"Star Wars Episode III" - Der ultimative Schlüssel zur Macht

George Lucas' furioses Finale "Die Rache der Sith"

George Lucas, der Meister unendlicher Medien-Varianten, hat den Kraftakt gewagt. Er hat die alte "Star Wars"-Trilogie (1977-1983: IV,V,VI) digital fürs Kino und zuletzt auf DVD restauriert und ergänzt: den Kampf der Rebellen gegen das übermächtige Imperium. In der neuen, digitalen Trilogie, seit 1999, erzählt er die Vorgeschichte der galaktischen Republik auf dem Weg in die Diktatur. "Star Wars III - Die Rache der Sith", 2005, bringt den lang erhofften packenden und klärenden Abschluss, die mitreißende Bündelung aller Handlungsfäden und den tragischen Show Down aller wichtigen Figuren.

Aus der Perspektive galaktischer Politik ist das "Star Wars"-Kino nur eine einzige Episode, eine Propaganda-Miniserie in Raum und Zeit. Die Folgen I, II, und III spielen in den Jahren 32, 22 und 20 vor der neuen Zeitrechnung, die Folgen IV, V, VI in den Jahren 0, 3, 4. Die Achse der Erzählung ist das Hoffnungs-Jahr 0, die Zerstörung des ersten Todessterns, das Fanal für den wachsenden antiimperialen Widerstand. R2-D2 und C-3PO begleiten, manipulieren oder protokollieren das Geschehen über Generationen hinweg, in immer wieder neu zusammen gebastelten Komponenten. Aber sie geben den Filmen nur einen technoiden Spieltrieb wie die vielen Motoren, Fahrzeuge, Luft- und Raumschiffe.

Epische Tiefe erhält "Star Wars" u. a. durch Obi-Wan Kenobi, Darth Vader, den Imperator Palpatine, alias Sith-Lord Sidious, und vor allem Yoda, der mit seiner Lebenserwartung von über 800 Jahren maßgeblich zur Stabilität der 1000 Jahre alten Republik durch die Balance zwischen dem esoterischem Jedirat und dem demokratischen Senat der Galaxis beigetragen hat. Aber diese epische Tiefe ist durch unterschiedliche Perspektiven und lebensgeschichtliche Brüche tragisch zerrissen.

"Star Wars III - Die Rache der Sith" hat die Herkulusaufgabe, die weit zerstreute und vage (Vor-) Geschichte der neuen, 1999 gestarteten Trilogie dramaturgisch überzeugend zu bündeln und die seit 1977 erschienenen Folgen der alten Serie in neuem Licht erscheinen zu lassen. Sollte Lucas seinem Publikum tatsächlich 30 Jahre wichtige Informationen vorenthalten haben? Haben wir mit offenen Augen auf ein Rätsel gestarrt, auf ein fortgesetztes Lichtschwertballett, ein Orakel, das wir bis heute, bis zum 6. Teil, nicht recht begriffen haben?

Eine winzige Differenz führt weiter: Am Ende der älteren, noch analogen Kino-Trilogie führt das holografische Gruppenbild auf dem Mond Endor die Jedis: Anakin, Yoda und Obi-Wan im Jenseits einer hellen, der Unterwelt entronnenen Macht versöhnlich zusammen. Anakin ohne Maske, als körperlich unversehrter älterer Herr, mit dem man ganz und gar nicht das Mitleid, Ekel und Grauen verbindet, das der Anblick des verschrumpelten Kopfes unter dem zeitweise gelüfteten Duraplast-Helm des Darth-Vader-Körperpanzers auslöst. Vaders verfaulte menschliche Reste, seine Frankenstein-Monster-Existenz, haben eine Genesungskur erhalten, er sieht so aus, als durfte er in Würde altern.

Auf der neusten DVD-Version erscheint aber, etwas verlegen und endlich sympathisch, der jüngere langmähnige Skywalker, der Stürmer und Dränger aus der Epoche vor seiner Bekehrung zur dunklen Seite der Macht. Eher ein zurecht gefälschtes Erinnerungsbild als ein ehrliches Versöhnungstableau.

