Starben die ersten Besiedler Amerikas aus?

Objekte aus der Chiquihuite-Höhle. Foto: Ciprian Ardelean et al, doi: 10.1038/s41586-020-2509-0

Neue Funde aus Mexiko scheinen genetischen Untersuchungen zu widersprechen

In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature hat ein Team um den Archäologen Ciprian Ardelean von der Universidad Autónoma de Zacatecas die Ergebnisse von Ausgrabungen in der Chiquihuite-Höhle in Zentralmexiko veröffentlicht. Von den Objekten, die die Forscher dort fanden, halten sie etwa 1.900 ihrer Beschaffenheit nach für Werkzeuge, welche einmal von Menschen benutzt wurden.

239 davon wurden in Erdschichten ausgegraben, die den Radiokarbondaten der Überreste organischen Materials nach vor 33.000 Jahren an der Oberfläche lagen. Das scheint 2015 veröffentlichten genetischen Untersuchungen von Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen zu widersprechen, denen zufolge die Bevölkerung des vorkolumbianischen Amerikas (bis auf die Eskimos und die später zugewanderten Apachen und anderen Na-Dené-Indianer) von einer vor etwa 15.000 Jahren aus Nordasien hergezogenen Gruppe abstammt, die sich bis vor 13.500 Jahren über den ganzen Kontinent verbreitete. Dem deutschen Humangenetiker Johannes Krause nach ähnelt die DNA dieser Gruppe der aus einem Zahnfund südlich des sibirischen Baikalsees.

Anhand unterschiedlich gestalteter Schädel und Skelette angestellte Vermutungen, dass es frühere Einwanderungswellen gegeben haben könnte, gelten seit dem Bekanntwerden dieser Untersuchungen als überholt. Sie standen auch deshalb auf eher unsicheren Füßen, weil sich die Physiognomie von Menschen in relativ kurzer Zeit relativ stark verändern kann. So zeugen etwa die protoeuropiden Merkmale bei den japanischen Ainu nicht von einer Verwandtschaft mit den Europäern. Stattdessen sind die bärtigen und relativ hellhäutigen Ureinwohner Hokkaidos aus der Haplogruppe D genetisch gesehen den schwarzhäutigen und bartlosen Ureinwohnern der zu Indien gehörigen Andamaneninseln am nächsten.

Weitere Überraschungen möglich

Ardelean löst den Widerspruch seines Befunds zum genetischen damit auf, dass er ein Aussterben der ersten Besiedler Amerikas für möglich hält. Andere Erklärungen wären, dass es sich bei den Fundstücken trotz ihrer Form nicht um Werkzeuge handelt. Oder, dass sie trotz scheinbar unbeschädigter Bodenschichten in tieferes Erdreich gelangten. Eine dritte Möglichkeit ist, dass die genetische Erkenntnisfindung noch nicht abgeschlossen ist.

Ein unerwartetes Ergebnis in der Vergangenheit war beispielsweise, dass sich die vorher nur in Nordamerika verortete Clovis-Kultur in einem Zeitraum von nur etwa 2.000 Jahren bis nach Chile und Brasilien ausgebreitet hat, wo das Skelett eines Menschen, der dort vor 9.800 Jahren lebte, dem der entsprechend älteren Clovis-Knochen aus Montana genetisch bemerkenswert ähnelt. Eine andere Erkenntnis, mit der man vorher nicht gerechnet hatte, war, dass diese Clovis-Bevölkerung kurz darauf praktisch verschwand und durch eine ersetzt wurde, die genetisch stärker dem Großteil der heute in Nord- und Südamerika lebenden Indianer ähnelt. Spätere präkolumbianische Umwälzungen führten dann noch dazu, dass Menschen aus Kalifornien und Mittelamerika in die Anden kamen.

Für die Zukunft bieten beispielsweise die Untersuchungen des Stanford-Genetikers Alexander Ioannidis Raum für Überraschungen. Er stellte auffällige Ähnlichkeiten zwischen Kolumbianern und Polynesiern feststellte. Sind sie nicht rein zufällig, dürften sie allerdings eher aus der Zeit nach Christi Geburt stammen. Vor dieser Zeit hätten die von Westen nach Osten reisenden Seefahrer (die den Eingriffen in die Fauna und Flora nach frühestens um 500 nach Christus auf der Osterinsel eintrafen) den Kontinent kaum erreichen können.

Folgt man Ardeleans Erklärungsoption eines Aussterbens der eigentlichen Ureinwohner, stellt sich jedoch die Frage, warum diese ausstarben, wenn sie bereits ins relativ wohlklimatisierte Mexiko vorgedrungen waren. Damit hatten sie nicht nur einen ganzen Kontinent vor, sondern schon fast einen hinter sich, der ihnen eigentlich genug Raum, Wild und Pflanzen geboten hätte, um nicht zu verhungern und sich zu vermehren. Die grönländischen Wikinger, die um 1550 nach gut 500 Jahren Besiedlung tatsächlich ausstarben, hatten das eher nicht. Aber auch sie könnten neueren Funden aus Kanada nach öfter und regelmäßiger nach Amerika gereist sein, als man bislang glaubte. (Peter Mühlbauer)