Statt Wissen möglichst früh zu erwerben, soll die Aufmerksamkeit trainiert werden

Sich in der Kindheit konzentrieren zu können, ist nach einer Studie für den akademischen Erfolg wichtiger als Lese- und Rechenfähigkeiten

Viele Eltern investieren mehr und mehr Zeit und Geld, um ihren Kindern eine gelingende Karriere zu ermöglichen oder zu verhindern, dass sie aufgrund mangelnder Ausbildung nicht vorankommen und im Leben scheitern. Schon lange vor der Schule werden die Kinder angetrieben, möglichst viel zu lernen, natürlich spielerisch, um vorne dran zu sein, schließlich sollen die Kinder im frühen Alter am besten lernen oder fürs Lernen vorbereitet werden.

Am besten ab der Kinderkrippe sollen die Kinder in Lerngruppen für Musik, Spracherwerb, Rechnen, Medienkompetenz oder was auch immer auf Form gebracht werden, um von Anfang an vorne mitzuspielen. Dabei geht es oft weniger um das Glück des Kindes, sondern um die Sorge, Ansehen in der Konkurrenz mit den anderen Eltern zu verlieren, wenn das eigene Kind hinterherhinkt, nicht so klug ist oder sich in der Schule schwer tut. Ob mit der frühzeitigen Verschulung für das spätere Leben wirklich Erfolge erzielt werden, ist nicht so klar, die Eltern müssen sich jedenfalls wohl nicht vorwerfen lassen, sie hätten etwas versäumt.

Eine im Online-Journal Early Childhood Research Quarterly veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern der Oregon State University scheint zu belegen, dass die Paukerei, denen Kleinkinder im Bildungsauftrag schon im Vorschulalter unterzogen werden, wenig Auswirkungen auf die akademische Karriere hat. Viel besser schneiden Kleinkinder später ab, die sich konzentrieren konnten und auch dann ein Spiel nicht aufgaben, wenn sie auf Schwierigkeiten stießen.

Für die Langzeitstudie wurden 430 Kinder vom 4. bis zum 25. Lebensjahr begleitet und ihre akademische und soziale Entwicklung ebenso wie ihr Können und Verhalten in der Schule und Zuhause erfasst. So wurden die Eltern etwa befragt, wie lange sich ihr Kind Zuhause mit einem Spielzeug beschäftigt und ob es bei Schwierigkeiten schnell aufhört. Erzieher(innen) wurden gebeten, den Kindern eine Aufgabe zu geben und dann zu beobachten, ob und wann sie aufgeben oder ob sie so lange durchhalten, bis sie diese gelöst haben.

Die mehr oder weniger lange Aufmerksamkeitsspanne der Kinder lässt nach der Studie die Leistungen im Lesen und Rechnen im Alter von 21 Jahren vorhersagen. Zwar haben die bis zum Alter von sieben Jahren erworbenen Lese- und Rechenleistungen einen geringen Einfluss, der Großteil der Wirkung sei aber direkt durch die Aufmerksamkeitsspanne zu erklären. Wer als Vierjähriger eine hohe Aufmerksamkeitsspanne und Ausdauer vorlegt, hatte zudem eine fast 50prozentig erhöhte Chance, mit 25 einen akademischen Abschluss gemacht zu haben, die Lese- und Rechenleistungen im Alter von 7 und 21 Jahren spielten dabei nur eine geringe Rolle. Brillant zu sein, so sagt die Studienleiterin und Expertin für Kindheitsentwicklung Megan McClellan, heiße noch nicht, sich konzentrieren und durchhalten oder eben einen Hochschulabschluss erlangen zu können. Letzteres sei aber ein guter Indikator dafür, ein höheres Gehalt und stabile Beschäftigungsverhältnisse zu erreichen. Nun könnte man zwar auch sagen, dass die Ergebnisse für eine gewisse Entspannung bei den Eltern führen könnten, wenn sie ihr Kind nicht von früh auf mit Wissenserwerb und Lernen traktieren müssen, aber McClelland macht gleichfalls Druck. Je früher Eltern und Erzieher eingreifen und den Kindern Konzentration und Durchhaltevermögen beibringen - oder antrainieren, wie man beinahe geneigt ist zu sagen -, desto erfolgreicher würden die Kinder akademisch sein.

Das ist nett gesagt in Zeiten, in denen angeblich die Aufmerksamkeitsstörung grassiert und viele Kinder und Jugendliche medikamentös behandelt werden. McClelland meint, es sei wahrscheinlich wichtiger, die Selbstkontrolle der Kinder zu stärken, damit sie zuhören oder aufmerksam sein können, eine Aufgabe lösen und Anweisungen erinnern können, als ihnen irgendein Wissen einzubläuen. Es gebe einfache Spiele, bei denen man sowohl lesen als auch Selbstkontrolle lernen könne. Auf jeden Fall, so scheint die Devise zu sein, ist Prävention wichtig und Schlendrian im Kleinkinderleben des Teufels. (Florian Rötzer)