Anakin Skywalker und seine dunkle Seite, die behelmte "Sith"-Gestalt Darth Vader, sind eine wertvolle Münze für Lucas, um sein Publikum noch einmal an den Mythos zu fesseln. In die Rebellen-Trilogie hat Lucas immer wieder eine Prise "weniger Zeilen eingestreut", um die opernhafte Leitmotivik von Gut und Böse, Treue und Verrat auf dem Siedepunkt hochkochen zu lassen. Die Sätze klingen im Ohr wie das Gebrumm der Lichtschwerter, man hat sie verlacht, aber verstanden haben sie nur Insider.

In Folge IV trifft Obi-Wan Kenobi auf Darth Vader wieder, eine Begegnung, deren Bedeutung man kaum ermessen kann. Das Lichtschwertduell der alten Freunde, Veteranen und abrupten Feinde fällt recht schwerfällig aus. Und dann folgt der metaphysische Taschenspielertrick des Verschwindens ins Jenseits: Ob-Wan konzentriert sich, im demütigen Gebet mit der Macht, wie sein alter Lehrer Qui-Gon Jinn vor der schmerzlichen Tötung durch seinen Sith-Gegner Darth Maul in Episode I, und lässt seinen Mantel zurück, so, als ob Obi-Wan nicht mehr angreifen oder sich verteidigen wolle, um den Weg frei zu machen für eine andere Geschichte, ein anderes Duell, zwischen Anakin, Luke und Leia. Als ob er etwas an der Skywalker-Familie wieder gut zu machen hätte. So, als müsse er in eine andere Dimension dem nächsten Schlag Vaders ausweichen und sich mit der Macht auf höchster Ebene vereinen.

Der noch unerfahrene provinzielle Feuchtfarmersjunge Luke Skywalker kennt kein Misstrauen, wenn er auf Tatooine das Laserschwert seines Vaters überreicht bekommt. Obi-Wan Kenobi schildert diesen verschollenen Vater in hellen Farben, als zur Zeit der Klonkriege eng befreundeten Kampfgefährten, angeblichen "Jedi-Ritter", listigen Strategen und Meisterpiloten. Kenobi erklärt weiter: "Dein Vater wurde verraten und ermordet durch einen Jedi-Schüler namens Darth Vader", der alle Jedi ausrotten ließ.

Aus der Sicht von Episode III, 2005, handelt es sich um eine zurechtgemachte, zwiespältige Wahrheit, von der der Zuschauer der Trilogie 1977-1983 nur einen winzigen Zipfel ahnte. Darth Vader und der junge Luke lernen sich im ersten Duell in Teil IV nur indirekt, als waghalsige Kampfpiloten in den Schluchten des Todessterns schätzen. Auf diese Weise wird der Bogen zurück zu den Pilotenkünsten des jungen Anakin auf Tatooine in Episode I gespannt und Vader auf die heiße Spur seines begabten Sohnes gesetzt, dessen Verwandte er bereits in alter Manier umbrachte oder umbringen ließ.

In Teil V verfolgt Vader Luke aus zwei Motiven: Er will den Anführer der erstarkten Rebellen festnehmen und das geniale Familienmitglied eingemeinden. Auf Dagobah warnen Yoda und der wieder erscheinende Obi-Wan den noch nicht zum Jedi komplett ausgebildeten Luke davor, zu früh gegen Vader anzutreten; die Rettung der Freunde aus den Fängen des Imperiums, darunter Leia und Han Solo, könnte fehlschlagen. Sie möchten ihn nicht so: ehrgeizig, engstirnig und egoistisch, "wie einst Vader", an die dunkle Seite verlieren. Luke erscheint auf Dagobah eine Kampfvision, er tritt gegen eine Darth-Vader-Gestalt an, aber unter dem zerberstenden Helm muss er sein eigenes Gesicht finden. Und das veranschaulicht das heikle Problem der dunklen Seite der Macht. Als Darth Vader beim Schwert-Duell mit Luke in Cloud City die dunkle Variante der Wahrheit ausspricht und sich zum doch noch lebenden Vater Lukes erklärt, um diesen zu konvertieren, vertieft sich die epische Tragik: Wenn Vader Recht hat, muss sich Luke durch Obi-Wan belogen fühlen.

