Stadien ohne Zukunft

Stadion Śląski. Bild: Sojomail. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Dass die Proteste gegen die Verschwendungssucht der Politik und den Größenwahn der FIFA berechtigt sind, zeigt die Situation bei den Gastgebern der letzten großen Fußballturniere. All diese Länder haben heute Probleme, die Stadien zu unterhalten

Malerisch, traumhaft, wunderschön. Für die polnische Stadt Krakau mit ihren unzähligen Sehenswürdigkeiten gibt es noch weitere Superlativen - oder einfach nur Seufzer der Begeisterung, wenn man keine Worte findet. Eine architektonische Schönheit, die sich in Krakau auch in den Besucherzahlen widerspiegelt. Keine andere polnische Metropole hat jährlich so viele Touristen, wie die einstige Residenzstadt polnischer Könige.

Vielen Politikern sind die bisherigen Besucherzahlen jedoch nicht ausreichend genug. Um Krakau in der Welt noch bekannter zu machen, entschied sich im Oktober 2012 die lokale Politik für eine Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2022. Eine Idee, die sowohl bei der Bevölkerung der südpolnischen Stadt als auch beim Großteil der polnischen Öffentlichkeit auf wenig Begeisterung stieß. In einem Referendum, das in Krakau am 25. Mai zeitgleich mit den Wahlen zum Europäischen Parlament stattfand, sprachen sich 67,9 Prozent gegen eine Olympia-Bewerbung aus. Für die Politik, die sich lange gegen die Volksabstimmung wehrte, eine schmerzliche Niederlage. Für den Rest des Landes, inklusive der meisten liberalen, linken und konservativen Medien, ein Grund zum Jubeln.

Vor zwei Jahren wäre solch ein Referendum vielleicht noch anders ausgegangen. Damals, im Taumel über den organisatorischen Erfolg der Fußball-Europameisterschaft, die das Land an der Weichsel gemeinsam mit der Ukraine austrug, schien der Öffentlichkeit die nächste Sportgroßveranstaltung nicht schnell genug kommen zu können.

Pawel Adamowicz, Stadtpräsident von Danzig, wollte die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 nach Polen holen. Die Wirtschaftszeitung "Dziennik Gazeta Prawna", welche die EM bis zum Finale quasi ignorierte und lediglich nur den Vorrundenpartien der polnischen Nationalmannschaft Kurzmeldungen auf ihrer Titelseite widmete, forderte einen Tag nach dem EM-Finale die Olympischen Ringe. "Der organisatorische Erfolg erlaubt über Olympische Spiele an der Weichsel nachzudenken", titelte die Tageszeitung damals. Für die Idee sprachen sich an dem Tag noch einige andere polnische Zeitungen laut aus.

Doch in den letzten zwei Jahren hat sich die Stimmung in Polen gewandelt. Und der wichtigste Grund dafür sind die sechs Stadien, die man seit der Vergabe der EM im Jahr 2007 für das Turnier errichtet hat. Bis auf das Stadion Slaski im oberschlesischen Chorzow, für die polnischen Fußballfans aufgrund seiner Bedeutung das polnische Wembley, dessen Umbau wegen Konstruktionsfehlern bis heute nicht fertig gestellt werden konnte, sind die Baukosten nicht ausgeufert. So, wie zum Beispiel beim Co-Gastgeber Ukraine der Umbau des Olympiastadions in Kiew. Doch für die Kommunen entwickelten sich die hochmodernen Arenen in ihrem Erhalt zu finanziellen Belastungen.

Dabei wurden vor dem Turnier zig Workshops und Konferenzen veranstaltet, in denen Sportmanager aus dem In-, und Ausland erklärten, wie sich ein hochmodernes Stadion kommerziell erfolgreich nutzen lässt. Man referierte über Konzerte, Sportveranstaltungen, der Vermietung von Räumen und den Gewinnmöglichkeiten, die sich durch regelmäßige Ligaspiele bieten und verwies dabei auf Beispiele im Ausland.

Doch zwischen Polen und dem Ausland gibt es einige Unterschiede. Das Nationalstadion in Stockholm, auf das Sportmanager bei den Konferenzen gerne verwiesen, ist deshalb so erfolgreich, weil es in Schweden einzigartig ist. Das Warschauer Nationalstadion, mit Baukosten von rund 465 Millionen Euro das teuerste polnische EM-Stadion, muss dagegen mit vier weiteren für das Turnier errichteten modernen Arenen um Konzerte und andere Veranstaltungen konkurrieren. Das führt zu teilweise schon zu skurrilen Situationen.

