Steht alles in der Bibel

Wissenschaftler untersuchen das Buch der Bücher auf seinen Wahrheitsgehalt - mit unterschiedlichen Ergebnissen

Israelischen Archäologen ist es gelungen, einen alten Wasserkanal in Jerusalem zu datieren. Sie bestätigen mit modernen wissenschaftlichen Methoden die Angaben des Alten Testaments.

Eingang zum Schiloach-Tunnel, Foto:Boston University

Hiskia war König von Juda und regierte in Jerusalem 727 bis 698 vor Christus. So steht es in den Geschichtsbüchern und so steht es in der Bibel (2 Könige 18). Im 2. Buch der Könige ist nachzulesen:

Was mehr zu Hiskia zu sagen ist und alle seine tapferen Taten und wie er den Teich und die Wasserleitung gebaut hat, durch die er Wasser in die Stadt geleitet hat...

(20,20)

Und im 2. Buch der Chronik heißt es:

Und als Hiskia sah, dass Sanherib, kam und willens war, gegen Jerusalem zu kämpfen, beriet er sich mit seinen Obersten und Kriegshelden, ob man die Wasserquellen verdecken sollte, die draußen vor der Stadt waren; und sie stimmten ihm zu. Und es versammelte sich viel Volk, und sie verdeckten alle Quellen und den Bach, der durch die Erde geleitet wird, und sprachen: Dass die Könige von Assur nur kein Wasser finden, wenn sie kommen!

(32,3-4)

Clever war dieser König der Eisenzeit, der seinem Gegner den Wasserhahn zudrehte, ein Schachzug, der im Nahen Osten heute noch beliebt ist. Wenn die Geschichte denn stimmt, denn in der Bibel steht vieles, das sich archäologisch nicht belegen lässt.

Biblische Archäologie ist ein in Israel beliebter Forschungszweig, aber auch ein hoch politischer, wie nicht zuletzt die Auseinandersetzungen um die Grabungen am Tempelberg in Jerusalem zeigten (vgl. Das Tor zu Jerusalem und Berg der Himmelfahrt). In den letzten Jahren meldeten sich vermehrt kritische Stimmen wie Zeev Herzog von der Universität Tel Aviv, der in einer israelischen Tageszeitung schrieb:

Die Ergebnisse unserer intensiven Ausgrabungen, und ich beziehe da alle Grabungen der letzten 70 Jahre mit ein, widersprechen ganz eindeutig den Geschichten im Alten Testament. Vieles in der Bibel ist nur Legende. Wir haben bis heute keine Beweise für die Existenz der Erzväter Israels gefunden, für die Verschleppung und den Exodus der Israeliten in Ägypten und die Eroberung Jerichos - und dass es unter David und Salomo ein mächtiges vereinigtes Königreich gab. Wir können es nicht beweisen.

Die Archäologen Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman legten vergangenes Jahr mit dem aufsehenerregenden Buch "Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel" noch einmal kräftig nach.

Jetzt ist die Gegenseite wieder am Zug. Amos Frumkin von der Hebrew University of Jerusalem, Aryeh Shimron vom Geological Survey of Israel und Jeff Rosenbaum von der englischen Reading University haben den Tunnel des Hiskia in Jerusalem ganz genau unter die Lupe genommen.

Der alte Wasserkanal, auch Schiloach-Tunnel genannt, ist einen halben Kilometer lang und führt das Wasser der Gihonquelle unterirdisch durch Jerusalem. Diese Quelle ist die einzig beständig sprudelnde der ganzen Region. Genaue Datierungen sind bei den meisten "biblischen Fundorten" schwierig, aber dem Team ist nun mithilfe von Radiometrie die genaue Zuordnung zum ersten Mal gelungen. Die meisten Archäologen gingen davon aus, dass das Kanalsystem in der Zeit von König Hiskia erbaut wurde, aber eine Inschrift, die den Durchbruch der Steinhauer dokumentiert (vgl. Siloam Inscription Font), sorgte für Verunsicherung, denn manche Forscher datierten sie ins zweite vorchristliche Jahrhundert. Zudem wurde Anfang des 20. Jahrhunderts während der ersten Erforschung aller Schutt aus dem Schiloach-Tunnel geräumt und damit alle Artefakte entsorgt. Trotzdem ist die Debatte nun zu Ende, denn das Team um Frumkin hat den Beweis erbracht, dass das Wasserleitungssystem um 700 vor Christus geschaffen wurde.

Ursprünglich war der aus dem Kalkstein-Dolomit-Felsen gehauene Tunnel verputzt, um zu vermeiden, dass Wasser durch kleine Ritzen und Sprünge versickerte. Die Archäologen nahmen Proben des uralten Putzes, der auch organisches Material enthält und sie untersuchten zudem Stalaktiten, Tropfsteine, die erst nach der Vollendung des Tunnels entstanden sein können. Das Team führte unter anderen Radiokarbon- (AMS), elektronenmikroskopische (SEM), Röntgen- (XRD), petrografische und geochemische Analysen durch. Sie kamen nach allen Untersuchungen zu einem klaren Schluss:

Das radiometrisch ermittelte Alter des Schiloach-Tunnels von 700 vor Christus stimmt mit den dem paläografischen Alter überein, das für die Schiloach-Inschrift angesetzt wurde. Unsere Datierung stimmt auch mit den Daten überein, die König Hiskia zugeordnet werden, der in dem Bibeltext als Erbauer des Schiloach-Tunnels beschrieben wird. Die drei Beweislinien - radiometrische Datierung, Paläografie und die historische Aufzeichnung - laufen um 700 vor Christus zusammen, und machen aus dem Schiloach-Tunnel die am besten datierte biblische Struktur der Eisenzeit, die bisher bekannt ist.

Allerdings ist das nur ein Beleg für eine winzige Textstelle in der Bibel. Übrigens besiegte Hiskia seinen Feind Sanherib weder durch eine Schlacht, noch durch den Durst der assyrischen Soldaten. In der Bibel wird berichtet, dass der Herr ihm einen Engel zur Hilfe schickte, der des nachts die Feinde in Scharen erschlug: 185 000 an der Zahl - morgens fand man nur die Leichen und Sanherib kehrte zurück nach Ninive (2 Könige 19). (Andrea Naica-Loebell)

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