Staat im Staate - Die Bitnation Pangea

Screenshot Video "Bitnation: Die staatenlose Gesellschaft (Einfach gut leben 4/6 | Niederlande)" / Bayerischer Rundfunk

Die Ökonomisierung des Altruismus oder: Wie sich Informatiker dazu aufmachten, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu zerschlagen

Die Idee der "Bitnation" wirkt auf den ersten Blick wie ein wagemutiges gesellschaftliches Experiment, das den Zusammenhalt der Gemeinschaft weltweit verbessern könnte. Aus dem World Wide Web wird die World Wide Community. Eine Gesellschaft mit einer eigenen Währung, die durch gute Taten erworben und von den Mitgliedern gehandelt und getauscht wird.

Des Weiteren soll es nicht nur um diese neue Währung gehen, nein, vielmehr ist dies das Mittel, um eine globale Gemeinschaft ohne staatliche Institution zu erschaffen. Missverständnisse und Streitigkeiten werden zwischen den Mitgliedern direkt ausgehandelt und beigelegt, gutes Verhalten wird belohnt, anstatt schlechtes bestraft, um den Mitgliedern einen Anreiz zu geben, sich um ihre Mitmenschen zu kümmern. Die Bitnation stellt sogar diplomatische Pässe, Geburtsurkunden, Heiratsurkunden und weitere offizielle Dokumente aus - natürlich gegen Gebühr in ihrer eigenen Währung.

Die in der BR-Dokumentation "Bitnation: Die staatenlose Gesellschaft" vorgestellten Entwickler und Begründer zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie den Staat und seine Institutionen ablehnen und glauben, der Staat würde den Menschen jeglichen Anreiz nehmen, sich umeinander zu kümmern. Wenn der Nachbar in Schwierigkeiten ist, würde niemand daran denken zu helfen, sondern dies dem Staat überlassen.

Freundschaftliche, familiäre und schlicht nachbarschaftliche Hilfe existiert in der Vorstellung der Begründer der Bitnation nicht. Altruismus wird nicht einmal angesprochen. Und die gesamte Idee krankt an vielen weiteren Unfähigkeiten der Begründer, über ihren eigenen Horizont als IT-Experten oder Technokraten hinauszublicken und dem Menschen etwas anderes als unermessliche Schlechtigkeit, Faulheit und Egoismus zu unterstellen.

Die Bitnation stellt kein wagemutiges Experiment, keine Option für die Zukunft dar, sondern reiht sich ein in Dystopien wie "Schöne neue Welt" von Aldous Huxley und "1984" von George Orwell, sie ersetzt den tyrannischen Staat Orwells schlicht durch finanziellen und gesellschaftlichen Druck. Wer Fehlverhalten aufweist, wird nicht interniert und umerzogen, stattdessen wird sein gesellschaftlicher Status reduziert und ihm somit seine finanzielle Grundlage entzogen.

XPAT Tokens

Aber ich greife voraus. Widmen wir uns zuallererst den Gute-Taten-Punkten - die Bitnation nennt sie XPAT Tokens, wir kennen sie aus der Grundschule auch als "Sternchen". Sie stellen die Grundlage der Bitnation dar.

Wann immer man seinem Nachbarn hilft, indem man den Müll hinausbringt, den Park und die Innenstadt durch Blumenpflege oder Aufräumarbeiten verschönert oder auch das "Netzwerk aufrechterhält und unterstützt", erhält man diese "Sternchen" als Belohnung. Je mehr Gutes man vollbringt, umso besser ist der eigene Ruf, wodurch man öfter um Hilfe gebeten wird und mehr und höhere Belohnungen erhält.

Die "Sternchen" werden anschließend zwischen den Mitgliedern gehandelt, getauscht und in richtige Währung, Waren oder Dienstleistungen umgewandelt. Je nach Handelskurs kann ich also den nächsten Friseurbesuch verdienen, indem ich dem Großmütterchen von nebenan beim Einkauf helfe, vielleicht reicht einmal, vielleicht aber auch dreimal, wie gesagt, je nach derzeitigem Handelskurs der "Sternchen".

Die Rückkehr des Pariahs

Wie schon erwähnt, je mehr Gutes man vollbringt, desto besser wird der eigene Ruf. Je besser der eigene Ruf, umso höher das gesellschaftliche Ansehen. Wer nicht dazu in der Lage ist, stets auf Abruf für gemeinnützige Taten zu stehen, steigt nicht im gesellschaftlichen Ansehen.

Es ist unklar, ob hierbei besondere Umstände wie Krankheiten berücksichtigt werden, aber selbst wenn, stellt sich die Frage, wer darüber entscheidet, ob jemand von diesem Gesellschaftsspiel ausgenommen wird, ohne Schaden dadurch zu erfahren. Oder ob es andere Regelungen dafür geben könnte. Erhält jemand mit 50% Schwerbehinderung im Ausweis 100% mehr "Sternchen" für seine guten Taten? Und wer legt die Schwerbehinderung offiziell fest? Und werden Großfamilien, in denen sich jeder um jeden kümmert, indirekt bestraft, oder darf man auch unbegrenzt nahe Verwandte belohnen?

