Stadtumbau durch Kommunikation

In Berlin-Neukölln wurde mit dem Konzept der Zwischennutzung der Niedergang des Stadtteils gestoppt

Wie kann man den Verfall eines Stadtteils stoppen, in dem wirtschaftlicher Niedergang, Armut und Desintegration sich allmählich zu einer Abwärtsspirale verdichten? Im Reuterkiez von Berlin-Neukölln hat sich ein unkonventioneller Ansatz - die Zwischennutzung - erfolgreich gezeigt und verhilft dem Viertel zu neuer Blüte.

Berlin-Neukölln wird in den Medien gerne als das Synonym für fehlgeschlagene Integration, Verarmung und sozialen Abstieg genutzt. In der Realität kennzeichneten den Norden Neuköllns über viele Jahre verödete Straßenzüge, leere Ladengeschäfte und Gewerbehöfe. Ein Bild von aufgegebener Peripherie mitten in der Innenstadt. Im Arbeiterbezirk waren mit dem Fall der Mauer die wenigen Industriebetriebe den Subventionsströmen folgend weiter Richtung Osten gezogen. Die Mittelschicht folgte oder zog ins Umland. Arme Bewohner zogen nach, zuletzt machte das Viertel (18.459 Einwohner auf 0,7km², Arbeitslosenquote ca. 35%) vor allem Schlagzeilen als Schauplatz von Gewalt und mit der Rütlischule ein Eingeständnis gescheiterter Bildungsarbeit.

Vor drei Jahren nahm die Zwischennutzungsagentur, gefördert durch das Bundesprojekt Soziale Stadt ihre Arbeit auf. Sie ist eine Vernetzungsplattform für Eigentümer leerstehender Gewerbeflächen und Nutzungsinteressierte. Die Erfolge ihrer Arbeit sind verblüffend, wenn man heute durchs Viertel geht und sieht, in welchem Tempo ein Stadtteil sich täglich ändert, der noch vor wenigen Jahren vor sich hindämmerte. Galerien, Modeläden, Agenturen waren die ersten, die ehemals leerstehende Läden in Besitz nahmen. Jetzt ziehen neue Dauermieter ein und der Bezirk wird bunter durch den verstärkten Zuzug neuer Bewohner. Anlaß für ein Gespräch mit Stefanie Raab und Maria M. Richarz, Gründerinnen der Zwischennutzungsagentur.

