Stasi oder Kultur?

Ministerium für Staatssicherheit in der Normannenstraße (Berlin-Lichtenberg) - heute Forschungs- und Gedenkstätte. Bild: Andreas Praefcke / CC-BY-SA-2.5

Plädoyer für eine neue Zukunft der Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg

Das Areal, auf dem sich seinerzeit die Staatsicherheit der DDR beheimatete - und das einen für die deutsche Geschichte wahrhaft einzigartigen Erinnerungsort darstellt -, befindet sich in einer Situation, die man mit einem Kinderwitz beschreiben könnte. Da ist ein Mensch ins Wasser gefallen und ruft verzweifelt um Hilfe. Fragt ein anderer am Ufer zurück: "Was ist passiert?" Antwortet der Ertrinkende: "Ich habe keinen Grund." Das missversteht der am Ufer als erkenntnistheoretisches Paradox: "Wenn Sie keinen Grund haben, warum schreien sie dann so?"

Gleichwohl gibt es Anlass zur Besorgnis. Zwar ist in den letzten Jahren viel passiert, um das ausgedehnte Karree im Berliner Stadtteil Lichtenberg (zwischen Normannenstraße, Magdalenenstraße, Frankfurter Allee und Ruschestraße) als Erinnerungsort zu konsolidieren. Die hier ansässige Stasi-Unterlagenbehörde soll, so hat es der Bundestag beschlossen, künftig unter dem Dach des Bundesarchivs fortgeführt werden.

Daneben haben sich eine ganze Reihe von Einrichtungen und Initiativen angesiedelt (die Antistalinistische Aktion Berlin-Normannenstraße e.V. mit dem Stasi-Museum, die Robert-Havemann-Gesellschaft mit dem Archiv zur DDR-Opposition, das Bürgerkomitee 15. Januar usw.), die sich mit der prekären Geschichte kritisch auseinandersetzen. Aber ein reiner "Standort der Aufarbeitung": Das allein reicht nicht, wenn man dem Quartier eine Zukunft geben will, die mehr ist als ein Abglanz des Gestern. Die Notwendigkeit eines erinnerungskulturellen Narrativs ist ja unbestritten. Aber diese Erzählung muss weitergesponnen werden - und noch viel mehr Menschen in den Bann ziehen.

Ministerium für Staatssicherheit in der Normannenstraße (2003). Bild: Bettenburg / CC-BY-SA-2.0

Was fehlt, ist eine ausgreifende Idee. Eine Vision für das gesamte Areal. Eine neue öffentliche Sinngebung. Ein übergeordnetes Place-Making. Stattdessen droht man sich im Klein-klein einzelner Bauentscheidungen zu verlieren. Fragte man einen Passanten, welche Ausstrahlung der Standort denn habe, würde die Antwort vermutlich lauten: Eine sehr heruntergedimmte und abweisende, eher unscheinbare, trotz teilweise kolossaler Bauten. Freilich können just darin seine Qualitäten und Möglichkeiten liegen: Nämlich den grauen Alltag zum großen Thema zu machen.

Worum es geht, ist zweierlei: Öffentlichkeit herstellen und Geschichte im Zukünftigen spiegeln. Das ist etwas Neues, Zusätzliches, das nicht nur auf kritische Aufarbeitung, sondern auch auf Interaktion und Mobilisierung setzt. Man muss das Areal zu einem wahrhaft gesellschaftlichen Ort machen, eine "res publica" definieren und einen zeitgenössischen öffentlichen Raum darin kreieren. Der sollte hip und attraktiv, einladend und authentisch sein, mit Aufenthalts- und Entdeckungsqualitäten, ohne indes seine schwierige Herkunft und Geschichte zu verleugnen - alles andere als ein repräsentativer Schmuckplatz also. Zudem ist es dringend geboten, dass neben der Rückschau hier auch eine Auseinandersetzung mit Gegenwart und Zukunft erfolgt. Die Historikerin Mirjam Zadoff, die das NS-Dokumentationszentrum München leitet, hat unlängst auf den Punkt gebracht, worum es auch hier geht:

Erinnerung ist etwas, das sich täglich neu aus dem politischen Diskurs ergibt. Es geht bei diesem Pilotprojekt nicht darum, unser Thema wieder spannend oder interessant machen zu wollen, sondern darum, es ganz anders zu aktivieren und zu akzentualisieren.

