Stabilisieren, Deregulieren, Liberalisieren, Privatisieren

Die Folgen sind verheerend

Zunächst einmal brüstet sich der IWF damit, dass er die Finanzsituation des Dorfes durch den Kredit "stabilisiert" und den Bau der neuen Schule damit erst ermöglicht habe. Die Dorfbewohner jubeln ebenfalls, schließlich freuen sie sich, dass ihre Kinder demnächst eine neue Schule besuchen können. Doch schon bald kommt es zu einer Reihe von Ereignissen, die das Leben in ihrem Dorf nachhaltig verändern.

Wenige Tage nach der Vergabe des Kredites reiben sich die Dorfbewohner in der Frühe die Augen, denn der Brunnen in der Mitte des Dorfes ist abgedeckt und verschlossen. Davor steht ein Schild, dass das Wasser ab sofort gegen Bezahlung in einem Laden an der Ecke erhältlich ist. In anderen Worten: Die Vergabe des Brunnens an den Investor hat dazu geführt, dass die Dorfbewohner von nun an für ein Gut, das ihnen bisher kostenlos zur Verfügung stand, zahlen müssen. Und nicht nur das: Ab sofort sind sie bei der Befriedigung ihres Menschenrechtes auf Wasser von der Preisgestaltung des Investors abhängig, dessen Interesse es natürlich ist, möglichst hohen Profit zu erzielen - das Ergebnis der Privatisierung.

Einige Wochen später erfolgt der nächste Schock: Die ersten Gemüse- und Geflügelbauern auf dem Markt müssen ihre Stände schließen. Der Grund: Der internationale Nahrungsmittelkonzern hat sie durch Dumpingpreise in den Ruin getrieben. Sobald aber die letzten Gemüse- und Geflügelbauern ihre Betriebe geschlossen haben, erhöht der Nahrungsmittelkonzern seine Preise so kräftig, dass nur noch die wohlhabenden Dorfbewohner sich Fleisch und Gemüse leisten können.

Das Prinzip der "Liberalisierung" des Handels, also der Schaffung einheitlicher Wettbewerbsbedingungen für Kleinbauern und Großkonzerne, hat so auf direktem Weg zum Ruin der bäuerlichen Betriebe und geradewegs in die Abhängigkeit von ausländischen Nahrungsmittelkonzernen geführt. (Diese Politik hat im großen Stil dazu geführt, dass sämtliche afrikanische Länder, die früher Selbstversorger waren, heute Nahrungsmittel importieren müssen.)

Drei Monate später erleben die Dorfbewohner die nächste böse Überraschung: Die kleine Bank, bei der sie bisher ihre Sparkonten unterhielten, muss schließen, weil sie mit den extrem günstigen Konditionen der Filiale der Großbank nicht mithalten konnte. Sobald sie aber ihre Schalter geschlossen hat, verschlechtern sich die Konditionen der Großbankfiliale ganz rapide, so dass nur noch die wohlhabenden unter den Dorfbewohnern sich den Luxus eines Bankkontos (und dazu den Erwerb riskanter Papiere) erlauben können. Die "Deregulierung des Finanzwesens" hat also zum Zusammenbruch des lokalen Bankwesens und direkt in die Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern geführt.

Das Fazit: Während der Bürgermeister und der Bauunternehmer die 25.000 Dollar, die sie den Dorfbewohnern gestohlen haben, unbehelligt behalten konnten, haben die Strukturanpassungsmaßnahmen die Dorfbewohner dazu verurteilt, durch höhere Lebensmittelpreise, die Abhängigkeit von einer ausländischen Bank und den Verlust des Menschenrechts auf Wasser, gekoppelt mit der finanziellen Abhängigkeit von einem Investor, für die Korruption ihrer Finanz- und Wirtschaftselite aufzukommen.

Der IWF wäscht seine Hände in Unschuld

Als sich nun einige empörte Dorfbewohner zusammentun und öffentlich gegen die Politik des IWF protestieren, verweisen dessen Vertreter auf den Letter of Intent des Bürgermeisters und verkünden mit Unschuldsmienen, man habe doch nur nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und ausschließlich solche Maßnahmen durchgesetzt, die der demokratisch gewählte Vertreter der Dorfbewohner dem IWF aus freien Stücken angeboten habe....

Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches "Weltmacht IWF - Chronik eines Raubzugs", erschienen im Tectum-Verlag, Marburg.

(Ernst Wolff)