Warschauer Nationalstadion. Bild: Polex. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Als im August 2012 Madonna im Warschauer Nationalstadion ihr einziges Polen-Konzert gab, finanzierte das polnische Sportministerium, damals noch Verwalter der Arena, die Veranstaltung mit über einer Million Euro. Und das nur, weil der damalige Manager der Anlage sich verkalkulierte und für die Veranstaltung einen viel zu optimistischen Businessplan ausgearbeitet hat, der unter anderem einen Hauptsponsor für das Konzert vorsah. Kein großes Unternehmen hatte jedoch Lust, diese Rolle zu übernehmen.

Zudem finden im Gegensatz zum Nationalstadion in Stockholm in der teuersten Arena Polens keine Ligaspiele statt. Die polnische Nationalmannschaft absolviert zwar dort ihre Pflichtspiele, doch bis auf das jährliche Pokalfinale ist es dann auch Schluss mit regelmäßigem Fußball in dem weiß-roten Weidenkorb. Legia, der größte und beliebteste Verein der polnischen Hauptstadt, hat von der Stadt Warschau ein eigenes, hochmodernes Stadion erbaut bekommen. Polonia wiederum, die Nummer 2 der Stadt, erhielt wegen der Insolvenz seines Besitzers im Sommer 2013 keine Erstligalizenz mehr. Nun spielt der 1911 gegründete Verein in der 5. Liga und lockt in sein 6.000 Zuschauer fassendes Stadion nur noch die treuesten Fans.

Dabei gab es vor Jahren die Überlegungen, dass Polonia zumindest seine Spitzenspiele im Nationalstadion austrägt. Ob dies die Arena rentabler gemacht hätte, deren Unterhalt monatlich ca. 850.000 Euro kostet, darf jedoch bezweifelt werden, wie die Realität in Danzig, Posen, Breslau und dem als Ersatzspielort gedachten Krakau zeigt. In allen diesen vier Städten wurden für die Fußballeuropameisterschaft Stadien erbaut, in denen heute Erstligisten auf Torjagd gehen. In Krakau, Posen und Breslau spielen sogar Vereine, die in den letzten vier Jahren die Meisterschaft gewannen. Doch Zuschauer strömen trotzdem nicht in die schmucken Arenen. Zu Lechia Danzigs Heimspiel gegen Piast Gleiwitz im März kamen lediglich 7705 Zuschauer. Bisheriger Minusrekord in dem Stadion mit 43.000 Plätzen.

Für die verwaltenden Stadiongesellschaften eine extrem defizitäre Entwicklung, die den Erhalt der Stadien erschwert. So drohte der lokale Stromanbieter den Verantwortlichen des Breslauer Stadions, für das monatlich rund 500.000 Euro berappt werden müssen, mit der Abstellung des Stroms, da diese ihre monatlichen Rechnungen nicht begleichen konnten.

Dabei starten die Vereine immer wieder Aktionen, mit denen sie den Fans einen Stadionbesuch schmackhaft machen wollen. Doch Freitickets oder einmalige Eintrittspreise von umgerechnet 25 Cent locken den gewöhnlichen Fußballfan nicht vom heimischen Sofa weg, obwohl die Gewalt auf den Tribünen, für die der polnische Fußball im Ausland einst berühmt-berüchtigt war, stark zurückgegangen ist. Erreicht wurde dies jedoch mit staatlichen Sicherheitsvorkehrungen, die den Erwerb eines Tickets für Erstbesucher zum stundenlangen Prozedere machen. Eine offenbar zu große Geduldsprobe für Partien in einer Liga, die in der aktuellen UEFA-Fünf-Jahreswertung lediglich den 21. Platz belegt. Diese sportliche Schwäche ließ viele polnische Fans sich vom heimischen Fußball abwenden. Wie eine aktuelle Studie der UEFA ergab, spielt der beliebteste Verein der Polen in der spanischen Primera Division und heißt FC Barcelona.

Zu einem noch größeren Problem als in Polen, entwickelten sich die Stadien, die in Südafrika für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 errichtet wurden. Sechs Arenen stampfte man im Vorfeld der ersten WM auf dem afrikanischen Kontinent aus dem Boden. Drei weitere bereits vorhandene Stadien wurden umgebaut. Die Bauten haben dem südafrikanischen Staat geschätzte 1.2 Milliarden Euro gekostet. Doch die WM hat weder dem einheimischen Fußball einen Schub gegeben, noch den Südafrikanern irgendwelche Vorteile gebracht. So, wie es die FIFA sowie die südafrikanische Regierung versprochen haben. Sogar im Gegenteil. Die Stadien entwickelten sich in ihrem Unterhalt zu einem Fass ohne Boden.

