Staatliche Kursversicherung für eine Aktien-Rente?

Grafik: TP

Trotz Jahresrendite von 8% nutzen Deutsche die Chancen der Aktienanlage nicht

Trotz mehrerer Baissen, großer Schwankungen und aktueller Börsenschwäche erzielte der DAX in 1988 -2018 mit 8% Jahresdurchschnittsrendite die gleiche Performance wie die US-amerikanischen Barometer Dow Jones oder S&P500. Ein heutiger Rentner, der in dieser Zeit durchgehend monatlich 100€ in Aktien angelegt hätte, könnte heute auf stolze 142.000 € zurückblicken (Berechnung mit Tool). Umgelegt auf 15 Jahre einer zu erwartenden Restlebenszeit würde er mit diesem Kapital sein Altersruhegeld um fast 800 € monatlich spürbar aufbessern und die "Einkommenslücke" zum Salär in der Berufszeit womöglich schließen.

Während aber die Amerikaner und andere Nationen (Briten, Finnen, Schweizer, Niederländer, Japaner) mit einer Aktienquote von über 20% die Börse als "Einkommensquelle" nutzen, gelten die Deutschen (Quote 6%) als hartnäckige "Aktienmuffel". Obwohl sich unsere Landsleute gerne als Sparweltmeister sehen, investieren sie ihr Geld meistens phantasielos in renditeschwache Anlagen, wie Lebensversicherungen, Sparbücher oder Bausparverträge (letzter Renner sind die sog. ETFs). Damit sparen sie sich letztendlich arm.

Nicht nur die deutschen Haushalte sind risikoscheu. Auch die professionellen Lebensversicherer weisen Aktienquoten im einstelligen Prozentbereich aus und sind (waren) z.B. britischen Konkurrenten haushoch unterlegen. Als die kapitalstarke Assekuranz dann in 2000-2002 versuchte ad hoc die Aktienquoten massiv aufzustocken, geriet sie dummerweise in eine weltweite Börsenbaisse. Nur dank der Aussetzung von Abschreibungen und der Bildung von "stillen Lasten" gelang es, die Branche zu retten. Die aktienaffinen Briten kamen dagegen ohne Bilanztricks glimpflich davon, weil sie früher hohe Börsengewinne akkumuliert hatten. Aktie ist eine Langfristanlage. Das vergisst man in Deutschland häufig.

Vielfältige Gründe für die Aktienaversion der privaten Haushalte

Das Beispiel der Lebensversicherungen zeigt, dass die Aktienaversion hierzulande in der mangelnden Erfahrung mit Aktien liegt. Diese beginnt mit fehlendem Wissen über die Kapitalmärkte, das Anlagemedium selbst und die Funktionsweise der Börse - darüber soll bald in den Schulen aufgeklärt werden. Sie fand ihre Bestätigung in der Katastrophe des Neuen Marktes (2000-2002) und endet heute mit dem Flopp der Riester-Aktienpläne. Zum Unwissen gesellt sich anhaltendes Misstrauen in die Beratungsfähigkeit der Banken.

Die Institute verkaufen unwissenden Kunden lieber gebührenträchtige, aber renditeschwache Produkte - bei Fonds werden "Ausgabeaufschläge" von bis zu 5% erhoben - als Aktien an denen sie kaum verdienen. So bekommt der deutsche Säugling, anders als sein amerikanisches Pendant, von den glücklichen Eltern statt der Aktien oft ein Sparbuch oder ein Zertifikat in die Wiege gelegt. Auch unterlassene Risiko-Aufklärung ist nach wie vor verbreitet.

Die Einstufung der Depotkunden in Risikoklassen und die Verfassung von Gesprächsprotokollen helfen da wenig. Z.B. wird beim Verkaufsrenner ETFs (Exchange Traded Funds) auf den DAX der den Index "abbildet", dem Anleger verschwiegen, dass er hier, - wie einst bei den Lehman-Zertifikaten, - keine körperlichen DAX-Aktien erwirbt, sondern nur ein Versprechen der Emissionsbank, ihm die Differenz zwischen den Indexständen am Kauf- und Verkaufstag auszuzahlen. Wird die Bank insolvent, droht Totalverlust.

