Staatlich sanktionierter Spam

Lotterielosverkauf mit der Brechstange – per Bulk-E-Mail und Telefonterror

Spam gibt es an der Haustür, per Papierpost, per Fax, Mail, SMS und als Anruf. Doch nur wenige Spammer haben auch noch staatliche Unterstützung – wie die Klassenlotterien.

Bitte keine Werbung einwerfen – so steht es am Briefkasten von Mitmenschen, wenn andere diesen zu häufig mit einem Altpapiercontainer verwechseln und die erwartete Post dann keinen Platz mehr findet. Mit einem Zettel eines Pizzadiensts alle paar Wochen hat niemand ein Problem und auch die kostenlosen Anzeigenblätter sind willkommen, um das seit dem letzten Wolkenbruch im Kofferraum dümpelnde Wasser aufzusaugen. Mitunter finden sich darin sogar interessante Themen. Doch der deutsche Normbriefkasten in DIN-A-5 ist mit den heutigen Papierfluten schlicht überfordert.

Betteln, Hausieren, Versicherungsvertreter, Zeugen Jehovas und GEZ verboten – so steht es an der Haustür, wenn die Besucher es nicht beim Verstopfen des Briefkastens belassen, sondern die Bewohner auch noch aus dem Bett oder vom Thron klingeln wollen, um ihnen etwas zu verkaufen. Illegal ist allerdings beides nicht – nur lästig. Aber der Aufwand für Papierwerbung oder Hausbesuche ist vergleichsweise groß und verhindert so doch das völlige Ausufern in Form von 30 Versicherungsvertretern oder 20 Kilo Werbung am Tag.

Eindeutig verboten ist dagegen unerwünschte Werbung per Telefon, Fax oder E-Mail. Hier hilft auch kein Aufkleber und auch die immer wieder auftauchenden Robinson-Listen sind in der Praxis wirkungslos, da sie nicht beachtet werden – man kann ja klagen, aber wer außer Rechtsanwälten, die sich damit – zudem unter geringerem Kosteneinsatz als der Normalbürger – einen Namen machen oder ihr angeknackstes Image wieder retten wollen, tut das? Dafür fehlt einem die Lust, die Zeit und das Geld – und genau darauf setzen solche Störenfriede.

Jede Woche derselbe funkfernsteuerbare „Formel-1-Bolide“ im Fax

Und so findet sich regelmäßig ein Fax von „Guidoversand“ im Faxgerät, in dem irgendwelche überteuert angebotenen Billigkameras oder Kinderspielzeuge beworben werden, verbunden mit dem Hinweis „Falls Sie keine Faxinfos mehr wünschen, senden Sie uns eine Mail mit Ihrer Faxnummer“. Klar, damit dann die E-Mail auch mit Werbung belästigt werden kann. Es reicht ja schon, dass sich die „Angebote“ im Fax ständig wiederholen. Ebenso gibt es scheinbar fehlgeleitete Faxe mit irgendwelchen „Geheimtipps“ – ältere Leute, die den bei E-Mail seit Jahren üblichen Spamterror mit falschen E-Mail-Absendern und -Empfängern noch nicht kennen, versuchen dann auch prompt stundenlang, zu helfen und den Absender Dr. Gerrit Homburg des vermeintlichen Irrläufers ausfindig zu machen – und machen damit auch noch die ganze Verwandtschaft rebellisch. Den Spammer freut es – er hat so zwar nichts verkauft, doch maximale Aufmerksamkeit.

Ganz offensichtlich selbst nicht ganz sauber sind „Peter und Marlies“, die sich einbilden, dass Telepolis unbedingt eine Terrasse für irgendwelche hochnäsigen Gäste „kärchern“ oder gar deren Steine hochglanzlackieren lassen müsse und dazu eine Dienstleistung einer Fa. Droste per Spam bewerben. Klar, dass der Absender auch noch gefälscht wurde, was so nebenbei auch noch einen Mitarbeiter von Nickles in Verruf bringen soll. Wer auf die Idee käme, Werbung in Briefkästen mit falschem Absender einzuwerfen, könnte sich zu Recht auf eine polizeiliche Untersuchung gefasst machen – bei Fax und E-Mail ist es zwar ebenso kriminell, doch leider durchaus verbreitet, die in diesen Medien ohnehin verbotene unverlangte Werbung auch noch Unbeteiligten in die Schuhe zu schieben.

