"Star Wars": Sehnsucht nach einer neuen und abgerundeten Totalität

Filmbild aus der demnächst anlaufenden Fortsetzung der Saga "Das Erwachen der Macht". Bild: © Lucasfilm Ltd. & TM

Die Blockbuster-Saga ist seit 40 Jahren Spiegel des Zeitgeists, "Neue Mythologie" und ein Quantum Trost

Dunkel, tiefblau, fast schwarz liegt der Raum in "Star Wars" offen da. Unendliche Weiten. Die Fanfaren von John Williams' Titelmusik erklingen, und der Vorspannschriftzug setzt nicht nur ein und erzählt die Ereignisse vor der Handlung, sondern er vermisst zugleich den Weltraum in seiner Weite, in dem er sich nach hinten ins Unleserliche verflüchtigt. Dann, von kurzem Streicherzwischenspiel begleitet, schwenkt die Kamera nach "unten", was wir zunächst so erfahren, dass Monde nach "oben" steigen, und dann der Horizont eines Planeten sichtbar wird, der der ganzen unteren Leinwandteil einnimmt. So wird der offene Raum strukturiert. Kurz darauf gleitet das perspektivisch riesig wirkende dreiecksförmige Raumschiff Darth Vaders von oben ins Bild und deckt schnell den kompletten oberen Leinwandteil ab.

Die Raumschiffe krachen und scheppern in der Bewegung; Explosionen verursachen Rauch. Grüne und rote Blitze markieren wie Leuchtspurmunition die Schüsse. Aber wo ist dieser Lärm zu hören, der Rauch zu sehen? Der Weltraum von "Star Wars" ist ein analoger. Wie fast alle Welträume im Kino. Auch "seriösere" Science-Fiction-Filme wie "2001 - Odyssee im Weltall", "Gravity" oder "Interstellar" spielen zwar mit dem Taumel und dem untergründig vorhandenen agoraphobischen Potential des Weltraums in seiner völligen Orientierungslosigkeit.

Doch sie lassen sich am Ende nicht auf deren Konsequenzen ein - und weichen der totalen Entgrenzung, die auch eine Relativierung ist, aus, indem sie den leeren Raum auffüllen, mit Menschen, Mythen und Maschinen, und ihn dadurch auch begrenzen. Die letzte Grenze des Weltraums ist immer der Rand der Kinoleinwand.

Es war einmal in einer weit entfernten Vergangenheit... Amerika gegen Europa - so hieß die Front in jenem Krieg der Kritiker, der 1977 plötzlich ausbrach, und bis 1983 andauerte: "Phantasie, einfach Bezauberung und ziemlich anspruchsvolles Kinoerzählen fallen in eins" lobte Roger Ebert, und Pauline Kael im "New Yorker" war nicht minder begeistert: "Man spürt die Liebe zum Filmemachen, fast eine Offenbarung des Filmemachens", während die deutsche Filmkritik verärgert dem neuesten Untergang des Abendlandes beiwohnen musste, und spürte, dass sie ihn nicht verhindern konnte.

Selig sind die Zeiten, für die der Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege ist.

Georg Lukács, "Theorie des Romans"

Über "die Leichtfertigkeit, mit der da mit Begriffen wie 'Macht' und 'Gefühl' umgegangen wird", wand sich H. G. Pflaum schmerzgeplagt in der "Süddeutschen Zeitung": "Motive wie diese hatten in den reaktionärsten Epochen der Filmgeschichte Hochkonjunktur." "Die Comic-Saga ist nur ein endlos verlängertes Video-Spiel, fürchterlich laut und fürchterlich stumpfsinnig." wetterte Ponkie, und Hans C. Blumenberg erkannte in der "Zeit" eine dunkle Bedrohung: "Wenn dieser Film ein Vorbote des Kinos der Zukunft sein sollte, dann muss man Angst haben um die Zukunft des Kinos."

Neue Mythologie, elementare Moral, unschuldige Reinheit

So ist es gekommen. Das alles liegt heute länger zurück als seinerzeit der Zweite Weltkrieg, doch mit dem ersten Teil der ersten "Star Wars"-Trilogie 1977 brach ein neues Zeitalter in der Kinogeschichte an. Nicht allein das Blockbusterkino, welches bereits mit "Exorcist" und "Der weiße Hai" die Film-Landschaft veränderte, wurde auf eine neue Stufe gehoben, sondern die Filmkunst als solche.

"Star Wars" ist ein ökonomisches Ereignis wie ein ästhetisches und beides ist nicht voneinander zu trennen. Denn indem George Lucas' Epos sich auf Joseph Campbells "Der Heros in tausend Gestalten" bezog und sich schamlos aus Märchen, Fabeln, Sagen, und Mythen bediente, deren Motive und Archetypen zugleich originell uminterpretierte und aktualisierte, zielte es auf Erwachsene wie Kinder, sprach es in den Erwachsenen das kindliche Gemüt an und in den Kindern deren Größenphantasie.

Einem Kino, das nach dem Zusammenbruch der Studiobetriebe, nach der Ermüdung des Autorenkinos (inklusive New Hollywood) und dem Aufkommen des Fernsehens zum Schauplatz des Verdrängten der Bürgerlichen Gesellschaft, der Katastrophen ("Flammendes Inferno"), der sozialen Krisen ("Hundstage"), des Rückzugs ins Private ("Szenen einer Ehe") und vor allem ihres Unterbewussten ("Schulmädchenreport", "Eis am Stil", "Die Nacht der lebenden Toten", "Mondo Cannibale") geworden war, gab Lucas unschuldige Reinheit und eine Utopie zurück, eine "neue Hoffnung." ("New Hope" ist der offizielle Untertitel des ersten "Star Wars".)

Damit schuf Lucas einen neuen Typ Film, einen Film, der über sich selbst hinausgeht. Auf der Ebene der Vermarktung und des Merchandising, aber auch auf ästhetischer und weltanschaulicher Ebene. "Star Wars" ist ein eigenes Universum, es bekennt sich offen dazu, "Neue Mythologie" sein zu wollen, Fan-Gemeinden und Weltanschauungs-Gefolgschaften zu bilden. George Lucas bemerkte vor Jahren in einem Gespräch, das Epos solle eine "elementare Moral" abbilden.

Aus "Das Erwachen der Macht" Bild: © Lucasfilm Ltd. & TM

Man kann all dies fragwürdig finden, gefährlich und mit guten Gründen kritisieren. Aber man sollte die eigenen Einwände oder Affekte nicht an den Filmen auslassen. Die können nicht nur nichts dafür, sie sind einfach zu gut und das heißt auch: Zu vielfältig, zu facettenreich, zu divers und viel zu klug, um als Popcornkino, als simple Ideologie und als dümmliche Ersatzreligion abgetan zu werden.

Sie sind wie gutes Kino immer, im Gegenteil originäre Kinder des Zeitgeistes ihrer Entstehungsjahre, ein Amalgam verschiedenster, nicht immer bewusster Einflüsse und Tendenzen. Das gilt zumindest für die ersten drei Filme, für die ursprüngliche Trilogie. Wer sie in 100 oder 200 Jahren ansieht, wird von der Zeit um 1980 nicht weniger begreifen, als aus einem Film von Bertolucci, Bergman, oder DePalma, und vermutlich mehr, als aus jenen, die Fassbinder und Wenders im gleichen Zeitraum gemacht haben.