Zusammengefasst bleiben Aktien für den Durchschnittdeutschen zu spekulativ, zu riskant und zu kompliziert. So bleibt der Privatanleger lieber bei seinem bewährten Anlageverhalten und vergleicht die Top-Listen für Festgeldzinsen, die bei Jahresgeldern aktuell kaum über 1% liegen.

Der Staat hat an der Förderung der privaten Altersvorsorge versagt

Auch als im vergangenen Jahrtausend der Spruch von Arbeitsminister Blüm "Die Renten sind sicher" noch als unantastbar galt, hat der Staat das (Wertpapier-)sparen gefördert. An Versuchen mangelte es nicht. Immer wieder wurde betont, Vermögensaufbau für den Lebensabend des Bürgers habe allerhöchste Priorität. Vermögenswirksame Leistungen, Sparerfreibeträge, Arbeitnehmersparzulage, Riester-Förderung, Altersvorsorgesparen sind nur einige wenige Beispiele aus dem früheren und heutigen Maßnahmenkatalog.

Leider erwiesen sich diese wechselnden, häufig intransparenten Bemühungen als unwirksam. Einerseits wollte der Souverän nicht richtig Geld in die Hand nehmen, andererseits bevorzugten die Bürger renditeschwache Anlagen - wie oben gezeigt. Im Endeffekt blieben die Sparweltmeister im internationalen Vergleich des Geldvermögens mit knapp 50.000 € in 2016 auf Platz 18 weit abgeschlagen. Unsere Nachbarn, die Schweizer, konnten mit 175.000 € mehr als das Dreifache, die Schweden immerhin noch das Doppelte vorweisen. Bei der Bildung von Wohneigentum halfen die Fördermaßnahmen noch weniger.

Wenn heute trotz der hochgelobten "Jahrhundertreform" von 2004 über die drohende Rentenarmut laut gesprochen werden darf, gilt es genauso über unorthodoxe Lösungen laut nachzudenken.

Staatliche Kurssicherung für die Aktien-Rente als vielversprechende Lösung

Das Versagen des Staates lag letztendlich darin, dass ihm nicht gelungen war, aus den Bürgern ein Volk von Aktionären zu machen. Diese hätten ihren Vermögensaufbau nicht mit Hilfe staatlicher Zulagen und Steuervergünstigungen, sondern mit Börsengewinnen aufbauen müssen. Die Börse hätte für sie das "Geld" verdienen müssen.

Um den alten Kardinalfehler in Zukunft zu vermeiden, sollte der Staat die Chancen des Aktienmarktes nutzen und das langfristige Kursrisiko einer Aktien-Rente (Rente aus Aktienvermögen) übernehmen. Als Nebenbedingung wäre eine Mindestverzinsung zu garantieren - z.B. in Höhe der jährlichen Steigerung der Gesetzlichen Rente von 2%. Würde sich herumsprechen, der "Staat übernehme das Börsenrisiko", könnte der deutsche Sparweltmeister endlich aus der Reserve gelockt werden.

Es ergäbe sich ein signifikanter Schub für den Aktienmarkt und die Volkswirtschaft generell. Eine Verdoppelung der Aktienquote durch Umschichtung aus bestehenden renditeschwachen Investments würde 360 Mrd. € frisches Geld in den deutschen Aktienmarkt fließen lassen und sich auf Dauer kursstabilisierend auswirken.

Auf den ersten Blick klingt ein solches Kurssicherungskonzept utopisch, weil sich damit für den Haushalt ein "Fass ohne Boden" auftuen könnte. Das ist ein Trugschluss, denn ein solches Renten-Modell wäre unter nachfolgenden Bedingungen und Prämissen durchaus finanzierbar. Erstens: Der Staat übernimmt die Rolle des Aktieninvestors.