Lohnt es sich, Darth Vader zu glauben? Lebt Anakin in Darth Vader weiter, oder ist er in ihm abgestorben? Wie stehen die Bekehrungschancen, zum Guten und zum Bösen? Kann die Familie im Geisterzustand der maschinellen Macht wieder zusammenfinden? Ist die Gutmenschen-Ideologie der Jedis nur eine Täuschung? Scheinbar übermächtig treibt Vader Luke vor sich her, als ob er ihn nicht als menschlichen Sohn, sondern nur als Verlängerung seiner eigenen Machtpläne einsetzen wollte. Der Einfrier-Test an Han Solo in der Kohlenstoffanlage, die auch Luke präparieren soll, scheint dies zu bestätigen.

Das Gesetz der bösen Seite der Macht sieht vor, dass es nie mehr als zwei Sith, bei strenger, ja drakonischer Unterordnung, gibt. Wo Stärke gleich ausfällt oder ein dritter Kandidat auftaucht, wird das Böse merkwürdig instabil, brechen die Hierarchien ein, werden rasch die Fronten gewechselt, wird angegriffen, eingeschüchtert, verstümmelt oder getötet, um die Herrschaft der Raubtiere auf allen Ebenen chaotisch neu zu verteilen. Der Reiz des Bösen ist gerade n i c h t ein Substanz- oder Subjektbegriff, dem ewig stagnierenden deutschen Hitlerismus, sondern modernes, strukturelles Gangstertum. Die SS-Schnauze von Vaders Maske und die Operette von Palpatines Kapuzinerkutte sind trotz allem verbunden mit dem für Lucas typischen evolutionären Anarchismus, einer darwinistischen Chaotik, dem ebenso unverhofften Motorenausfall wie erfolgreichen Austausch der Ersatzteile des ewigen Bastler am Mythos.

Vor dieser quecksilbrigen Konstellation schützt nur die Solidarität des Guten. Deshalb weicht Luke vor der Einladung des Bösen durch seinen Tunnelsturz in Cloud City aus. Im zweiten Todesstern-Finale über Endor (Folge VI) erreicht der Konflikt einen erneuten Gipfel: Der zum Jedi-Ritter herangereifte Luke soll, so ist es nun Yodas und Obi-Wans erklärtes Vermächtnis, sich der dunklen Seite der Macht stellen, ihr widerstehen und sie besiegen. Erst jetzt wird für den Zuschauer deutlich, dass hinter Vader ein anderer steht, der Imperator. Trotz aller Sith- und Jedi-Talente steckt Vader in der Zwangsjacke eines allzu willigen, fast kraftlosen und kastrierten Vollstreckers. Und die technologische Konkurrenz um Gouvenor Tarkin und die Todesstern-Bürokraten schläft auch nicht. Die Echtzeitliquidation ganzer Planeten-Populationen bei angenommenem Kollektivungehorsam soll jetzt Wirklichkeit werden.

Der Imperator und Darth Vader wollen Luke je aus ihren egoistischen Motiven zum Bösen verführen, ihn zunächst aus Selbstsucht gegen den jeweils anderen einsetzen oder ihn aus Missgunst töten. Gibt es Anzeichen von wieder erweckter Sympathie und Liebe in Vader? Das Duell zwischen dem nicht mehr völlig souveränen Vater und dem erstarkten Sohn ist weit mehr als eine physische Kraftprobe, es ist eine Gratwanderung zwischen Verführung und Widerstand. Und plötzlich gibt es einen ersten Zwischensieg der Jedis gegen die Sith, die Wiedereroberung der mentalen Kampfzone zwischen Sympathie und Hass, zwischen eigenständiger Individualität und machtversessener Hörigkeit, zwischen rebellischem Leben und tödlichem imperialem System, ein Ringen um mindestens zwei Seelen im Angesicht des höllischen Lord Sidious, der alles Bedeutsame in seine vampiristische Unter-Welt verschlingen will.

Weil Luke von keiner Seite die ganze Vorgeschichte erfahren hat, sondern die ältere Generation, gut wie böse, um ihn pokert, bleibt das Duell bis zuletzt ein riskantes Schattenspiel am Rande einer verborgenen grausamen Wahrheit: Wie verlief der Übertritt Anakins zur dunklen Seite wirklich? Und hat sich Darth Vader dem Bösen unwiderruflich verschrieben? Oder birgt er noch menschliche Regungen in seiner mechanischen Apparatur?