Besichtigung einer Fabriketage im Reuter-Quartier. „Es gibt ganz viele. die nicht mehr in festen Arbeitsstrukturen sind. Gott sei Dank haben sich die Leute befreit, aber sie suchen Vernetzung.“
Telepolis hat in mehreren Berichten über die Revitalisierung der Innenstädte mit Mitteln der Architektur berichtet. Über die neuen Reihenwohnhäuser im Zentrum, aktuell sind auch die Baugruppenprojekte in der Innenstadt. Beides Herangehensweisen, die nur kapitalkräftigen Neubürgern offen stehen. Sie betreiben Stadtentwicklung ganz anders – durch Kommunikation - und haben damit verblüffende Erfolge. Bevor Sie Ihre Arbeit aufnahmen, war das Viertel, obwohl es eigentlich sehr zentral liegt, geprägt durch Leerstand und Stagnation. Warum haben Sie sich gerade das Reuter-Viertel als Projektgebiet ausgesucht?
Maria Richarz: Es ist ein klassisches Gebiet in dem Stadtentwicklung notwendig ist. Wir hätten natürlich auch woanders anfangen können, Berlin ist eine große Stadt, solche Problemlagen gibt es in jedem Quartier.
Stefanie Raab: Das Reuterquartier war eine „No go Area“, vorne in der Bürknerstraße gab es eine Jugendgang, die die Straße terrorisiert hat, da ist man nicht mehr unbedingt nachts langgegangen, es war schon eher ziemlich ungemütlich. Ich bin selbst Ende 2002 hierher gezogen. Um in dieser Art Stadtentwicklung zu betreiben, wie wir es machen, muss man lokal verankert und vernetzt sein. Man muss auch wirklich glaubwürdig am Ort präsent bleiben und diese Dinge auch weiterverfolgen und dafür eine Mitverantwortung übernehmen, sonst produziert man genau das Gegenteil. Bei uns geht es auch darum, eine bestimmte Verbindlichkeit herzustellen. Vertrauen zu den doch sehr verschiedenen Akteuren aufzubauen, das braucht einfach auch seine Zeit. Deswegen ist lokale Vernetzung und Verankerung ein ganz wichtiges Element unserer Arbeit.
Wie reagierten die Vermieter, als Sie Ihre Arbeit aufnahmen, auf den Vorschlag, Räume kostenlos oder abseits üblicher Vermietungsbedingungen zur Verfügung zu stellen?
Stefanie Raab: Zunächst recht reserviert. Das ist ja auch nicht anders zu erwarten. Es war zunächst große Unterstützung notwendig, die wir aber dankenswerter Weise auch wirklich von ganz hoher Ebene bekommen haben. Wir haben also einfach inhaltlich dargestellt, dass die Erdgeschosse nur schwerlich je wieder zu Einzelhandelsnutzungen werden und wohl auch nicht mit den gewünschten Gewinnerwartungen, weil sich der Einzelhandel wesentlich umstrukturiert hat und diese kleinteiligen Flächen kaum noch interessant sind. Wir hatten dann im Juli 2005 eine gutbesetzte Pressekonferenz, mit Vertretern des Einzelhandelsverbands, der Politik und des lokalen Haus- und Grundeigentümervereins. Das hat geholfen, um erste Hauseigentümer davon zu überzeugen, dass das gar nicht so blöd sein kann, was wir hier gerade machen. So ist es uns dann auch gelungen, erste Eigentümer davon zu überzeugen, dass Zwischennutzung eine zukunftsfähigere Strategie ist, als die Räume ewig leer stehen zu lassen.
Wie haben Sie den Kontakt zu den Vermietern, wie zu den Künstlern, Galeristen und Gründern hergestellt?
Stefanie Raab: Angerufen, gefragt und ihnen dann einen Vorschlag gemacht. Zweitens professionelle Öffentlichkeitsarbeit, um das Projekt bekannt zu machen. Der Name „Zwischennutzung“ ist auch ein Türöffner, weil er einfach klarmacht: „Mensch, auch wenn ich vielleicht noch gar kein richtiger Gewerbemieter sein kann, vielleicht finde ich hier die Möglichkeit, meinen Bedarf an Raum zu decken.“ Es gibt in dieser Stadt, über den eigenen Wohnraum hinaus, nur in ganz begrenztem Maße Freiraum zur Umsetzung von Ideen. Und wenn da eine Agentur ist, die sich auf die Fahne schreibt: „Wir engagieren uns dafür, diesen Freiraum für Ideen zu erschließen und diese Ressource zugänglich zu machen“, dann spricht sich das herum.
Bedeutet Zwischennutzung Nutzung ohne Gegenleistung?
Stefanie Raab: Es geht darum, die Ressource Raum zu erschließen und eine Möglichkeit zu finden, sowohl für den Eigentümer, wie auch für den Nutzer, das unter für beide Seiten tragfähigen Bedingungen zu realisieren. Das kann zum Beispiel sein: Ein Raum ist in sehr, sehr schlechtem Zustand und im Tausch zahle ich erstmal ein halbes, dreiviertel Jahr nur die Betriebskosten und ansonsten stecke ich das, was theoretisch für die Miete da wäre, in die Instandsetzung dieses Raumes. Vielleicht schaffe ich das in einem kürzeren Zeitraum und habe dann quasi obendrauf noch eine mietfreie Zeit. Danach unterhält man sich dann weiter, wie die erste Miete aussieht. Also es geht wirklich darum, dass ein Eigentümer und ein Nutzer eine individuelle Vereinbarung finden, die für beide Seiten tragfähig ist. Unsere Hauptrolle ist, die beiden miteinander zu vernetzen. Wir schließen keine Verträge, wir sind diejenigen, die zwischen Parteien solange moderieren, wie sie dies wünschen und es brauchen. Aber wir lassen sie auch so frühzeitig wie möglich alleine weiter verhandeln.
