Stehen oder Sitzen beim Arbeiten?

Bild: Phil Whitehouse/CC BY-2.0

Was den Energieverbrauch angeht, haben Wissenschaftler herausgefunden, beträgt der Unterschied gerade einmal 9 kcal pro Stunde

Sitzen wurde in den letzten Jahren zur Volkskrankheit, Sedentarismus zum Risikofaktor erklärt. Während die Körper schwerer wurden und immer mehr Arbeiten sitzend verrichtet werden, sieht man von den sich mehrenden Dienstleistern ab, geriet der "homo sedens" in den Blick der Gesundheitsapologeten. Sitzen macht krank, Bewegung ist gut und erhält die Gesundheit. "Vermeidbare Sitzzeiten sollten auf ein Minimum reduziert werden", heißt es etwa in einer Empfehlung des Gesundheitsministeriums, "mindestens" seien 60 Minuten moderate bis intensive körperlicher Aktivität pro Tag" erforderlich, mehr führe "zu einem höheren gesundheitlichen Nutzen", Bewegung reduziere das Gesamtsterblichkeitsrisiko erheblich.

Im Arbeitsalltag heißt es dann, möglichst oft aufstehen, Besprechungen stehend abzuhalten, sich ein Stehpult und ein Sitzgerät anschaffen, bei dem der Körper fortwährend die Stabilität ausbalancieren muss, oder gar während des Sitzens am Arbeitstisch wenigstens die Füße mit einer Tretvorrichtung zu bewegen. Die fehlende Bewegung nur in der Freizeit durch sportliche Betätigung zu kompensieren, reiche nicht.

Wissenschaftler der University of Bath und des Westmont College haben sich einmal näher die mutmaßlichen Vorteile des Stehens gegenüber dem Sitzen angeschaut. Sie schreiben, dass langes Sitzen zu einem großen Gesundheitsproblem wurde, das auch von Regierungen angegangen wird und etwa dazu geführt hat, höhenverstellbare Arbeitsplätze und tragbare Geräte einzuführen, um das Stehen zu fördern. Trotz des Hypes gebe es aber bemerkenswert wenig Wissen über die tatsächlichen Energiekosten, wenn man Stehen und Sitzen vergleicht. Man sollte annehmen, dass beim Stehen mehr Energie verbraucht wird als beim Sitzen, weil mehr Muskeln aktiv sein müssen, um den Körper zu halten.

Für ihre Studie, die in der Zeitschrift Medicine & Science in Sports & Exercise erschienen ist, maßen die Wissenschaftler die Stoffwechselrate von 46 gesunden Männern und Frauen beim Ruhen. Die Versuchsteilnehmer wurden dann gebeten, sich hinzulegen, sich hinzusetzen oder aufzustehen. Dabei wurde aufgrund des Sauerstoffverbrauchs gemessen, wie viele Kalorien sie jeweils verbrennen. Für die jeweilige Körperhaltung gab es keine Vorschriften, die Versuchspersonen sollten ihnen angenehme Positionen einnehmen, um den Unterschied zwischen Stehen und Sitzen im wirklichen Leben zu erfassen. Frühere Studien hätten den Energieverbrauch in bewegungslosen Stellungen gemessen, das sei aber nicht "natürlich".

Wenig verwunderlich stellte sich heraus, dass die Energiekosten individuell unterschiedlich groß und positiv mit der selbst berichteten körperlichen Aktivität verbunden sind. Von der Ruhehaltung zum Liegen verbrauchten die Versuchsteilnehmer durchschnittlich 0,18 kJ pro Minute, 0,15 vom Liegen zum Sitzen und 0,65 vom Sitzen zum Stehen. Letzteres würde einen Unterschied von 12 Prozent bedeuten. Faktisch würden beim Stehen in der Stunde nur um die 9 kcal mehr verbrannt

"Gegenwärtige Interventionen zur Reduzierung langen Sitzens wie Stehpulte oder tragbare Geräte führen nur maximal zu einer Zunahme des Stehens von 2 Stunden pro Tag", sagt Mitautor Gregg Afman vom Westmont College. Dadurch würde dann eine Person "täglich nicht einmal 20 kcal mehr verbrauchen". Das wäre nahezu Nichts. Allerdings geht es dabei nur um einen möglichen Gewichtsverlust. Wie Javier Gonzalez von der University of Bath sagt, müsste man schon 20 Stunden stehen, um den Konsum einer Tasse Cappuccino zu kompensieren.

Nicht berücksichtigt wird freilich, ob Stehen gegenüber Sitzen weitere gesundheitliche Vorteile (oder Nachteile?) hat. Gonzalez gibt den Menschen, die sich wegen der negativen Folgen des Sitzens Stehpulte oder -tische anschaffen wollen, den Rat, dass mehr Stehen zwar gesundheitlich etwas bringen könne, aber eben praktisch keine Auswirkungen auf das Körpergewicht. Um das zu erreichen, müsse man sich mehr körperlich bewegen und auch auf die Ernährung achten.

Nach einer Langzeitstudie von Wissenschaftlern der Columbia University vom letzten Jahr mit fast 8000 Teilnehmern über 45 Jahren sitzen die Menschen durchschnittlich mehr als 12 Stunden pro Tag. Wer am längsten täglich sitzt (über 13 Stunden) und das meist zwischen 60 und 90 Minuten am Stück, hatte ein doppelt so hohes Sterberisiko wie diejenigen, die am wenigsten täglich sitzen und die kürzesten Sitzperioden haben. (Florian Rötzer)

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