George Lucas hat ein wütendes, energisches Finale Furioso geschrieben und inszeniert, das die gewollten stilistischen "Kinderkrankheiten" der früheren Filme, die Kindheits- und Jugendperspektive (Teil I und II), abstreift und den Übergang von Anakin Skywalker auf die dunkle Seite der Macht in aller Konsequenz, schrittweise und vielschichtig darstellt. Der Konflikt in der Seele Anakins ist der Konflikt der gesamten Galaktischen Republik. Seine Verwandlung in das Böse ist weniger ein mystisches Geheimnis, sondern die individuelle Schuld eines Abtrünnigen, der fatal prädisponiert ist und sich zum Objekt des politischen Versagens der sogenannten "Guten" und des intriganten Verbrechens der "Bösen" macht.

Die persönliche wie politische Perspektive des Films erzeugt eine Dichte, die auf die anderen "Star Wars"-Teile abstrahlt. Episode III ist vergleichbar mit der endlich detaillierten, lupenreinen Explosion eines Todesterns, dessen Bruchstücke in den anderen Folgen wieder auftauchen und heillos Sinn spenden.

Man wird nach Episode III beide Trilogien anders sehen und sich stärker auf das Leben und Handeln Anakin Skywalkers und seiner "hellen und dunklen" Begleiter konzentrieren. Und von diesem Anakin wird sich kein Zuschauer so leicht erholen.

Episode III beginnt wuchtig mit der "Luftschlacht" zwischen den Separatisten-Kriegschiffen und den Republik-Kreuzern über dem galaktischen Zentralplaneten Coruscant. Der fast nur mechanische General Grievous hat mit seiner Droidenarmee im Auftrag der Handelsföderation den Obersten Kanzler der Galaktischen Republik Palpatine (Ian McDiarmid) entführt, dessen politische Macht in den Klonkriegen gegenüber dem demokratischen Senat der Galaxis immer stärker diktatorische Züge annimmt. Alle Figuren des Films sind gespalten - im Zwielicht, zwischen Demokratie und Diktatur, Menschheit und Technologie, Gut und Böse, Freiheit und Zwang. Pausenlos müssen die Protagonisten Entscheidungen treffen, offen oder verdeckt, glaubwürdig oder unglaubwürdig. Und es gibt fast keinen Moment in diesem Film, in dem nicht noch der beste Freund seinen besten Freund verdächtigt und bespitzelt.

Was Lucas und sein ILM-Team unter der Leitung von John Knoll, Roger Gyett und Rob Coleman in der ersten halben Stunde an neuster digitaler Tricktechnik in Verbindung mit Nick Gillards Stuntkoordinationen aufbieten, um die mitreißenden Bewegungen der Heroen und der Jets seit der ersten Episode im Kino 1977 weiter zu entwickeln, ist atemberaubend. Das Auge kann sich an den Details nicht sattsehen, die grafische Präzision der langsam aufgenommenen Qualitätstricks von "2001" und die Dynamik der computergesteuerten Bewegungsbilder sind nun in einem Qualitätsstandard verschmolzen. Weltraumschwärze, Planetenatmospäre bei Sonnenuntergang, Licht und Gegenlicht, künstliche Leuchtpunkte und Details auf Schiffen und dem Globalstadtplaneten werden bei rasanter Annäherung überzeugend zu plastischen Formen und sichtbaren Gestalten, ohne je den Schwung zu verlieren. Nie wurde das geballte Schlachtpanorma von Flügen, Kollisionen, Abstürzen und Auseinanderbrechen einer Vielzahl von Riesenschiffen und Minijägern mit Piloten und Robotern ohne Schnitte so detailliert dargestellt, so dass viele andere berühmte Bewegungsfahrten und Architekturen nur noch wie Museumsmodelle wirken.

