Statt #MeToo: Für mehr Unverschämtheit zwischen Frauen und Männern

La Proposition (1872), William-Adolphe Bouguereau (1825-1905) / gemeinfrei

Frankreich: 100 Frauen, darunter Catherine Deneuve und Catherine Millet, verteidigen die Freiheit, aufdringlich zu sein

Natürlich hat die Affaire Weinstein auch in Frankreich zu ganz ähnlichen Debatten geführt. #BalanceTonPorc ist das Pendant zu #MeToo und die üblen Erfahrungen, die Frauen unter diesem Stichwort schildern, unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der amerikanischen oder der deutschen Frauen.

Trotzdem erwartet man sich von der Diskussion in Frankreich etwas anderes. Es hält sich das Gerücht über Frankreich, dass man dort mehr vom guten Leben versteht als anderswo und ganz speziell, wenn es um Liebe geht oder um Verführung. Verführung ist ein Wort, das im Alltag hierzulande eigentlich kaum mehr gebraucht wird. Wogegen "séduction", zu den ersten Begriffen gehörte, die ein französischer Journalistenkollege verwendete, als ich ihn auf den Debattenbeitrag der hundert Frauen ansprach.

Der Debattenbeitrag ist heute in Le Monde erschienen. Unter den hundert Frauen, die ihn unterzeichnet haben, wird die Schauspielerin Catherine Deneuve wohl den größten Bekanntheitsgrad in Deutschland haben. Von den anderen Unterzeichnerinnen ist möglicherweise die ein oder andere Schriftstellerin Interessierten hierzulande bekannt, wie z.B. Catherine Millet.

Auch eine deutsche Unterzeichnerin findet sich unter den Hundert: die Schauspielerin und Schriftstellerin Ingrid Caven. Eine frühere Pornodarstellerin, Brigitte Lahaie, ist dabei, die Chefin des recht eigensinnigen Magazins Le Causeur, Elisabeth Lévy ("Immer für Ärger gut"), und Peggy Sastre, eine Feministin, die über einiges Irritationspotential verfügt.

Die hundert Unterzeichnerinnen sind ein ungewöhnliches Kollektiv, die auch schon mit der Überschrift ihres Diskussionsbeitrags die Erwartung schüren, dass sie anderes als das Gewohnte sagen wollen. Um es auf ein kurzes, scharfes Kondensat zu bringen: Die Frauen treten für mehr Unverschämtheit in den Verhältnissen zwischen Männern und Frauen ein und weisen den "Männerhass" in bestimmten Teilen des Feminismus zurück. Sie attackieren einen Puritanismus, der sich dort eingenistet habe und Frauen wieder einmal eine Opferrolle zuweise.

"Wir verteidigen die Freiheit, aufdringlich zu sein, weil dies unabdingbar mit der sexuellen Freiheit verbunden ist", steht als Maxime in der Überschrift. Es ist eine zentrale Grundaussage, die im Text dann näher erläutert wird:

Als Frauen erkennen wir uns in dem Feminismus nicht wieder, der über die Anprangerung des Machtmissbrauchs hinaus, das Gesicht eines Hasses der Männer und der Sexualität annimmt. Wir denken, dass die Freiheit, "nein" zu einem sexuellen Angebot zu sagen, nicht funktioniert ohne die Freiheit, jemandem lästig zu fallen. Wir betrachten die Sache so: Man muss wissen, wie man auf diese Freiheit, jemandem lästig zu fallen, antwortet oder reagiert, ohne dass man sich in die Rolle einer Beute oder eines Opfers verpuppt.

collectif de 100 femmes

Ganz offensichtlich geht es um Feinheiten, nicht um rohe Gewalt, aber doch um Unverschämtes und schließlich um ein Rollenverständnis. Die Schrift der Frauen geht mit dem ersten Satz unmissverständlich auf Abstand zur sexuellen Gewalt: "Die Vergewaltigung ist ein Verbrechen". Aber dem folgt unmittelbar anschließend im nächsten Satz eine Unterscheidung, die ihrer Meinung nach offensichtlich in der Debatte gesetzt werden muss: "Aber die Anmache oder das Anbaggern (i.O. la drague), das insistiert oder ungeschickt ist, ist kein Delikt wie auch die Galanterie keine machistische Aggression ist."

Viel hängt an den Begriffen, aber all zu viel Gewicht muss man ihnen auch nicht bemessen. Über die "Galanterie" ließe sich von Kulturkundigen vieles anführen und ich bin mir natürlich nicht sicher, ob weiter oben der Schlüsselbegriff "importuner" mit "aufdringlich sein" tatsächlich am besten wiedergegeben ist. Das Internetwörterbuch Leo hilft mit "jemandem lästig fallen", "zur Last fallen", aber auch "traktieren", "behelligen" oder nur "auf den Wecker gehen".

Worauf es ankommt, ist der Unterschied zur aggressiven sexuellen Belästigung, welche die Person, die bedrängt wird, in eine ganz andere Bedrängnis bringt als der "Aufdringliche". Der Debattenbeitrag der 100 Frauen impliziert, dass man sich dieser Unterschiede bewusst ist. Mit Worten auf dem Papier oder in einem Gesetzestext mag das nicht immer eindeutig zu klären sein, in der Situation selbst ist der Unterschied für jemanden, der ein Gespür für sein Gegenüber hat, sehr wohl deutlich.

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