Dazu braucht es allerdings entsprechende Angebote. Bislang geht es nur um die Retrospektive. Dem müsste etwas Prospektives zur Seite gestellt werden - Themen etwa wie die politische Indienstnahme von Gesichtserkennungssoftware in China und der implizite Zwang zu opportunem Verhalten. In der leerstehenden Randbebauung könnten Ateliers entstehen, und die Künstler ihren Beitrag zur Aufarbeitung leisten. Der Ort benötigt Anreicherungen und Frequenzbringer - auch deshalb, damit sich eine Infrastruktur aus Cafés, Kneipen, Imbissmöglichkeiten etc. ansiedelt, was wiederum die Attraktivität erhöht. Und es braucht ein Veranstaltungsforum, eine kontinuierliche Bespielung des Ganzen. Baulich ist dafür eigentlich schon alles da.

Und die Vision? Was spricht gegen so etwas wie das Wiener Museumsquartier in neuzeitlicher Übersetzung? Ein großer, weitgehend geschlossener Block, dem kulturelles Flair eingehaucht wird? Ein Museum ist, so heißt es bei Wikipedia, "eine gemeinnützige, auf Dauer angelegte, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zum Zwecke des Studiums, der Bildung und des Erlebens materielle und immaterielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt." Es ist nur folgerichtig, dass Museen auch als Orte für Veranstaltungen genutzt werden, die in einem außergewöhnlichen Rahmen stattfinden sollen.

Dahinter steht es doppeltes Motiv: Erstens der Brückenschlag zu der der Thematik des Museums ansonsten eher fernstehenden Personen; zweitens die Erschließung zusätzlicher Einnahmequellen für die eigene Arbeit. Die österreichische Hauptstadt exerziert das auf mustergültige Weise vor. In Wien gruppieren sich rund 60 kulturelle Einrichtungen in mehreren Innenhöfen; die Kombination aus Kunst- und Lebensraum und der Mix aus historischen Gebäuden sorgen für eine einmalige Atmosphäre.

Freilich gibt es einen ganz entscheidenden Unterschied: Der Stadtraum an der Normannenstraße in Berlin verkörpert die Zeitschicht der letzten 50-70 Jahre - heute oft ungeliebt. Was zu einem zweiten Aspekt führt: Nämlich einem exemplarischen Umgang mit dem Vorgefundenen, diesem seltsamen Nutzungsmix aus Büros, Wohnen, Archiven und Finanzamt. Die behutsame Behandlung der Hinterlassenschaften der Nachkriegsmoderne kann ein Antidot schaffen zum Virus des Rekonstruktivismus, der in Berlin grassiert (und beispielsweise im Humboldt-Forum und in der Bauakademie sichtbar wird). Ja, das könnte gewissermaßen sogar ein großer Befreiungsschlag sein. Einmal nicht ikonographische (historistische) Architektur und signature buildings, sondern Demonstration eines sinnvoll bewahrenden Umgangs mit einem stigmatisierten Städtebau.

Und zwar gerade weil der Ort als Ganzes extrem spröde ist und sich weitgehend der üblichen Stadtaneignung nach erwartbaren ästhetischen Parametern entzieht. Aber er ist eben so peu-á-peu gewachsen in der Spätmoderne. Er ist authentisch, ohne dass indes jedes einzelne Bauwerk nun für sakrosankt erklärt werden sollte. Kreiert werden könnte ein Ort, der schon dadurch eine einzigartige Ausstrahlung hat, der das schon Vorhandene wachküsst und zugleich Lichtenberg als feste Adresse im Stadttourismus etabliert. Die Botschaft: Einen solch' speziellen Kulturort gibt es nur in Berlin.

Die Rahmenbedingungen dafür sind gut. Erstens, der Nukleus, die Keimzelle ist mit den genannten Einrichtungen längst vorhanden. Zweitens eine gewisse Lagegunst; der Standort ist gut erschlossen und innenstadtnah (direkte U-Bahnanbindung zum Alex, eine Station zur Ringbahn). Drittens, das Ganze befindet sich im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit - was in diesem Falle positiv ist, zumal in Berlin ja der Widerstand gegenüber öffentlichen Planungen notorisch ist (siehe Tempelhofer Feld). Viertens, es gibt keinen ausgesprochenen Zeitdruck für die Entwicklung. Das ganze Blockareal: authentisch, alltagserprobt, in seiner Genese wahrhaft nutzungsgemischt - im Gegensatz zu den üblichen monofunktionalen Standort-Entwicklungen.