Denn so wie in Polen, wurden auch in Südafrika Stadien errichtet, deren Kapazität den Vorgaben der FIFA für ein Weltmeisterschaftsturnier entspricht, nicht jedoch dem lokalen Alltag. "Man muss wissen, dass in einem Spiel gegen Topclubs wie die Kaizer Chiefs 60.000 da sind. Dann hat man auch Partien, da spielt man vor 500 Zuschauern. Dann sieht es schon leer aus in diesem großen Stadion", erklärte vor einem Jahr Max Grünewald, der deutsche Teammanger des südafrikanischen Erstligisten Ajax Kapstadt, gegenüber der Deutschen Welle. Die Zuschauerschwankungen führen dazu, dass durchschnittlich 8.000 bis 9.000 Zuschauer in das Cape Town Stadium kommen.

Cape Town Stadium. Bild: Maryland Pride. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Nicht besser sieht die Situation in Soccer City von Johannesburg aus, dem mit fast 95.000 Plätzen größten Stadion Afrikas. In der Finalarena von 2010 trägt mit den Kaizer Chiefs zwar einer der beliebtesten Vereine des Landes seine Heimspiele aus. Doch nur lediglich zum Soweto-Derby gegen Orlando Pirates sind die Tribünen voll. Ansonsten verirren sich zu den restlichen Spielen nur wenige Fans in das weite Rund. Was im Vergleich zu der Arena in Nelspruit ein regelrechter Zuschauerandrang ist. Für rund 100 Millionen Euro wurde in der im Osten Südafrikas gelegenen Stadt ein Stadion für 40.000 Zuschauer errichtet. Obwohl es in Nelspruit nicht mal einen drittklassigen Fußballverein oder Rugbyklub gibt. Nun hat die Stadt ein ungenutztes Stadion, dessen Unterhaltskosten von jährlich 450.000 Euro die Stadtkasse belasten. Und das in einer Region, in der bis heute viele Familien ohne Strom und fließend Wasser leben müssen.

So wenig wie mit Sportveranstaltungen, können die Kommunen den Unterhalt der Stadien mit Konzerten oder der kommerziellen Vermietung von Räumen finanzieren. Weshalb zum Beispiel in Kapstadt die Stimmen nach einem Abriss des Prestigeobjekts immer lauter werden.

Ein solcher radikaler Schritt wird auch in Portugal immer lauter gefordert. 550 Millionen Euro gab das Land im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft 2004 für den Neubau und die Modernisierung von 10 Stadien aus. Wenig Gedanken machte man sich jedoch über die Nutzung der Arenen nach dem Turnier. Die portugiesische Liga gehört zwar zu den besten Europas, doch dominiert wird diese von den drei großen Vereinen des Landes: Benfica und Sporting Lissabon sowie dem FC Porto. Heute wollwn die meisten portugiesischen Kommunen, in denen vor 10 Jahren EM-Spiele stattfanden, die teuren Sportanlagen loswerden. Egal ob durch Verkauf oder Abriss.

Trotz dieser Negativbeispiele hat sich auch in Brasilien bei der Errichtung der WM-Stadien der Gigantismus durchgesetzt. Das berühmteste Beispiel für diesen Protz ohne Nachhaltigkeit ist die Arena in Manaus, wo insgesamt vier Gruppenspiele ausgetragen werden. 206 Millionen Euro und vier Menschenleben kostete der Bau der Arena de Amazonia, deren Nutzung nach dem Turnier mehr als fraglich ist. Der erfolgreichste Verein der Stadt spielt in der 3. Liga und kann sich das Stadion als Austragungsort seiner Heimspiele nicht leisten.

Amazonia Arena. Bild: Brazilian Government - Portal da Copa. Lizenz: CC-BY-SA-3.0-br

Nicht viel rosiger sieht die Zukunft der elf übrigen WM-Stadien aus. Brasilien ist zwar ein fußballverrücktes Land, doch die Ligaspiele sind dennoch oft schlecht besucht. Viele Brasilianer können sich die teuren Eintrittskarten für die Spiele von Corinthians, Fluminense, Botafago und Co. einfach nicht leisten. Die noch teureren Tickets für die WM-Spiele bleiben für sie ein Traum.

Spätestens die Proteste der Brasilianer gegen die WM, die letztes Jahr beim Confederations Cup begannen und die auch das diesjährige WM-Turnier begleiten, müssten die verantwortlichen Sportfunktionäre und Politiker zu einem Umdenken anregen. Doch daran darf gezweifelt werden. Die Politiker der gastgebenden Staaten erhoffen sich von den Sportgroßveranstaltungen internationales Prestige. Die Funktionäre bei der FIFA, der UEFA oder dem IOC wiederum haben den Sport zu einer begehrten Ware gemacht, auf dessen auf hochglanzpolierte Verpackung penibel geachtet wird. Dies spült zwar Geld in die Taschen weniger Funktionäre, wie die jüngsten Korruptionsskandale innerhalb der FIFA zeigen, schadet nachhaltig jedoch dem Sport, dem sich die Sportfunktionäre doch angeblich so verbunden fühlen, wie die FIFA so gern betont. Deren offizielles Motto lautet: "For the game. For the world."

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