Bei E-Mail ist das Aussortieren von Werbung zwar am leichtesten möglich, doch ebenso auch das Verschicken. Infolgedessen hat die Werbung dort solche Ausmaße angenommen, dass ein Signal/Rauschverhältnis von 1:100 (eine echte persönliche E-Mail auf 100 Müllmails) heute keine Seltenheit mehr ist. Hier wurde der Begriff „Spam“ deshalb auch eingeführt, inzwischen dehnt er sich ebenso auch auf andere Internet-Dienste wie Instant Messenger, Gästebücher, Foren, Wikis und Blogs aus: Es wird schlichtweg alles und jeder zugemüllt.

Doch die älteren Medien Telefon und Fax sind trotz höherer Kosten für den Spammer nicht weniger betroffen, denn der Nervfaktor ist hier ebenfalls weit höher: Werbefaxe kosten Papier und belegen die Leitung, Anrufe reißen einen aus der Arbeit oder angenehmeren Tätigkeiten und SMS belegen den Handyspeicher, irritieren beim Autofahren und müssen mühsam gelöscht werden. Sie bringen in Nullkommanix eine vollbesetzte S-Bahn in Rage, wenn es auf einmal in allen Taschen piept, jeder sein Handy herauskramt – nur um statt der erwarteten SMS des Partners, ob es denn nun klappt mit dem Kino um Sieben, eine SMS von „Sandra, willig“ mit Sex-Werbung für irgendeinen Chat, eine 0190-Nummer oder eine Premium-SMS vorzufinden.

In unserer Branche mit meist eher längeren Arbeitszeiten bekommt man die Werbetelefonate zuhause allerdings kaum mit – nach 20 Uhr wäre der Nachtzuschlag im Callcenter viel zu teuer. Anders ist es natürlich, wenn der beruflich genutzte Apparat ins Fadenkreuz der Telefonwerber geraten ist: Ob windige Börsenmakler oder Anlageberater, Druckerpatronenverkäufer oder wieder mal Versicherungsvertreter, sie stören bei der Arbeit und versuchen sich auch an der Sekretärin vorbeizumogeln, so denn eine existiert.

Arbeitslose? Nein, Lotterielose!

Was allerdings garantiert nicht beruflich einzuordnen ist – außer bei Zockern, denen diese Methode, ihr Geld zu verplempern, aber viel zu langsam gehen dürfte – sind Lotterielose. Doch gerade diese werden per Callcenter seit Jahren penetrant in der Geschäftszeit beworben. Sollten Arbeitslose etwa die bevorzugte Käufergruppe sein? Nein, die werden doch schon auf die andere Seite – ins Callcenter – gesetzt. Auf Steuerzahlerkosten. Die Lotterien setzen vielmehr darauf, dass man entnervt ein Los kauft, nur um die Leitung schnell wieder frei zu bekommen und weiter arbeiten zu können, zumal ein solcher Anruf im Büro auch noch Ärger mit dem Chef bedeuten kann („ich habe Ihnen doch schon oft genug gesagt: Keine Privatgespräche im Dienst!“).

Die Versicherungsvertreter, die früher die ganze Familie und auch die Freunde der Kinder einspannten, um Telefonbücher nach geeigneten Adressen zu durchsuchen, haben inzwischen „Cold Calls“ auch im Büro offiziell gerichtlich verboten bekommen – es ist nicht nur lästig, wenn einem als langjähriger DKV-Kunde von einem Telefonwerber ausgerechnet eine DKV-Versicherung angedreht werden soll, es hält auch den ganzen Betrieb auf, wenn die Versicherungsvertreter sich über entsprechende Fragen („Können Sie mir bitte jemand aus dem Marketing / der Entwicklung / der Buchhaltung geben?“) durchmogeln und dabei noch jeder Menge anderer Leute Zeit stehlen. Die Druckerpatronenheinis rufen wiederum aus Österreich an und die Weingutbesitzer aus Italien, um eine Klage nach deutschem Recht zu verhindern. Nur die Anrufer der Lotterien haben Narrenfreiheit: Sie tun es im Auftrag staatlicher und öffentlich-rechtlicher Unternehmen. Und solche können sich im Bereich der Telekommunikation leider schlichtweg alles erlauben.

So ist ja inzwischen hinlänglich bekannt, dass ARD und ZDF das Internet inklusive privater Chats und persönlicher E-Mail als journalistisches Angebot aus ihrem Hause verstehen, nur weil es sich um ein elektronisches Kommunikationsmittel handelt. Für die Mails oder Chats mit Freunden wird deshalb auch ab 2007 TV-Gebühr fällig, nach dem Motto „Wenn Sie schon mit anderen Menschen aktiv kommunizieren, statt sich passiv von uns berieseln zu lassen, dann zahlen Sie uns gefälligst wenigstens die Sendungen, wenn Sie sie schon nicht gucken wollen!“. Man fragt sich nur noch, wann mit derselben Logik – es sind ja auch elektronische Medien – auch das normale Telefon und das Fax GEZ-pflichtig werden. Das Handy wird es jedenfalls ab 2007, wenn es internetfähig ist, also von WAP aufwärts und auf jeden Fall bei UMTS (Halbes DSL-Tempo für unterwegs).

