Stadtausgründung auf Papierserviette

"Common Archipelagos" gewinnen der Stadt die Landschaft zurück. Entwurf/Bild: Imke Woelk, IMKEWOELK+Partner/BDA Galerie Berlin

Ein Denkmodell regt zum Ausbau der Hauptstadt an: Berlin-Neustadt

Zukunftsstadt Berlin: Zum Zwecke der Zuwanderungskontrolle und um zu zeigen, dass die Ängste der Bevölkerung ernst genommen werden, wird die Grenze zu Brandenburg befestigt. Neusiedler werden je nach ihrer Herkunft in Sektoren untergebracht, die an wichtigen Verkehrsknoten liegen. An den Checkpoints werden Einfuhrzölle und Passiermaut erhoben. Durch den Import von Baukultur in feste Mauern entstehen einzigartige Stadtstrukturen. Berlin bleibt Multikulti, doch mit der nötigen Distanz. Die Bewohner der zuwanderungsfreien Kernstadt können sich nun in Sicherheit bis zum Tode langweilen.

"Make Berlin Great Again" Entwurf/Bild: Robert Ilgen; AG AURI (Mitverfasser: Alexander Unsin/BDA Galerie Berlin

So umschreibt Robert Ilgen seinen Ideenentwurf für "Berlin-Neustadt". Der Druck zu Neustädten, zu Stadtausgründungen, kennzeichnet Umbruchszeiten, und die hält der Berliner Landesverband des Bundes Deutscher Architekten offensichtlich für gekommen. Er bot ein Ideenforum für jedermann, um im Papierserviettenformat, das heißt auf 40x40 cm, verwegene Visionen oder Dystopien schon vorhandener Tristesse zu skizzieren. Utopien haben heute Mini-Format. Neustadt ist Idealstadt, hat aber auch subversiven Charakter wie in der ironischen Skizze Ilgens. Alles und alle, die man nicht haben will, wird abgeschoben nach Neustadt. Die Segregation wird meist zum Verstärker der Vorurteile, aber eines Tages bringen die Underdogs der Neustadt auch dringend benötigte soziale Innovationen hervor.

Stadtausgründung auf Papierserviette (10 Bilder)

"Berlin-Dreilinden Neustadt". Dreilinden war einmal Grenzkontrollpunkt. Entwurf/Bild: Anette Homann/BDA Galerie

Gerade hat der ehemalige Direktor der "Stiftung Bauhaus", Philipp Oswalt, eine Anhebung der Berliner Traufhöhe von 22 auf 40 m verlangt, um die neue Dichte zu "erleben". Der Berliner BDA ist vorsichtiger. Nachverdichtung und Arrondierung der Stadt seien an ihre Grenzen gekommen. Schafft eine neue Vor-Stadt Abhilfe, eine Stadt vor den Toren Berlins?

Aber dreht sich die Suche nach einer Neustadt nicht in einem Circulus vitiosus? Vor nicht allzu langer Zeit war das Schrumpfen der Städte, der "Luxus der Leere", angesagt, und Suburbia mit ihren planlos hingestreuten Elementen war auf dem Höhepunkt. Die Städte hingegen sollten von den Rändern her zurückgebaut werden. Die Rückbauer werkelten noch, als sie von einer Renaissance der Städte überrumpelt wurden.

Künstlerische Verträglichkeit von Stadt und Landschaft. Entwurf/Bild: Martin Bachem (Mitverfasser: Maximilian von Schewyk)/BDA Galerie Berlin

Im Zuge der Reurbanisierung bringen die neu gewonnenen Stadtmenschen ihre Gewohnheiten mit und nisten sich, wenn kapitalkräftig, in Townhouses ein. Jeder möchte seine Parzelle haben, jeder sein Auto. Die Bewohner möchten unter sich sein. Das Urbane, die Nutzungs- und Funktionsmischung, wollen sie nicht haben. So bilden sich Räume in der Stadt, in denen nur gewohnt wird. Die neue alte Stadt verliert ihre Lebendigkeit. Die Suburbanisierung wird reimportiert. Stefan Wewerka ahnte es schon 1965 voraus: "Langsam, aber sicher wird die gesamte Stadt in einen Vorort verwandelt."

Stadttürme. Entwurf/Bild: This Häberli, Häberli Heinzer Steiger Architekten (Mitverfasser: Stefan Heinzer, Mathias Steiger)/BDA Galerie Berlin

Die eigentliche Kapitalkraft haben andere. Wenn an zentralen Achsen und Plätzen Berlins neue Hochhauscluster zum Wohnen errichtet werden, wird die Wohnungsnot nicht verringert. Die Gefahr einer New-Yorkisierung des Wohnens besteht: marmorne Apartments, die Showrooms gleichen und als Kapitalanlage für den internationalen Jetset dienen. Die Preisexplosion tut ein Übriges, um die angestammten Bewohner aus der Kernstadt zu vertreiben. Der Kreis ist geschlossen. Entsteht die Langeweile der Vorstädte und die Sterilität der Trabantenstädte aufs Neue? Die gleichen Rasterfassaden überall?