Steigende Mietpreise und geringes Einkommen verändern Städte und die Gesellschaft

Nach einer Erhebung in den USA ist die Zahl derjenigen Menschen im erwerbsfähigen Alter, die in Wohngemeinschaften oder in der Familie leben, stetig angestiegen, da die Mieten schneller wuchsen als die stagnierenden Einkommen

In den USA steigen wie in Deutschland die Mieten immer weiter an. Zwar geht die Arbeitslosigkeit auch dort weiter zurück und ist in den beiden letzten Jahren das mittlere Haushaltseinkommen leicht gestiegen, nicht aber das mittlere Gehalt der Vollzeitbeschäftigten, wie die US-Statistikbehörde berichtete. Weil 2016 2,2 Millionen mehr Menschen arbeiteten, sank der Anteil der Armen um 0,8 Prozent auf jetzt 12,7 - so viel wie 2007 vor der Finanzkrise. Allerdings steigt der Anteil der Menschen mit einem Alter über 65 Jahren, die unter die Armutsschwelle abrutschen. Der Anteil derjenigen, die ein Jahreseinkommen von mehr als 150000 US-Dollar erzielen, ist 2016 angestiegen, der Anstieg ist noch deutlicher bei denjenigen mit einem Jahreinkommen von mehr als 200.000 US-Dollar.

Ein Effekt der steigenden Mieten bei mehr oder weniger gleichen Einkommen der Bevölkerungsmehrheit ist der Anstieg von Wohngemeinschaften. Das geht aus Zahlen der US-Statistikbehörde hervor, die der Online-Immobilienmakler Zillow für eine Studie ausgewertet hat. Die Behörde hatte 13.000 Amerikaner über ihre Erfahrung mit Mieten und Hausbesitz befragt. Zillow zog die Daten für die 30 größten Städte heran, was bedeutet, dass die Situation in Kleinstädten und ländlichen Gebieten sich unterscheiden könnte.

30 Prozent der Amerikaner im erwerbsfähigen Alter zwischen 23 und 65 Jahren leben in einem Haushalt mit mindestens zwei Erwachsenen, die nicht miteinander verheiratet oder Partner sind. Das können also auch Haushalte sein, in denen erwachsene Kinder mit ihren Eltern bzw. einem Elternteil leben. Schon länger wurde in den USA, aber auch in Europa beobachtet, dass erwachsene Kinder länger im Elternhaus bleiben (Junge Menschen werden zunehmend zu familiären Nesthockern), die Vermutung ist, dass sie sich eine eigene Wohnung nicht leisten können (oder wollen). Nach der statistischen Schätzung lebt jetzt mithin fast ein Drittel der Erwachsenen in einer Wohngemeinschaft, 1990 waren es 23 Prozent, 2005 nur 21 Prozent.

Weiterhin leben vor allem die jungen Erwachsenen nicht alleine, bei den 23-29-Jährigen sind es 54,5 Prozent, 2005 waren es nur 39 Prozent (Ist das Erwachsensein uncool geworden?). Auch in den anderen Altersgruppen steigt die Zahl der Menschen in Wohngemeinschaften an, aber dass die jungen Menschen zunehmend Schwierigkeiten haben und das selbständige Leben hinauszögern, ist nicht nur auffällig, sondern eine schleichende Veränderung der Lebensstile.

Wenn 73 Prozent der mit anderen Erwachsenen zusammen in einem Haus oder in einer Wohnung Lebenden mit Familienmitgliedern wohnen, dann deutet dies auch auf finanzielle Probleme hin. Grund dürfte aber nicht wachsende Arbeitslosigkeit sein, da der Anteil bei arbeitslosen und beschäftigen jungen Menschen gleichermaßen seit 2005 angestiegen ist. Vermutlich geht dies darauf zurück, so die Studienautoren, dass junge Menschen auch trotz hoher Ausbildung besonders oft in Niedriglohnjobs arbeiten.

Allgemein ist der Trend zur Wohngemeinschaft Ausdruck von Geldknappheit, nicht primär eines Wunsches nach dem Zusammenleben mit anderen (Wenig Chancen für künftiges Familienleben). Neben der Beschäftigungssituation sind die rasant gestiegenen Mieten ein wesentlicher Grund, der auf die Finanzkrise zurückzuführen ist. Die Zentralbanken haben darauf die Zinsen oft bis auf Null gesenkt, was das Geld in die Wertpapiere und in die Immobilien gedrängt hat, wodurch sie vor allem in den großen Städten immer teurer wurden.

Wer in einer Wohngemeinschaft oder in der Familie lebt, hat durchschnittlich deutlich weniger Einkommen als diejenigen, die alleine oder mit einem Partner leben, nämlich nur 67 Cents von jedem Dollar, den letztere verdienen. Das mittlere Jahreseinkommen liegt bei 35.000 US-Dollar, während diejenigen, die alleine oder mit einem Partner leben, 45.000 jährlich verdienen. Wer weniger verdient, muss einen größeren Teil für die Miete ausgeben. In Städten wie Los Angeles müssen Menschen mit dem mittleren nationalen Einkommen bereits 50 Prozent für die Miete ausgeben, in San Francisco, Miami oder New York sind es über 40 Prozent.

Je teurer die Mieten in einer Stadt oder einer Region werden, desto mehr Menschen werden oder müssen zusammenleben, so die These der Autoren. Für viele Menschen im erwerbsfähigen Alter sei es keine Option mehr, alleine zu leben, weil die Mieten die Einkommen überholt haben, so der Zillow-Ökonom Aaron Terraza. Wer mit anderen Erwachsenen zusammenzieht oder bei den Eltern bleibt, könne es sich leisten, in einem teureren Viertel zu wohnen und nicht zu weit pendeln zu müssen. Das Phänomen sei aber nicht auf besonders teure Städte beschränkt. Auch als die Renten noch günstiger waren, sei der Anteil der Erwachsenen in Wohngemeinschaften bereits angestiegen. So lange die Einkommen nicht eine Zeitlang schneller steigen als die Mietpreise, werde sich daran nichts ändern.

Dazu kommt, dass die Zahl derjenigen, die sich kein Wohneigentum leisten können oder wollen und Mieter sind, nach Zillow auf Rekordhöhe gestiegen ist. So seien 40 Prozent der Familien mit Kindern Mieter, obgleich der Traum vom Eigenheim in den USA noch immer weit verbreitet ist. Da Mieter weniger Einkommen als Hauseigentümer haben, geben sie in der Regel auch einen höheren Teil ihres Einkommens für das Wohnen aus. Bei 79 Prozent derjenigen, die 2016 umgezogen sind, ist die Miete zuvor teurer geworden. 57 Prozent sagen, dies sei der Grund für den Umzug gewesen, was zu einer erheblichen Gentrifizierung und zu einem Umzug in Viertel oder Regionen führt, in die man nicht wollte, die aber noch erschwingliche Mieten haben. 37 Prozent derjenigen, die 2016 nicht umgezogen sind, sagen, sie könnten sich keinen Umzug leisten. (Florian Rötzer)

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