Das wäre in toto präzedenzlos, doch gibt es eine Reihe von Beispielen, die einzelne Facetten dessen realisieren, um das es hier geht. Etwa das sog. Weltquartier, das die IBA Wilhelmsburg in und aus einem Konglomerat von dispersen Nachkriegsbauten auf der Elbinsel entwickelte, und das 2014 mit dem deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet wurde. Oder das Toni-Areal in Zürich: Wo früher eine Großmolkerei ihre Produktion hatte, sollte Anfang des Jahrtausends der Umbau in einen Bürokomplex erfolgen. Aufgrund des Leerstands ließ man den Plan fallen und gab das Areal zur kulturellen Zwischennutzung frei. Clubs nahmen den Betrieb auf und waren schnell angesagt. Daneben fanden Events, Kunstausstellungen und Sportturniere statt. So bereitete man das Terrain vor für den Hochschul-Campus, der seit einigen Jahren hier residiert.

Zürcher Hochschule der Künste, Toni-Areal, Zürich. Bild: Micha L. Rieser / Public Domain

Und in Köln-Chorweiler, der berüchtigten Großsiedlung, bemüht man sich um die Vitalisierung öffentlicher Räume im Kontext der Nachkriegsmoderne: Zur Stabilisierung des Stadtteils und auf Basis einer breit angelegten Analyse entstand ein Platzkonzept, bei dem die Bewohner durch ein moderiertes Mitwirkungsverfahren aktiv einbezogen wurden. Last not least gibt es in Leipzig aktuell eine Entwicklung, die Parallelen aufweist: der Matthäi-Kirchhofs am Rand der Innenstadt. Es soll ein nutzungsgemischtes, urbanes Quartier mit besonderen öffentlichen Funktionen entstehen, darunter ein "Forum für Freiheit und Bürgerrechte". Das 1,5, Hektar große Areal befindet im Spannungsfeld verschiedener Interessen. Erhalt und Bewahren von Originalschauplätzen, Gedenken an den Herbst '89 sowie Ideen der Stadtentwicklung und gesellschaftspolitische Ansprüche. Gewiss, solche Projekte sind keine 1:1-Referenzen oder Blaupausen, sie illustrieren jedoch, dass auch andernorts in eine ähnliche Richtung gedacht wird.

Stellt sich natürlich die Frage, wie es weitergeht. Ein fixes Verfahren gibt es nicht bzw. erscheint vorerst nicht angemessen. Eher eine abwägende Schrittfolge. Zunächst braucht es die Ausformulierung des gesellschaftlichen Rahmens, also eine Art Leitbild für das ganze Areal. Das wäre ein politischer Akt, der sich in einem knappen Papier ausdrückt. Der nächste Schritt sollte dann ein offener Ideen- oder Konzeptwettbewerb sein, der - unter aktiver Einbeziehung der Bevölkerung - beispielhaft die Leitvorstellung konkretisiert, die abstrakte Vision mit Leben füllt und vielleicht auch erste lebendige Bilder liefert. Beides wäre ohne viel Geld leistbar. Erst danach sollten dann verbindlichere Planungen für einzelne Teile folgen, wobei man keine vorschnellen Entscheidungen für das gesamte Areal treffen sollte. Eine solche Entwicklung benötigt Zeit, und in deren Verlauf stellen sich neue Einsichten ein, andere Bedürfnisse werden erkennbar, Akteure ändern sich usw.

Keinesfalls darf man ein Milliardengrab an öffentlichen Investitionen daraus machen. Eher geht es um einen show-case, wie mit punktuellen Interventionen und zivilgesellschaftlichen Engagement ein lebendiges und kreatives Quartier peu-á-peu entsteht. Diesbezüglich wurde vor einiger Zeit der Slogan "Campus für Demokratie" ins Spiel gebracht. Will man jedoch ein Reallabor, das einen Aufbruch signalisiert und haptisch macht, könnte man die Messlatte auch höher hängen: "City of civil movement". Das darf beileibe keine Marketing-Chimäre werden, aber durchaus ein international verständliches Leuchtzeichen. Das Motto lautet: Think big! (Robert Kaltenbrunner)