Ist es möglich, dass Gründer auch längerfristig in den Läden bleiben?
Stefanie Raab: Auf jeden Fall, der Aspekt der Nachhaltigkeit spielt bei einem öffentlich geförderten Projekt eine große Rolle. Der größte Teil der Verträge, die wir hier abschließen, sind sogenannte Starternutzungen, das heißt für einen vereinbarten Zeitraum werden am Anfang relativ günstige Bedingungen vereinbart und je nach Entwicklung der Projektidee oder des Geschäfts kann sich das im Laufe der Jahre auch so entwickeln, dass es auch für den Eigentümer interessant wird.
Was passiert, wenn ein Firma für einen zwischengenutzten Laden ein reguläre Miete bietet?
Stefanie Raab: Es ist Konsens bei unserer Arbeit, dass ein Projekt, das auf größere Nachhaltigkeit angelegt ist, wenn es wirklich in Konkurrenz zu einem anderen Projekt tritt, auch die besseren Chancen hat. Das heißt aber nicht, dass die anderen Projekte zu kurz kommen, sondern meistens, dass es dann zu einer Kooperation kommt. Zum Beispiel ein sozialer Träger will auf die Dauer ein Objekt mieten, ein Theaterprojekt braucht nur für zwei Monate Raum, der soziale Träger sagt: „Ach, wisst Ihr was, wir können auch gut zwei Monate später mieten“, schließt den Mietvertrag schon ab und lässt das Theaterprojekt rein: Super, beiden ist geholfen.
Und Sie sind die Schnittstelle.
Stefanie Raab: Und wir sind die Schnittstelle, denn die kennen sich natürlich nicht untereinander, die lernen sich bei unseren moderierten Objektbegehungen kennen. Das ist die Schlüsselmethode, wie die Nutzer und die Eigentümer zusammenkommen. Wir schauen fünf, sechs Immobilien am Stück an und laden dazu 10, 12 verschiedene Nutzungsinteressenten ein. Oft mit einem Fokus auf ein bestimmtes Thema, zum Beispiel soziale Projekte, damit sich die einzelnen Nutzungsinteressenten auch untereinander kennenlernen. Wir vermitteln denen: “Ihr seid keine Konkurrenz, auch wenn Ihr jetzt mehr Leute seid als Läden, Ihr seid potentiell Kooperationspartner oder in Zukunft vielleicht Nachbarn, überlegt auch unter diesen Aspekten was könnten wir gemeinsam mit diesem kleinen Mikrostandort anfangen.“ Das löst natürlich eine ganz andere Stimmung aus. Wenn ich irgendwo stehe und es zehn leere Läden in der Umgebung gibt, dann sage ich mir erstmal: „Uup, ich soll jetzt hier der erste sein, der hier was macht? Sind dann nicht morgen meine Scheiben eingeschlagen?“ Wenn ich aber mit 10, 12 Leuten hingehe und man merkt: „Ach, wenn der jetzt den Laden nimmt und ich den oder umgekehrt". Oder: „Komm Du doch mit bei mir rein, dann haben wir genug Geld, um uns die Miete zu teilen." Das ist einfach auch eine super Stimmung, das macht einfach Spaß.
Maria Richarz: Wir sind hier „Wissensagentur“ und „Heiratsvermittlung“, dafür sind wir mittlerweile auch bekannt. Bei Begehungen, wie wir sie machen, lernt man sich auch kennen. Ich-AG ist übrigens eins der blödesten Wörter des Jahrhunderts finde ich. Die gibt es nämlich, aber niemand will das sein. Es gibt ganz viele, die nicht mehr in festen Arbeitsstrukturen sind. Gott sei Dank haben sich die Leute befreit, aber sie suchen Vernetzung.
Halten Sie auch nach der Vermittlung Kontakt zu den Gründern?
Stefanie Raab: Wir haben im vergangen Jahr ein Projekt gemacht, das hieß „Ankommen im Reuterquartier“, wo es ganz gezielt darum ging, mit der ersten Generation der neuen Nutzer ein Treffen zu organisieren, zu Themen, die alle interessieren. Beispielsweise das Thema Einbruchdiebstahl, das ist ein ganz großes Thema, nicht nur in Neukölln, in der Mitte genauso. Oder das Thema Fördermittel, also was gibt es für Förderstrukturen für Kreative, für Kunst und für soziale Projekte? Wenn es da eine Agentur gibt, die so etwas häppchen- und portionsweise vorbereitet, ist das ein guter Service, und es sind Leistungen, die sich auf die Stabilisierung der Gründer auswirken.
Unterstützt der Bezirk Ihre Arbeit mit weiteren Projekten oder auch städtebaulichen Maßnahmen?
Stefanie Raab: Wir sind Teil des Programms „Soziale Stadt“, in diesem Programm gibt es auch Mittel für bauliche Maßnahmen. Die machen das Umfeld attraktiver, sie reagieren aber nicht auf unsere Aktivität. Wir sind im Prinzip eines von ganz vielen Projekten, die von „Soziale Stadt“ finanziert werden. Es gibt bestimmte inhaltliche Schwerpunkte. Zum Bereich lokale Ökonomie macht der türkisch deutsche Unternehmerverein die Gewerbeberatung, dann gibt es ein Projekt, das beschäftigt sich speziell mit Ausbildungsplatzakquise, und es gibt die Zwischennutzungsagentur, um neue Gründungen ins Quartier zu holen, um den Gewerbeleerstand zu bewältigen. Und dann gibt es aber auch ganz andere thematische Schwerpunkte wie Bildung, offene Jugendarbeit oder Freizeiteinrichtungen.

