Steigende Methanemissionen

Bild: Alle Dörfer bleiben/Christoph Schnüll

Die Energie- und Klimawochenschau: Vom menschengemachten Klimawandel in Sibirien, unnötiger Gasinfrastruktur und Protesten gegen Garzweiler Hitzewelle

Sollten noch Zweifel daran bestanden haben, dass die Hitzewelle in Sibirien auf die Klimaerwärmung durch den Menschen zurückzuführen ist: Ein internationales Forschungsteam der Initiative World Weather Attribution kommt zu dem Schluss, dass eine solche Abweichung ohne den Einfluss des Menschen nahezu unmöglich ist.

Dies betrifft nicht nur die am 20. Juni in Werchojansk gemessene Rekordhitze von 38 Grad Celsius, sondern die ungewöhnlich hohen Temperaturen, die in Sibirien im gesamten ersten Halbjahr 2020 herrschten. Die Temperaturen lagen rund 5 Grad über dem langjährigen Mittel, im Juni überschritten sie dieses um 10 Grad. Die Temperaturabweichung um 5 Grad sei durch den menschengemachten Klimawandel 600mal wahrscheinlicher geworden, so die Wissenschaftler von World Weather Attribution, und selbst mit dem Klimawandel würde eine solche Abweichung nur alle 130 Jahre erwartet.

Allerdings prognostizieren die Wissenschaftler auch, dass sich die Durchschnittstemperaturen in Sibirien bis zum Jahr 2050 im Vergleich zum Jahr 1900 um 2,5 bis 7 Grad erhöhen. Die Folgen für Ökosysteme und Menschen zeigen sich schon heute deutlich. Ausgedehnte Waldbrände werden immer häufiger, hinzu kommt, dass Bäume durch Insektenbefall geschwächt werden. Fische ziehen sich wegen der hohen Oberflächentemperaturen tiefer ins Meer zurück, was den Fischfang zurückgehen lässt. Und das Auftauen des Permafrostbodens führt dazu, dass darauf aufgebaute Infrastruktur zusammenbricht. Aus dem tauenden Permafrost freigesetztes Methan beschleunigt wiederum die Klimaerwärmung.

23 Prozent der Klimaerwärmung geht auf Methan zurück

Insgesamt spielt das potente Treibhausgas Methan bei der globalen Erwärmung eine immer größere Rolle. Das Global Carbon Project veröffentlichte unlängst Zahlen zur Entwicklung des Methanausstoßes von 2008 bis 2017. Die geschätzten jährlichen Methanemissionen lagen demnach um 29 Millionen Tonnen pro Jahr höher als in der vorangegangenen Dekade von 2000 bis 2009. Die Schätzungen variieren je nachdem, ob die Emissionen "bottom-up" oder "top-down" gemessen werden, also an der Quelle oder in der Atmosphäre.

Die größte Messunsicherheit liegt bei natürlichen Emissionen aus Feuchtgebieten oder Gewässern. Insgesamt überwiegt jedoch das Methan aus menschlichen Aktivitäten mit 366 Millionen Tonnen oder 60 Prozent der jährlichen Gesamtemissionen. Der größte Anteil stammt (mit zwischen 206 und 217 Millionen Tonnen) aus der Landwirtschaft und Abfällen. Ein weiterer großer Posten entfällt auf die Förderung und Verbrennung fossiler Rohstoffe (111 bis 128 Millionen Tonnen). Den gesamten Methanemissionen von 576 bis 737 Millionen Tonnen stehen natürliche Senken gegenüber, die pro Jahr 556 bis 625 Millionen Tonnen aufnehmen.

Bild: Global Carbon Project

Nach Angaben des Global Carbon Project ist Methan für 23 Prozent der derzeitigen Klimaerwärmung verantwortlich. Methan ist als Treibhausgas um ein Vielfaches wirksamer als Kohlendioxid, baut sich aber auch sehr viel schneller wieder ab. Der Methanausstoß wirkt sich damit viel unmittelbarer auf das Klima aus.

Paradoxerweise könnte gerade der derzeitige Niedergang von Fracking-Unternehmen in den USA, ausgelöst durch fallende Erdöl- und Erdgaspreise, zu einem Anstieg der Methanemissionen führen. Wie der ORF mit Bezug auf die New York Times berichtet, würden die insolventen Unternehmen ihre Bohrlöcher nicht mehr richtig sichern, sodass große Mengen Methan ungehindert in die Umwelt entweichen könnten.

Unnötige Pipelines und LNG-Terminals

Die Ökonominnen Claudia Kemfert und Franziska Holz vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnen indessen davor, die Gasinfrastruktur in Deutschland und Europa weiter auszubauen.

Im Zuge des Kohleausstiegs soll Erdgas in Deutschland weiter gefördert werden und auch andere europäische Länder planen in Gasinfrastruktur. d.h. in Pipelines und Flüssiggasterminals zu investieren. "Grund sind häufig politisch-strategische Erwägungen, die jedoch den klimapolitischen Zielsetzungen entgegenstehen", so die Wissenschaftlerinnen. So sind der Bau der Nordstream-2-Pipeline und der TurkStream-Pipeline in die Türkei und Südosteuropa dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine geschuldet und setzen eben darauf, einen Transit durch Osteuropa zu umgehen.

