Statt Exit Bag die Exit Spraydose

Vorbild Russland für Euthanasie: Das tödliche Gas für die Handtasche

Sie sahen entspannt und zufrieden aus, die jungen tschetschenischen Geiselnehmerinnen, die vom tödlichen Giftgas in Moskau überrascht wurden. "Ein schöner, ein rascher Tod", meint Dr. Philip Nitschke, der Motor für die Euthanasie in Australien. Exit Australia nennen sich die Befürworter des frühen Sterbens, die den Subkontinent in diesem Jahr mit mehr als 20 Workshops überzogen haben. "Dr.Death" findet Publizität und Menschen, die ihrem Leben bewusst ein Ende bereiten.

Der Name spricht für deutsche Herkunft, und vielleicht können sich gar deutsche Politikerherzen begeistern, wenn sie hören, dass die Senioren zur Zielgruppe gehören. Wer 75 Jahre und älter wird, sollte abtreten, quasi als ultimative Lösung der Rentenreform. Aber wie, das ist die Frage.

Bisher hielt Dr. Nitschke das uralte Schlafmittel Nembutal für das Beste aller Mittel. In Deutschland, Tierschützern sei Dank, ist der Stoff nicht einmal mehr für Ratten zugelassen. Neuerdings steht Dr. Nitschke auf Gas. Exit Bag heißt der Beutel, der ursprünglich im rauen Kanada entwickelt wurde. Mutige Holzfäller sind gefragt, weil die Bedienung wahre Schwerarbeit ist. Entweder muss der Sterbewillige in den Plastiksack hineinatmen, bis er am Sauerstoffmangel verstirbt, oder der Beutel ist mit Kohlenmonoxid gefüllt. Doch wehe der unsachgemäßen Handhabung! Falls nicht in der "Wilderniss" fernab menschlicher Behausungen könnte der Gasverlust das Sterben zur Qual machen, sollte der von den Nachbarn eilends herbeigerufene Notarzt ein schlagendes Herz vorfinden. Ein wirkliches Problem, das auch den Mediziner Nitschke beschäftigt:

"Niemand kommt zu mir und sagt: 'Ich will meinen Kopf in einen Sack stecken.' Es ist die Alternative für die armen Leute. Wir brauchen Besseres."

Gleichwohl sollten noch im August 500 Exit Bags in Brisbane hergestellt werden, weil Dr. Death fürchtete, der Import aus Kanada könnte verboten werden und versiegen. Dann geschah das Drama im Musicaltheater von Moskau. Nach diesem Ereignis verordnete sich Dr. Nitschke eine Denkpause bis zum Januar. Auf der 12th Biennial National Conference of the Hemlock Society in San Diego will er mit den nordamerikanischen Befürwortern der Euthanasie neue Techniken erörtern, die den Weg über den Hades zur Entspannung werden lassen.

Warum dieser Sinneswandel und die Abkehr vom kanadischen Anti-Air Bag? Die Euthanasiasten sind aufmerksame Schüler auf der Suche nach dem raschen, freudigen Tod. Folglich haben sie die detailreichen Diskussionen der Giftgas-Experten mit offenem Mund verschlungen. Es gibt, so wissen sie jetzt, das legale Spektrum von Stoffen, weil alle Welt dem russischen Präsidenten Putin und seiner Aktion zustimmt.

Was macht schon die Unkenntnis des wahren Gasgemisches in Moskau, wenn die US-Experten in bewundernswerter Offenheit über ihre praktischen Erfahrungen mit regulären Arzneimitteln berichten. Fentanyl und Diazepam: natürlich, die kannte man längst, weil die Chemikalien für den täglichen ärztlichen Gebrauch hergestellt werden. Oder vielleicht Etorphin, 1000mal stärker als Morphin: Veterinärmediziner beruhigen damit Elefanten und das widerspenstige Rhinozeros. "Aus dem Nähkästchen geplaudert" wird deutlich, dass in geheimen US-Labors bekannte Effekte dramatisch oder gar tödlich zu steigern sind, indem Valium (Diazepam), Fentanyl oder neuartige Morphine völlig unkonventionell als Aerosole in die Atemluft vernebelt werden. Das ist Medizin hochkonzentriert, wie ein Gas also, tödlich zwar, aber nicht so böse wie die alten Kamellen von Saddam Hussein.

Die Euthanasie-Befürworter haben es erkannt: statt Exit Bag die Exit Spraydose. Klein und handlich, mit der millionenfach bewährten Zerstäubung aus dem Inhaler (Vernebler). Die Pumpdose, daumendick und nur wenig länger, begleitet schon viele Patienten, die ihre antiallergische oder auf das Nervensystem wirksame Medizin stets parat mit sich tragen und bei Bedarf tief einatmen. Der Inhalt ist beliebig auswechselbar, nur flüssig muss er sein.

Falls sich mehrere Lebensmüde zusammentun wollen, brauchen sie allerdings die Technik von Moskau. Dort, im staatlichen Forschungsinstitut der Organischen Chemie und Toxikologie, lachen die Experten über die naiven Westler, so weiß es Vil Mirzayanov. Er, der in den 90er Jahren mit einer Probe des russischen Könnens in die USA emigriert ist, hat von seinen ehemaligen Kollegen gehört, dass es weder Fentanyl noch Halothan war (Transparenz auf russisch). (Herbert Hasenbein)