Der mit einem Alec-Guinness-Bart ausgestattete Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor in Bestform) und Anakin Skywalker (Hayden Christensen) sind die Supermänner, die gegen die bekannte, Material verschwendende Low-Intensity-Kriegsstrategie der Droidengeschwader zu Felde ziehen. Als sie Kanzler Palpatine finden, sitzt dieser allzu bequem gefesselt in der verräterischen Kanzel, die in Teil VI wieder auftaucht. Count Dooku, der zu den Sith und zur Rebellion konvertierte Jedi-Idealist und Gentleman (Christopher Lee), tritt als der offizielle menschliche General der Droiden-Flotte auf. Die Dreikampf-Besetzung aus Episode II scheint sich zu wiederholen, und doch läuft es anders ab.

Obi-Wan wird von Dooku bewusstlos geschlagen, das instabile Sith-Dreieck tritt ohne weitere menschliche Zeugen in Kraft: Dooku unterliegt dem rachsüchtigen Anakin, der durch ihn bereits eine Hand verlor und eine sichtbare Prothese trägt. Das Jedi-Reglement der Selbstbeherrschung und des fairen Kampfes sieht die Festnahme Dookus vor. Doch der von Anakin abgöttisch geliebte Palpatine senkt den Daumen wie ein Cäsar und treibt Skywalker in seiner gnadenlosen Leidenschaft zur Enthauptung Dookus.Dabei bleibt Dooku bis zuletzt loyal gegenüber dem Kanzler Palpatine, und er verrät mit keinem Sterbenswörtchen, dass dieser auch Lord Sidious ist, der den gesamten Konflikt zwischen Handelsförderation und Republik angezettelt hat und alle Fäden zusammenhält.

Nach einer furiosen Notbruchlandung mit dem entflammten "Shuttle", der durch stabile Bordwände und Notbewässerung in der Luft die Lehren aus der Columbia-Tragödie zu ziehen scheint, führen die Beteiligten ihre Konflikte in den Gremien fort: Jedi-Rat, Kanzleramt und Senat. Anakin ist ein großer Junge, ein verhätscheltes Kind, overprotected von allen Seiten, begabt, aber realitätsfremd. Eine psychische Waffe in den Händen der Strategen, Fanatiker, aber auch der idealistischen Träumer, die längst so repressive Züge aufweisen wie die bösen Gegner. Er ist immer noch ein Sklave wie auf Tatooine. Er verdrängt seine impulsiven Gefühle, seine Leidenschaften, seine Liebe zur Senatorin Padmé Amidala (Natalie Portman), mit der er nun zusammen Nachkommen erwartet. Nur mit Mühe fügt er sich dem Codex der Jedi, immer wieder macht im Zorn des Unterdrückten deutlich, dass Regeln ihm nicht liegen. Dabei fiebert er nach Anerkennung. Obi-Wan gewährt ihm tiefe Freundschaft und mitmenschliches Verständnis, weit über die Jedi-Normen hinaus.

Als Kanzler Palpatine Anakin zu seinem Bevollmächtigten im Jedi-Rat ernennt, behandeln ihn die anderen Jedi kalt von oben herab, verweigern ihm, dem Helden, weiter den Meistertitel und versuchen ihn als Doppelspitzel einzusetzen. Obi-Wan muss nach allen Seiten freundlich vermitteln. Unterdrückung, Aufspaltung, Hochmut und Demütigung sind die Poren, durch welche die dunkle Seite der Macht in alle eindringt. Palpatin berüht Anakin an seiner schwächsten Stelle, dem Mutter-Komplex und der Vaterlosigkeit: In Träumen und Reden dringt er immer tiefer in die Ängste Anakins ein, eine weitere geliebte Person, wie damals seine Mutter (Teil II), durch eigenes Verschulden verlieren zu müssen - Padmé Amidala.

Mit der alten Legende des Sith Darth Plagueis, der das Rezept der Unsterblichkeit für sich entwickelte und dann von einem prometheischen Schüler beraubt und ermordet wurde, nährt er den allzu ständigen Größen-, Raubtier- und Beschützerwahn des verzweifelten Jedi-Dauerschülers. Es wichtig für die Logik der gesamten sechs "Star Wars"-Episoden, dass das Böse eben nicht als ein starrer Pol gegenüber einem eindeutig Guten daher kommt, sondern als Konstellation, als virtuoser Überlastungsfaktor der Elite zwischen Kampfstufe 9 und 10. Mit Episode III verabschiedet sich "Star Wars" aus der Kinderzimmerpädagogik, um "jenseits von Gut und Böse", "von einem weiteren Gesichtspunkt der Macht" aus zu argumentieren, wie es Palpatine mit Friedrich Nietzsche hält.

