Staatsstreich von Oben?

Mathias Bröckers diskutiert mit dem Historiker Andreas Etges über das Kennedy-Attentat

Am gestrigen Montag hielt der Journalist Mathias Bröckers im Münchener Amerika Haus einen Vortrag über sein Buch JFK - Staatstreich in Amerika und diskutierte im Anschluss mit dem Historiker und Kennedy-Biographen Andreas Etges. Moderiert wurde die Veranstaltung von Telepolis-Redakteur Peter Mühlbauer.

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Bröckers begann seinen Vortrag mit dem Gedanken, dass - obwohl das Attentat fünfzig Jahre hinter uns liegt - der Fall immer noch interessant ist, weil er noch nicht geklärt ist und in den letzten 15 Jahren neue Fakten aufgetaucht seien. In seinem Buch stelle er die These auf, dass es sich nicht um das Attentat eines einzelnen Irren, sondern eben um einen Staatsstreich von oben gehandelt habe.

Bröckers begründete diese These wie folgt: Erst einmal habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Gedanke durchgesetzt, dass eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Blöcken aufgrund ihrer atomaren Waffenarsenale unmöglich sei. Diese Erkenntnis dämmerte auch John F. Kennedy, nachdem er 1960 als antikommunistischer Hardliner überraschenderweise den Wahlkampf gewonnen hatte.

Während der fehlgeschlagenen Invasion von Exil-Kubanern in der Schweinebucht sei Kennedy 1961 nämlich klar geworden, dass ihm als Präsidenten von seinem Militärstab und den Geheimdiensten wichtige Informationen vorenthalten wurden und dass diese eine militärische Eskalation provozieren wollten. Kennedy verweigerte bekanntlich den amerikanischen Militäreinsatz und die Operation ging schief. Dies sei der erste Schritt Kennedys weg von seinem militärischen Umfeld gewesen.

Während der Kubakrise ein Jahr später habe Kennedy deswegen den Geheimkontakt zu Chruschtschow gesucht, um den Weltkrieg zu vermeiden, den seine Militärstrategen angeblich in Gang setzen wollten. Beide Regierungschefs hätten sich daraufhin im letzten Moment geeinigt, die Raketen in Kuba und in der Türkei abzubauen.

Dies stelle den zweiten Schritt der Entfremdung zwischen Kennedy, den Militärs, dem Geheimdienst und dem militärisch-industriellen Komplex dar. Als sich nun Kennedy für den Rückzug amerikanischer Militärberater aus Asien starkmachte, das Wettrüsten unterbinden wollte und sich der Bürgerrechtsbewegung zuwandte, sei für das militärische und konservative Establishment das Maß voll gewesen.

Bröckers glaubt nicht, dass der offizielle Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald wirklich ein Kommunist war. Vielmehr handelt es sich seiner Meinung nach um einen Geheimdienstmitarbeiter und ehemaligen Spion, der für den Mord als Sündenbock ausersehen wurde. Oswald habe nämlich die Täterschaft auch nach einem achtstündigen Verhör bestritten.

Außerdem würden Zeugenaussagen belegen, dass er sich während des Attentats gar nicht im 5. Stock aufhielt, von wo aus der offiziellen Version nach geschossen wurde, sondern in der Kantine im Erdgeschoss. Selbst konservative Interpreten des Attentats, so Bröckers, müssten zugeben, dass die Fakten, die für die Täterschaft Lee Harvey Oswalds sprechen, so dünn sind, dass er, wenn es zu einem Prozess gekommen wäre, das Gericht als freier Mann verlassen hätte.

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Bröckers führte weiter aus, dass die Sicherheitsplanung in Dallas für Kennedy ausgesprochen lax war: Statt einer üblichen Motorradeskorte von acht Mann wären es nur vier gewesen, auf den Trittbrettern platzierte man nicht wie üblich Leibwächter und die Route des Präsidenten wurde einen Tag vorher in der Zeitung veröffentlicht.

Verschiedene Zeugen hätten außerdem Schüsse hinter einer Hecke ausgemacht. Als ein Verkehrspolizist diesen Hinweisen nachging, fand er einen Secret-Service-Mitarbeiter vor. Allerdings wären an diesem Tag an diesem Ort offiziell überhaupt keine Leute vom Secret Service anwesend gewesen.

Bröckers zweifelt an, dass Kennedy nur von hinten in den Kopf getroffen wurde. Der Polizist, der hinter dem Auto von Kennedy mit seinem Motorrad fuhr, bezeugte nämlich, dass er von Knochensplittern, Blut und Teilen von Kennedys Hirn angespritzt wurde. Zudem existierten Aussagen des Mannes, der die Leiche von Kennedy im Krankenhaus photographierte, wonach das offizielle Bild des Toten nachbearbeitet worden sei. Außerdem seien die Schüsse von Dallas zu der Zeit nicht das einzig geplante Attentat auf Kennedy gewesen, in Chicago und Florida seien geplante Anschläge aber durch Zufälle verhindert worden.

Am Ende seines Vortrages wies Bröckers noch darauf hin, dass viele wichtige Dokumente noch immer nicht freigegeben worden seien, und forderte, dass Lee Harvey Oswald posthum freigesprochen werden müsse. Die Morde an John F. Kennedy, Martin Luther King und Robert Kennedy seien seiner Ansicht nach besser als Teil eines Staatsstreichs gegen das progressive Amerika erklärbar.

Andreas Etges kritisierte Bröckers Buch anschließend, weil der Autor seinem Eindruck nach alles, was für seine Thesen spreche, aufbausche und alles, was sie argumentativ unterlaufe, entweder ausblende oder herunterspiele. Außerdem arbeite Bröckers mit den "Werken eines Zitierkartells", das die Vorgänge in seinem Sinne interpretiere.

Etges stimmte auch der Interpretation Bröckers von dem späten Kennedy als Friedensstreiter nicht zu: Kennedy trat nämlich trotz einiger beachtlicher pazifistischer Aussagen bis zu seinem Tod immer noch als kalter Krieger auf und vertrat auch in Sachen Vietnam im Einvernehmen mit seinen Generalen eine offensive Strategie.

Von Zeugen wie dem Photographen, der bestritt, das offizielle Toten-Bild sei sein Original-Bild gewesen, würden zudem auch gegenteilige Aussagen existieren. Der Grund, dass verschiedene Dokumente noch nicht freigegeben werden, könnte Etges nach auch daran liegen, dass hier dritte noch lebende Personen in unsachgemäßer Weise verunglimpft würden, sodass man darauf Rücksicht nehmen müsse.

Dies hätte sich bei einem kürzlich frei gegebenen Film-Interview mit Jackie Kennedy gezeigt. Außerdem wäre es ganz beachtlich, wenn bei der tödlichen Kennedy-Verschwörung tatsächlich Edgar J. Hoover, das FBI, die CIA, Lyndon B. Johnson, die Mafia und korsische Killer involviert gewesen sein sollten.

Im Anschluss an das Gespräch kam auch noch das Publikum mit teilweise wilden Spekulationen zu Wort, bis der Moderator den Abend mit dem Brecht-Zitat "Und so sehen wir betroffen / den Vorhang zu / und alle Frage offen" abschloss. (Reinhard Jellen)

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