Fax leergefaxt? Der Abmahner freut sich

Beim Fax zeigen sich neben der reinen Lästigkeit auch zusätzliche juristische Gefahren des Spammens: Wer ein Faxgerät besitzt, muss über dieses im Falle einer juristischen Auseiandersetzung auch erreichbar sein. Wenn das Gerät dann bei einem Journalisten wegen jeder Menge Pressemeldungen im Vorfeld der CeBIT und einem zusammen mit einer Pressemitteilung zugefaxten 50-seitigen Halbleiter-Datenblatt sowie dem "normalen" Werbemüll kein Faxpapier mehr hat, kann dies teuer werden.

Die Justizabteilung des westdeutschen Rundfunks äußerte dazu, es sei ein Fehler, das Faxgerät dazu zu verwenden, Presseinformationen für die berufliche Arbeit zu erhalten, statt es für wichtigere Dinge wie beispielsweise Abmahnungen frei zu halten. Offensichtlich unvorstellbar, dass jemand das Geld für ein Faxgerät nicht dazu ausgibt, um der öffentlich-rechtlichen Anstalt das Porto für ein Einschreiben zu ersparen, sondern damit eigentlich einmal andere Dinge vorhatte.

Auch „Pressemitteilungen“ können Spam sein

Inzwischen haben sich viele Journalisten das Zusenden von Pressemeldungen per Fax verbeten oder das Gerät kurzerhand wieder abgeschaltet, wenn auch nicht wegen der Abmahngefahr: Der Papierverbrauch ist ärgerlich und kostspielig und die Papierausdrucke unpraktisch. Auch Computerfaxe sind keine Lösung, da sie ebenfalls keinen Klartext, sondern Grafikdateien liefern. Mails lassen sich wesentlich leichter ordnen. Wer das dann ignoriert und auch völlig Unbekannten Faxe schickt, macht sich ausgesprochen unbeliebt. So ein Unternehmen, das eine von ihm ausgehende Abmahnung und einen Rechtsstreit mit einem freien Journalisten als Faxmassensendung an alle beschaffbaren auch privaten Faxnummern anderer freier Journalisten kundtat. Viele Kollegen bekamen gehörig einen Schreck, da das Fax ohne Absenderkennung kam und mancher wohl beim ersten Blick dachte, gerade selbst angezeigt, abgemahnt oder vor Gericht gezerrt zu werden.

Alles ziemlich dämlich und ärgerlich, aber für Leute mit genug Zeit und Energie für Unsinn auf dem Rechtsweg sicherlich angreifbar. Wogegen allerdings überhaupt kein Kraut gewachsen ist, weil es sich um staatliche und öffentlich-rechtliche Institutionen handelt, das sind die Klassenlotterien und ihre Lotterieeinnehmer.

Alte „Freundschaften“ sterben nie

So hat sich zwischen der Süddeutschen Klassenlotterie und ihrer staatlichen Lotterieeinnahme Glöckle und mir eine sehr intime Beziehung entwickelt. Erst war es angeblich das Fernsehstudio von Günter Jauch (Günther Jauch und sein unartiges Studiopersonal), das beruflich etwas von mir wollte – nämlich mir Lotterielose zu verkaufen. Ja haben die bei RTL denn nix Vernünftiges zu tun? Nein, es war natürlich nicht RTL, sondern ein Callcenter…

Dann wollte die nächste Callcenter-Dame zu meinem Geburtstag doch glatt mit mir ins Hotel (Wenn der Spammer dreimal klingelt), um ihr Los loszuwerden. Ein Single hätte sich über die Offerte vielleicht sogar gefreut, für den Preis wäre er in den einschlägigen Etablissements nicht zum Zug gekommen. Allerdings: Seit wann halten Lotterielosverkäuferinnen schon, was sie versprechen?

Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits einen Schriftwechsel mit SKL und Glöckle mit dem Ziel, die Anrufe bitte abzustellen, da ich beruflich eigentlich andere Themen bevorzuge, das Thema auf Telepolis mit zwei Artikeln doch nun wirklich "durch" ist und ich privat kein Geld für Lotto übrig habe. Leider ergebnislos: Meine Telefonnummer sollte nun bei SKL/Glöckle auf einer schwarzen Liste sein. Das stimmt vielleicht sogar. Nur benutzt in den Callcentern niemand diese Liste. Und so kam exakt sechs Monate später wenige Minuten vor dem Mittagessen wieder ein Lotterie-Anruf.