Die Verdächtigungen aller gegen alle eskalieren schnell: Wieder ist es eine Duellszene, die Anakins Charakterentwicklung verdeutlicht: Er berichtet dem Jedi-Rat von Palpatines verborgenen Sith-Qualitäten. Schon hier stellt sich die Frage, ob er damit der Sith- oder der Jedi-Partei ernsthaft helfen will. Die Festnahme des Kanzlers durch mehrere oberste Jedi schlägt fehl, Palpatine erweist sich sofort als übermächtiger, tödlicher Fechtmeister, der die Fratze des bösen Sith-Lord Sidious mit dem typischen Ronald-Reagan-Echsenhals annimmt. Anakin kommt hinzu, als der Zweikampf zwischen Mace Windu (Samuel L.Jackson) und Sidious entbrannt ist. Dieser spielt das unschuldige Opfer und diffamiert Windu als Kanzler- und Republikverräter. Mace Windu bedeutet Anakin, dass er Palpatine/Sidious angesichts seiner offenkundigen Gefährlichkeit aus Notwehr töten müsse, Anakin aber beharrt darauf, der "Kanzler" müsse legal "vor Gericht" gestellt werden, und verweigert die Unterstützung. Sidious hat Anakin durch seine ständige Sorge um Padmé fest im Griff, er nutzt einen Moment der Schwäche aus und entledigt sich des großen Mace Windu, nomen est omen, indem er ihn aus dem Fenster in die Tiefe stürzen lässt.

Der Übertritt zum Bösen und die Taufe zum Darth Vader ist für Anakin keine rein boshafte, lustvolle Angelegenheit, kein klares politisches, separatistisches oder imperiales Projekt. Sondern Ausdruck elendiger Leere, die Demut des irre werdenden Hochmutes, die Verzweifelung der Dunkelheit und die Desorientierung in der anarchischen Situation einer Republik, deren Name nur noch ein mattes Schlagwort für die sich bekämpfenden Lager darstellt. Anakin hat den (politischen) Verstand verloren, wenn er ihn je ernsthaft besaß. Er liebt nur noch, haltlos, und deshalb kapituliert er vor dem Bösen, dass ihm destruktive Eindeutigkeit verspricht, nämlich alles mögliche zu zerstören, nur seine Liebe und das Objekt der Liebe nicht. Reinfantilisiert sucht Anakin nach einer extrem loyalen Bindung und einer Sicherheitsgarantie, die ihm das ausgekochte Böse vorspiegelt.

Von unerfüllten Sehnsüchten getrieben wird er zum psychischen Automaten des Bösen und blinden Vollstrecker. Er führt, zusammen mit den sofort umprogrammierten Klonkriegern, den Vernichtungsbefehl gegen sämtliche Jedis, die jungen im Tempel und die erwachsenen an den Fronten des abebbenden Klonkriegs in der Galaxie aus, um einen angeblichen "Jedi-Aufstand" gegen die Republik niederzuschlagen. Er beseitigt eigenhändig die aus Folge I und II bekannten Anführer der Separatisten, die Bankiers und die Techno-Manager. Damit liefert er Sidious/Palpatine die Mafia-Opfer von Unschuldigen und Zeugen sowie die Liquidation von mitverstrickten Verbündeten hinter dem "glorreichen Sieg der Republik" und dem "Frieden stiftenden Ende der Klonkriege". Formeln, die der Kanzler gegenüber einem noch nützlichen Senat braucht, damit die eingeschüchterten Patrioten selbst jubelnd einstimmen - in die Umwandlung der Demokratie in das militärisch geführte Imperium mit einem auf Lebenszeit gewählten Cäsar. Der Klonkrieg als eine gigantische Simulation der Macht, als die höchste Form der politischen Intrige, bei der Machtübernahme und Machtaufgabe, Selbstentmündigung und Fremdversklavung zusammenfallen.