Und was geschieht mit denen, die einfach lieber für sich bleiben? Die nach einem langen Arbeitstag einfach nur ein Buch lesen möchten, anstatt Hundekot im Park einzusammeln? Wer sich also nicht ausreichend an diesem Wettkampf mit seinen Nächsten um Belohnungen und Belobigungen beteiligt, ganz gleich, aus welchem Grunde, läuft Gefahr, über kurz oder lang gesellschaftlich ausgeschlossen zu werden. Im besten Falle wird man ein mürrischer Einzelgänger, im schlimmsten Falle Ausgestoßener ohne Ansehen und Rechte innerhalb der Gesellschaft. Dass unserem Pariah der Bitnation Zugang zu finanziellen Mitteln, Institutionen der Bitnation und Dienstleistungen verwehrt wird, versteht sich von selbst.

Ein globaler Erfolg der Bitnation würde also vermutlich eine globale Niederlage für Kranke, Behinderte, Einzelgänger und Familienmenschen bedeuten. Glücklicherweise beläuft sich die Zahl der Bitnationbürger laut dem aktuellen Litepaper derzeit auf nur 10.000 Bürger.

Global, staatenlos, lokal begrenzt

Die Bitnation ist keine Nation im eigentlichen Sinne. Sie ist eine Plattform, um darauf lokale Nationen zu begründen. Man kann das Netzwerk der Bitnation nutzen, um sich zusammenzuschließen und die Vorteile des Systems zu nutzen. Dies stellt einen Widerspruch in sich dar.

Die Bitnation stellt an sich selbst den Anspruch, Grenzen und Nationalstaaten zu überwinden, während sie zeitgleich nur lokal und isoliert agiert. Denn ein Bürger der Bitnation zu sein, ohne dass die Nachbarn es ebenfalls sind und die eigenen Taten anerkennen, ist sinnlos. Statt den Nationalstaat zu überwinden, werden neue, lose Mikrostaaten erschaffen, die im schlimmsten Falle Parallelgesellschaften innerhalb einer Gesellschaft bilden. Der lokale Zusammenhalt wird also untergraben und geschwächt. Denn warum dem Großmütterchen von nebenan helfen, wenn es kein Bürger der Bitnation ist?

Die Ökonomisierung des Altruismus

Der wahrscheinlich größte Fehler: Die Bitnation kennt keinen Altruismus. Sie kennt keinen Freundschaftsdienst. In der Dokumentation machen die Begründer sehr deutlich, was sie von Altruismus halten und spotten, dass sie keinen "esoterischen Mist nach dem Motto One Love, One World" betreiben. Die Bitnation kennt einzig den finanziellen Anreiz, der dadurch entsteht, dass man für Nachbarschaftshilfe entlohnt wird.

Die Dokumentation wirft auch die Frage auf, was mit denen geschieht, die niemanden haben, der sich um sie kümmert. Eine klare Antwort bleibt die Bitnation schuldig. Man windet sich, dass sich in unserer heutigen Gesellschaft niemand verantwortlich fühle, weil wir erwarteten, der Staat würde einspringen. Dass der Staat aber Teil unseres Systems der gegenseitigen Unterstützung ist - wir zahlen Steuern, kämpfen für Gesetzesvorhaben, sind versichert für den Krankheitsfall -, wird weder erkannt noch verstanden. Stattdessen driftet die Diskussion zum Grundeinkommen.

Durch Einsparungen in der Verwaltung und massenhafte Entlassung von Bürokraten würden Gelder für ein unspezifisches Grundeinkommen frei werden, was dann denen zugute käme, um die sich sonst niemand kümmern möchte. Auch wenn dies eher als Nebeneffekt erscheint. Sprich, das Problem, das die Bitnation sieht, bleibt bestehen, und niemand kümmert sich um die Bedürftigen, aber jetzt kriegen sie ein Grundeinkommen, unabhängig davon, welche Hilfe sie wirklich benötigen.

Die Bitnation ist alles in allem der Zusammenschluss von Informatikern, die global arbeiten, global verknüpft sind, global denken, und für menschliche Probleme stets technokratische Lösungen finden. Die in der Dokumentation erwähnte Peitsche des Gesetzes wird nicht, wie angestrebt, durch Zuckerbrot ersetzt, sondern durch die Peitsche gesellschaftlichen Ausschlusses. Altruismus gibt es nicht, sondern nur finanziellen Anreiz und Egoismus. Grauenvolle Idee, fürchterliche Umsetzung.

Zur sechsteiligen Doku-Webserie "Einfach gut leben in der BR Mediathek über unsere Beziehung zu Arbeit und Geld und die großen Fragen zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen.

Teil 1: Karoshi - Tod durch Arbeit

(Fenris Reschke)

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