Steigt die Terrorgefahr für Atomkraftwerke?

AKW Doel. Bild: Torsade de Pointes/CC0

Am Donnerstag wurde ein belgischer AKW-Wachmann ermordet und sein Zugangsausweis geraubt

Es gibt deutliche Hinweise, dass es fanatische Islamisten auf Nuklearmaterial für schmutzige Bomben abgesehen haben könnten oder dass sie sogar Atomkraftwerke in schmutzige Bomben verwandeln wollen, was fatale Folgen hätte (Wie schwer ist ein Terroranschlag auf ein Atomkraftwerk?). Dass sie über den Einsatz von schmutzigen Bomben nachdenken, um Städte oder Stadtteile radioaktiv zu verseuchen, dafür spricht die Ausspähung eines Spitzenforschers des belgischen Nuklearforschungszentrums SCK-CEN in Mol. Es gehört weltweit zu den größten Produktionsanlagen für radioaktive Isotope (IS-Terrorist im belgischen AKW-Hochsicherheitsbereich).

Doch die Pläne könnten längst sogar weit darüber hinausgehen. Heute berichtet die belgische Zeitung "La Dernière Heure", dass ein Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts eines der beiden belgischen Atomkraftwerke am Donnerstag in Froidchapelle ermordet worden sei. Dabei soll sein Zugangsausweis geraubt worden sein. Didier Prospero, beschäftigt bei der Firma G4S, wurde am späten Donnerstag tot aufgefunden. Er sei mit mehreren Schüssen ermordet worden, schreibt die Zeitung. Den Ermittlern bereite der Vorgang große Sorge, schreibt die Zeitung weiter, weil der Dienstausweis den Zugang zu sensiblen Bereichen des Atomkraftwerks ermöglicht habe.

Eine konkrete Gefahr für die Sicherheit bestehe nun nicht, da der Ausweis nach der Entdeckung der Vorgänge deaktiviert worden sei. Die Ermittler fragen sich nun, ob Prospero allein wegen des Dienstausweises ermordet wurde. IS-Terroristen könnten längst sensible Details über den Hochsicherheitsbereich des Pannen-Atomkraftwerks Doel haben, schließlich arbeitete dort Ilyass Boughalab drei Jahre unbemerkt bis 2012. Er wurde nicht einmal verbannt, als auch ihm der Prozess wegen seiner radikalislamistischen Aktivitäten gemacht werden sollte. Er hatte sich zum IS nach Syrien abgesetzt und soll dort im März 2014 gefallen sein.

Da viele Beschäftigte von Subunternehmen nach den Anschlägen am Dienstag nach Hause geschickt wurden, darf man davon ausgehen, dass Sicherheitskontrollen nach dem Auffliegen von Boughalab vor zwei Jahren nicht ausreichend durchgeführt wurden. Offenbar vermuten auch die Behörden, dass weitere gefährliche Personen in Atomkraftwerken beschäftigt sein könnten. Nur so lässt sich der Vorgang erklären. Die lapidare Erklärung der Atomaufsicht, man habe mit der Maßnahme dafür gesorgt, die Meiler schneller evakuieren zu können, sorgte eher für weitere Beunruhigung. Denn nur bei einem fatalen Notfall muss ein Atomkraftwerk evakuiert werden

Ohnehin gab es schon 2014 eine Sabotageaktion in Doel (Belgiens und Frankreichs Atomstromversorgung in Gefahr), die nie aufgeklärt wurde. Damals ließen eine oder mehrere Personen 65.000 von 90.000 Litern Schmieröl bewusst auslaufen, was zur Überhitzung einer Hochdruckturbine führte. Der Reaktor musste per Schnellabschaltung vom Netz genommen werden. Das Ablassen war nur durch das manuelle Öffnen eines großen Ventils möglich. Boughalab kann es nicht gewesen sein, da er zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr am Leben war.

Inzwischen ist auch bekannt, dass zwei der Selbstmordattentäter von Brüssel, Ibrahim und Khalid El Bakraoui, an der Ausspähung des Nuklearforschers beteiligt gewesen sein sollen. Sie hätten eine versteckte Kamera an dem Haus des Forschers abmontiert. Das soll kurz nach den Anschlägen von Paris geschehen sein. La Dernière Heure mutmaßt, dass die Brüder einen Anschlag auf ein Atomkraftwerk konkret geplant haben könnten. Dieselbe Zeitung hatte auch schon aufgedeckt, dass der Direktor des Atomforschungszentrums ausspioniert wurde.

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