Im letzten, atemlosen Akt der Tragödie kollidieren die Prinzipien an insgesamt acht planetaren Schauplätzen. Der Reigen der Bilderwelten, vor allem Chewbaccas Heimat Kashyyk verkürzt sich auf eine Folge von visuellen Stichworten: Der entkommene Yoda (Frank Oz’ digitalisierte Puppe) gegen Lord Sidious, im unentschiedenen Schlagabtausch der Seniors im menschenleeren Senat auf Coruscant. "Little Boy" und "Big Girl" im Duell der Herzen, der unpolitische Zombie Anakin und die gereifte Senatorin und Demokratin Padmé Amidala. Eine politische Persönlichkeit und Mutter wie sie braucht nicht gerettet zu werden, wenn man bereit ist, ihre Prinzipien zu teilen und mitzuverteidigen. Anakin tötet Padmé seelisch, ihre erwachsene Liebe zu ihm und ihre Liebe zur Republik, indem er beide erdrückt, sie mit dem imperialen Monopol der Macht vor den "Verrätern" "zu Tode beschützen" will.

Der wie Yoda der Jedi-Säuberung entronnene Obi-Wan und Anakin duellieren sich endlos, wirbelnd, überschnell, auf dem Industrieplaneten Mustafar, einer Lavahölle mit zunehmender Drift, ohne festen Boden. Der entscheidende Akt der beinah völligen Verstümmelung Anakins, durch einen einzigen kraftvollen Streich Kenobis, ist fast unsichtbar. Als ob keiner der beiden diesen Augenblick eines vernichtenden Sieges zweier so tief miteinander außerhalb des Jedi-Reglements verbundender und jetzt tragisch entzweiter Freunde gewollt hätte. Auf der Asteroiden-Station Polis Massa schenkt Padmé, "aus unbekannter Ursache" sterbend, den Zwillingen, Leia und Luke, das Leben, um mit dem Ausspruch, in Anakin sei "so viel Gutes" dahinzuscheiden. Lord Sidious lässt Anakins in den Flammen kriechenden und kreischenden Torso in jener schwarzbehelmten Gestalt und megasthmatischen Stimmgewalt wieder herstellen, die seit 1977 zum Markenzeichen wurde. Dieser Darth Vader, kann das ein Sith sein, wenn er als Konserven-Automat mit Anakin als Filetstück der Vergangenheit bei der Erweckung sogleich nach Padmé ruft? Darth Sidious triumphiert, indem er seinen als schwarzen Butler ausgestatteten Schüler damit konfrontiert, er habe Padmé doch, im Zorn, getötet. Ist der darauf ertönende Schrei Vaders ein Signal der Ohnmacht oder des Widerstandes?

Aus welchem Alptraum wird Vader erwachen, wenn er in der Welt der Todessterne dem wahren Leben begegnet, den auf Alderaan und Tatooine versteckten Zwillingskindern? Die Fans werden sich freuen und alle Episoden genauestens nach Bezügen durchstöbern. Doch wird George Lucas jemals Abschied nehmen können von "Star Wars", wie angekündigt? Wie viele Vor-, Zwischen- und Nachepisoden können nun mühelos, aufgrund der Chronik und Buchvorlagen produziert werden? Eine Miniserie in Zeichentrick (US-TV / DVD) zu den Klonkriegen gibt es bereits. Der Ewoks-TV-Doppel-Film wurde wieder aufgelegt. Die lang erwartete TV-Spielfilm-Serie, die endlich gegen "Star Trek" aufrüstet, ist in Planung. Aber auch die sechs "Star Wars"-Kinoepisoden werden keine Ruhe geben. 3-D-Kino-Fassungen sollen in gar nicht so langer Zeit im Jahresabstand auf uns herniederregnen. Unverändert oder noch weiter überarbeitet? Wir wagen es nicht auszudenken. Der Mythos ist ein endlos sich ausdehnender glühender Kreis, ob nun im Irrflug von Sternenkreuzern oder im Irrgang der Filmepisoden. Unter der digitalen Pop-Corn-Kruste steckt immer mehr. Lava oder Menschenfleisch? Yoda George, bitte! Errette uns vor Lucas, dem Imperator!

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