Pipelinekapazitäten wären nämlich auch ohne die neuen Projekte ausreichend vorhanden, wenn man von einem mehr oder weniger gleichbleibendem Erdgasbedarf in Europa ausgeht. Wenn sich die Staaten jedoch an das Pariser Klimaschutzabkommen halten, müsste der Erdgasbedarf eigentlich sinken. Zum anderen wurden und werden Flüssiggasterminals gebaut, was Importe u.a. aus dem Nahen Osten und den USA ermöglicht. Bis zum Eintritt von US-amerikanischen Frackinggas in den europäischen Markt sei die LNG-Infrastruktur nur zu einem Bruchteil ausgelastet gewesen. Erst das billige Frackinggas machte LNG-Importe attraktiv. Allerdings rechnen die DIW-Wissenschaftlerinnen auch hier künftig nur mit einem geringen Marktanteil, insbesondere bei sinkenden Erdgaspreisen.

Im Hinblick auf die Klimaziele müsse langfristig ein Ausstieg aus fossilem Gas erfolgen, Gas würde dann aus erneuerbaren Quellen dezentral hegestellt, was Pipelines und LNG-Terminals obsolet machen würde. Weder Nordstream 2 noch weitere Flüssiggasterminals seien für die Versorgung notwendig, auch nicht für eine Übergangszeit. "Überraschenderweise ist im jüngst beschlossenen Kohleausstiegsgesetz aber eine weitere Förderung von Erdgas vorgesehen. Der abnehmende Erdgasbedarf kann jedoch mit der bereits existierenden Infrastruktur gedeckt werden. In diesem Zusammenhang sollten die Planungen neuer LNG-Terminals gestoppt werden", so Kemfert und Holz.

RWE rückt gegen Dörfer vor

Der deutsche "Kohleausstieg" bis zum Jahr 2038 ist im Vergleich zu anderen EU-Staaten eher als Farce zu betrachten. So kündigte der portugiesische Energiekonzern EDP in der vergangenen Woche an, seinen Kohleausstieg nochmals vorzuziehen, und zwar von 2023 auf das kommende Jahr. Belgien ist bereits 2016 aus der Kohle ausgestiegen, gefolgt von Schweden und Österreich 2020. Bis 2025 wird außerdem ein kompletter Kohleausstieg in Frankreich, der Slowakei, Irland und Italien erwartet, sowie in Großbritannien, das aber inzwischen nicht mehr zur EU zählt.

Kritiker nennen das Kohleausstiegsgesetz dann auch lieber Kohleverlängerungsgesetz. Denn dieses garantiert nicht nur großzügige Entschädigungen an die Konzerne, die angesichts der heute kaum noch wirtschaftlichen Kohleverstromung kaum angemessen sein dürften, sondern ist auch ein Todesurteil für mehrere Dörfer wie Keyenberg, Kuckum oder Lützerath.

Das Kohleausstiegsgesetz sichert u.a. den Tagebau Garzweiler II im Rheinischen Revier. Am Sonntag demonstrierten dort rund 800 Menschen für den Erhalt des Dorfs Keyenberg und der Landstraße L277, die die von der Abbaggerung bedrohten Dörfer noch vom Tagebau trennt. Bis zum Jahr 2023 würden die Bagger von Garzweiler II Keyenberg erreichen. Der Abriss der L277 begann, wie von RWE kurzfristig angekündigt am frühen Montagmorgen. "Zur Fortführung des Tagebaus ist der Rückbau der L 277 notwendig, da die Straße im genehmigten Abbaufeld des Tagebaus Garzweiler liegt. Bereits in einigen Wochen wird die oberste, erste Sohle die Straße erreicht haben", heißt es dazu in einer Pressemitteilung von RWE.

Bild: Alle Dörder bleiben/Christoph Schnüll

Aktivisten blockierten am Montag die Straße und zeitweilig einen Bagger, um den Abriss der Straße aufzuhalten. Für allgemeine Erheiterung sorgte, dass sich Polizeifahrzeuge im Sand festfuhren, nachdem Teile der Straße aufgerissen worden waren. Am Dienstagmorgen ketteten sich Aktivisten der Aktionsgruppe "Kein Grund für Kohle" auf der L277 aneinander. Das Verbrennen der Kohle unter den Dörfern Lützerath, Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich sowie Berverath würde die Verfehlung der deutschen Klimaziele um Hunderte von Millionen Tonnen CO2 festschreiben, schreibt die Gruppe in einer Pressemitteilung.

Zuletzt noch eine gute Nachricht aus den USA: Bereits vor zwei Wochen konnten Pipelinegegner dort Erfolge verbuchen. Der Oberste Gerichtshof bestätigte den bestehenden Baustopp für die Pipeline Keystone XL. Des Weiteren ordnete ein Bundesrichter an, die Dakota Access Pipeline stillzulegen und sie vor einem Weiterbetrieb einer aufwendigeren Umweltverträglichkeitsprüfung zu unterziehen. Von der umstrittenen Atlantic Coast Pipeline, die Erdgas von West Virginia nach Virginia und North Carolina transportieren sollte, haben sich die Entwickler Duke Energy und Dominion Energy selbst zurückgezogen, angeblich weil sie zu hohe Hürden durch gerichtliche Auseinandersetzungen fürchten. (Jutta Blume)