Er geht insofern keine Kursrisiken ein, weil diese temporär sind, was lange Zeitreihen belegen. Baisseperioden ("Durststrecken") dauern nicht länger als fünf Jahre, bevor sich der Markt sich erholt und neue Höchststände erreicht. Anderenfalls wäre eine DAX-Rendite von 8% nicht möglich. Für Anleger, die nicht warten können, entsteht aber ein Zeitrisiko, das ihnen der Staat abnimmt. Durch Zuwarten kamen auch die deutschen Lebensversicherungen Ende 2004 aus der Verlustzone heraus.

Zweitens: Für die Kursgarantie dürfte der Staat eine gängige Garantiegebühr von 1% erheben, die für die Bildung der in Notzeiten aufzulösenden Reserven zu verwenden wäre. Auch konstante Sätze von angenommen 20% der DAX-Performance wären denkbar. Sollten die Reserven nicht ausreichen, müsste der Bund vorübergehend einspringen. Bei den verbliebenen 7% bekäme im obigen Beispiel der Aktien-Sparer immer noch 117.000 € ausgezahlt. Auch die staatliche Garantiegebühr von 25.000 € ließe sich sehen.

Drittens: Die Anlageregeln (Beispiele: nur in DAX-Aktien investieren, keine vorzeitige Kündigung, Auszahlung erst zu Beginn des Rentenalters nach 5 Jahren Mindestanlagezeit) und die Festlegung der Berechtigten (nur für Rente-Sparer) sollten einfach sein und unveränderbar bleiben.

Die Mitwirkung der Banken wäre dabei aus Kostengründen so klein wie möglich zu halten. Hohe Kosten entstehen nur dann, wenn zu viel Beratung, zu viel Umschichtung, zu viel Akquisition und eine zu bunte Produktvielfalt vorliegen. Davon lebt das Wertpapiergeschäft der Institute und der Fondsgesellschaften. Bei einem zu gründenden Staatlichen Rentenfonds würden diese Malus-Faktoren jedoch weitgehend entfallen.

Diese zentrale Kapitalsammelstelle würde die regulär einfließenden Anlegegelder von den Kundenbanken sammeln, eine überschaubare Brokerzahl würde nur DAX-Aktien kaufen, Dividenden anlegen und die Papiere erst bei einzelnen Rentenauszahlungen verkaufen. Mit diesem Konzept wird das Rad nicht neu erfunden. Wenn es bei Fonds und Lebensversicherungen (investieren zu 80% in Anleihen!) dennoch nur bedingt funktioniert, so liegt das am Profitcenter-Charakter der gewerblichen Finanzdienstleister, die unter ständigem Performance- und Anlagedruck stehen.

Kritiker, die die Aktien-Rente, welche noch vieler "Feineinstellungen" bedarf, wegen angeblicher Diskriminierung und fehlendem Anlagekapital beim kleinen Mann madig machen wollen, sei zu entgegnen: Die vorgenannte Marke von 8% gilt für jeden Anlagebetrag, auch für Kleinstbeträge. Zudem kann immer noch vom Sparbuch umgeschichtet werden. Eine Diskriminierung liegt ebenfalls nicht vor, wenn bestehende Fördermaßnahmen bleiben. Ein Aktiensparen wäre freiwillig.

Der Zeitpunkt für eine Diskussion über die Aktienrente auf der vorgestellten Basis ist angesichts der Angst vor der sich verbreitenden Angst vor einer Rentenarmut günstig. Gewöhnlich vergehen Jahre, bis ein solches Konzept in Gesetzesform gegossen wird. Der Einstiegszeitpunkt in einen gerade konsolidierenden DAX reduziert die Gefahr größerer Kursverluste gleich zu Beginn der Etablierung der neuen Rentenform. Die ersten Auszahlungen sollten ohnehin erst nach einer angemessenen Laufzeit vorgenommen werden, nicht vor 2025. Ein "Weiter so!" mit immer neuen Förderideen geht auf keinen Fall! (Viktor Heese)

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