der Phase-1- und der Phase-2-Tests von Sputnik V haben die russischen Entwickler am 4. September in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht (vgl. Sputnik-Shots, Wahlvorwürfe und Schadensersatzübernahmen). Dabei bildeten die Probanden eineinhalb Mal so viele Antikörper wie Personen, die eine schwere Covid-19-Infektion überstanden. Die T-Zellen-Immunantwort beinhaltete sowohl CD4+- und CD8+-Zellen, die für eine lang anhaltende Wirkung sorgen sollen.

Der ebenfalls in The Lancet veröffentlichten Phase-3-Studie nach weist das Serum eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent gegen einen "symptomatischen Verlauf" der Covid-19-Krankheit auf. Grundlage dieser im Peer-Review-Verfahren international geprüften Phase-3-Studie waren die Daten von etwa 15.000 geimpften und weiteren etwa 5.000 nicht geimpften volljährigen Probanden aus der russischen Hauptstadt Moskau.

Die vier Toten, die es während der Studiendauer unter den Probanden gab, verteilten sich mit drei aus der Gruppe der Geimpften und einem aus der Gruppe der Nichtgeimpften exakt nach deren Größe. Eine Person aus der Gruppe der Geimpften starb an Komplikationen nach einem Knochenbruch, die beiden anderen hatten sich bereits vor der Impfung mit Sars-CoV-2 infiziert. Ein Teil der Geimpften klagte zudem über Nebenwirkungen wie Grippegefühle, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Schmerzen an der Impfstelle (vgl. EU-Impfstoff: Sputnik V rückt näher).

Impfen oder sitzen?

Seit dem Erscheinen dieser Phase-3-Studie äußern sich deutsche Politiker und Leitmedien positiver über Sputnik V als davor. Bei diesem Wandel im Tonfall könnte auch eine Rolle spielen, dass es mit der Impfstoffbeschaffung in der EU nicht so klappt, wie Politik und Leitmedien vorher suggeriert hatten. Auch, wenn die EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen im ZDF behauptet, man sei "gut vorangekommen" und Kanzlerin Merkel in der ARD meint, es sei "im Großen und Ganzen nichts schief gelaufen".

Zuletzt - nämlich gestern - setzten die Staatsführungen von Deutschland, Frankreich, Italien sogar die Impfungen mit dem Serum des britisch-schwedischen Konsortiums Astrazeneca aus, von dem sie große Mengen bestellt hatten. Dieser Impfstoff mit dem Namen AZD1222 arbeitet - ebenso wie Sputnik V - mit nicht replizierenden viralen Vektoren, nutzt aber bei den zwei erforderlichen Impfungen anstatt zwei verschiedenen nur ein einziges Adenovirus.

Deshalb kann das Vakzin beim zweiten Impftermin manchmal so erfolgreich abgewehrt werden, dass es nicht mehr die maximale Wirkung erzielt. Anlass für den Stopp der Impfungen war aber nicht das, sondern Berichte über tödliche Thrombosen und Embolien (vgl. Deutschland, Frankreich, Italien: Astrazeneca-Impfung ausgesetzt).

Nun soll geklärt werden, ob diese Thrombosen und Embolien in einem kausalen Zusammenhang mit AZD1222 stehen. Rein statistisch gesehen liegt die Zahl der aufgetretenen Fälle unter allen Astrazeneca-Geimpften allerdings eher niedrig. Weitere Risikofaktoren hierfür sind unter anderem eine genetische Disposition für eine schnellere Blutgerinnung, Hormonpräparate zur Empfängnisverhütung, lange Flugreisen mit engen Sitzreihen und Schreibtischjobs mit sehr langen Arbeitszeiten. (Peter Mühlbauer)