“Wir waren das nicht, das muss ein anderer gewesen sein!“

Immerhin: Die Dame war diesmal höflich, gab sich nicht als RTL-Mitarbeiterin aus und zeigte auch keine Absichten auf ein Schäferstündchen – rein akustisch schein sie dafür auch nicht mehr im geeigneten Alter zu sein. Handelseinig wurden wir uns dennoch nicht, denn sie wollte ein Los verkaufen und ich keins haben. Als ich nach der „schwarzen Liste“ frage, legte sie grußlos auf – und kaum wollte ich mich nun in die Mittagspause begeben, klingelte das Telefon erneut. Wieder SKL/Glöckle-Callcenter. Werden Gespräche vorzeitig abgebrochen, weil Callcenter oder Belästigter den Hörer auf die Gabel knallen, wird nämlich automatisch neu angerufen. Und nun wurde ein anderer aus Nigeria-Spam-Mails schon bekannter Trick versucht: „Ach, Sie heißen Roth, ich heiße auch Roth, ist das nicht lustig?“. Nein, ist es nicht.

„Natürlich“ streiten SLK und Glöckle ab, dass diese Anrufe von ihnen kamen und es gäbe bei ihnen auch gar keine Frau Roth. Nun, die heißt ja auch nur Roth, wenn sie bei Roth anruft – wenn sie bei Müller anruft, heißt sie Müller – hach, ist das nicht lustig? Aber SKL/Glöckle behaupten ernsthaft, die böse Konkurrenz (wer soll das sein?) würde Anrufe im Namen der SKL tätigen, um diese zu diskreditieren, doch hat die Anruferin dann verblüffenderweise meine gesamte bisherige Kontakthistorie vorliegen und weiß auch, dass der letzte Anruf sechs Monate her war. Also hat die böse Konkurrenz offensichtlich auch noch die Datenbank von SKL/Glöckle gehackt, logisch. Und nur den angeblichen Sperreintrag nicht mitkopiert. So wie anderswo E-Mail-Spam, der natürlich nur aufgrund von gehackten Mailservern verschickt wurde. Wer’s glaubt, der spielt auch Lotto…

Mittlerweile wirklich entnervt fordere ich die SKL auf, nun endlich und wirklich nicht mehr anzurufen. Daraufhin bekomme ich die Auskunft, die Anrufe hätten nichts mit der SKL zu tun und ich solle doch beim nächsten Anruf eins der angebotenen Lose kaufen, um zu beweisen, dass es sich um einen echten SKL-Anruf handele.

Ominöse Spammail

Kurz darauf klingelt das Telefon – wie üblich mit unterdrückter Nummer – und eine Dame behauptet, ich sei in einer exklusiven Premium-Vorauswahl der SKL und sie müsse jetzt nur wissen, ob ich lieber ein Mercedes Cabrio oder ein BMW Cabrio führe, damit sie mein Los in die richtige Lostrommel legen könne. Doch obwohl ich ja angeblich bereits gewonnen habe, soll ich doch jetzt erst einmal ein Los kaufen…

Diesmal funktioniert die schwarze Liste: Das telefonisch gekaufte „Beweis-Los“ wird nämlich wundersamerweise nicht zugeschickt und auch nicht abgebucht. Nur die störenden Werbeanrufe verhindern, also das, worum es ja eigentlich geht, tja genau das kann die „schwarze Liste“ leider nicht. Somit ist klar, dass diese Taktik der "Testbestellung", zu der auch Verbraucherzentralen raten, nicht funktionieren kann: Die Callcenter rufen stets mit unterdrückter Nummer an, die man nur im Falle von Straftaten von der Telefongesellschaften erhalten kann – wozu Werbeanrufe auch mit sexuellen Angeboten nicht zählen. Der Auftraggeber behauptet dagegen nachher, er habe keine Ahnung, wer da in seinem Namen angerufen habe. Die Call-Center geben wiederum als Rückrufnummer inzwischen nicht mehr ihre eigenen Nummern heraus wie noch bei den ersten SKL-Anrufen, sondern die Hotline der Lotterieannahme Glöckle, die dann nachher versichert, unter dieser Nummer nur Gespräche annehmen aber keine tätigen zu können, es also nicht selbst gewesen zu sein – was aber auch niemand behauptet hat.