Q: Ist Ihre Herangehensweise nur in Berlin, einer Stadt mit vielen jungen Leuten und experimentierfreudigen Künstlern möglich? Wäre das auch ein Konzept für eine Stadt wie Gelsenkirchen?

Maria Richarz: Möglich überall da, wo kreative Ideen sind. Kreative Ideen kommen nicht nur aus Menschen, aus Köpfen von Menschen die Kreativität studiert haben, sondern eine Menge Leute, die soziale Arbeit machen, sind kreativ.
Stefanie Raab: Also ich möchte mal ein bisschen weg von dem Begriff Zwischennutzung. Wir machen nachhaltige Stadtentwicklung. Neben unserem ingenieursmäßigen Hintergrund haben wir eine zusätzliche Ausbildungen im Bereich Moderation und Coaching. Und die Verknüpfung dieser beiden Ausbildungen befähigt uns dazu, Stadtentwicklung durch vor allem kommunikative Elemente voranzubringen. Das sind bestimmte Techniken und Handlungsweisen, die wir entwickelt haben, und diese Techniken und Handlungsweisen lassen sich selbstverständlich auch auf andere Regionen mit anderen Schwerpunkten anpassen. Wir beraten auch völlig andere Orte zum Beispiel im Auftrag der Stiftung Bauhaus Dessau ein Quartier in Dessau-Süd. Unsere Methoden sind nicht auf Neukölln beschränkt.
Ihre Arbeit ist befristet auf drei Jahre. Was passiert dann?
Stefanie Raab: Das hängt mit der Förderung durch „Soziale Stadt“ zusammen. Das Programm ist immer nur eine Anschubfinanzierung und keine institutionelle Finanzierung. Ein Projekt darf maximal für drei Jahre gefördert werden. Das ist aber in dem Bereich immer so. Man muss dem privaten Immobilienmarkt auch die Chance geben, einen Lernprozess zu verarbeiten und selbständig weiterzuführen.
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