Lässt man es tatsächlich auf einen Prozess ankommen, so wird die Lotterieeinahme folglich frech behaupten, das Call-Center nicht zu kennen und keine Ahnung zu haben, wie es zu diesen Anrufen kommt. Oder den Belästigten kurzerhand der Lüge bezichtigen und ihm unterstellen, er erfände die Anrufe. So wie Rechtsanwalt Dr. Mahne aus Stuttgart, der die SKL vertritt, mir am 5. November 2004 unterstellte, mir diese in meinen "investigativen journalistischen Bemühungen" auszudenken. Ja, es mag manchem schon als unerwünschter "investigativer Journalismus" erscheinen, wenn man ein klingendes Telefon abhebt und die Uhrzeit sowie den Inhalt des Gesprächs notiert, dann aber nicht wunschgemäß Lotterielose kauft.

Aha, das Glück macht man glücklich, wenn man Lotterielose kauft...

Wenige Tage später ruft ein junger Herr von der Norddeutschen Klassenlotterie an und erzählt, er habe gute Nachrichten: Die Regionalbeschränkung von NKL und SKL sei nun für den Telefonverkauf aufgehoben! Man kann also nun doppelt so viele Werbeanrufe bekommen wie zuvor – na ist das kein Fortschritt? Und man bekommt nun auch Spammails für NKL-Lose: „Heinrich Hesse“ (heinrich.hesse@kimble-corporation.com) verschickt mit einer wirren Story sowohl an mehrere private Adressen als auch Adressen des Heise-Verlags einen Link. Spam, wie er im Buche steht. Jeder normale Spamversender bekäme den Webspace abgeschaltet. Doch der obige Link, der zur staatlichen Lotterieeinnahme Wolf weiterführt, geht nun auch zwei Monate nach der Spamwelle noch. Und bestimmt war es wieder die böse Konkurrenz (SKL gegen NKL?), die den Mist verschickt hat.

Wie eine Anwaltskanzlei der SKL mittlerweile durchblicken läßt, habe man als Privatmann gegen eine öffentlich-rechtliche Anstalt bekanntlich sowieso keine Chance und solle sich deshalb nicht beschweren. Also werden die Damen von SKL/Glöckle wohl weiter alle paar Monate anrufen und mich fragen, ob ich lieber den Ferrari oder den Maserati will. Nur wie soll man Spam eigentlich anderswo erfolgreich eindämmen, wenn bei für den Staat tätigen Callcenter und Lotterieeinnahmen wegen der über die Lotterien zu erwartenden Einnahmen anscheinend keine Gesetze gelten und sie so bereits ein schlechtes Vorbild geben?

NKL – wir machen Millionäre. Mit Spam.

Übrigens gelang es nicht einmal, diesen Text zu schreiben, ohne dreimal von jenen notorischen Anrufen ohne Rufnummer unterbrochen zu werden. Eigentlich sollte man Anrufe ohne Rufnummer schlicht nicht mehr annehmen, doch da gerade ein Familienmitglied im Krankenhaus liegt und von dort die Rufnummern nicht übertragen werden, war es nicht zu umgehen. Und jedesmal derselbe Dialog:

"Ja?" (Wenn der andere sich anonym ohne Nummer meldet, muss ich ja auch keinen Namen nennen, oder?)
"Spreche ich mit Wolf-Dieter Roth?"
"Ja" (innerlich schon angesäuert, da klar ist, was kommt, aber es könnte ja auch eine Pressestelle sein, also höflich bleiben)
"Herr Roth, gut, dass ich Sie gerade jetzt persönlich antreffe!" (Oh ja, wie ungewöhnlich, mich an meiner Durchwahl zur Arbeitszeit anzutreffen – und was will die Dame denn schon wieder so persönlich von mir – etwa schon wieder zu Günther Jauch nach München ins Hotelzimmer?)
"Wir sind eine kleine Winzerei im Rheinland und haben für Sie ganz exklusiv..."
"Ich brauche keinen Wein, ich bin bei der Arbeit!"
"Na aber nach Feierabend..."
"Wenn hier dauernd das Telefon geht, komme ich nicht zum Feierabend!"
"Wir haben aber für Sie ganz exklusiv..."

Der Hörer mit der begriffsstutzigen Frau wird beiseitegelegt und quatscht weiter munter vor sich hin. Bis es aus dem Hörer schließlich Herr Roth! Hallo?! Hallooo?!? Herr Roth??? – Pause – Klick! macht, sind immerhin drei Absätze geschrieben, während denen gottseidank kein weiterer Störenfried anrufen kann. Dafür fragt fünf Minuten später der Kollege, wieso denn das Telefon so lange besetzt war... (Wolf-Dieter Roth)

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