Sterben im fremden Körper

Duncan Jones‘ neuer Science-Fiction-Film "Source Code" bestätigt, dass ein neues Talent die Genre-Bühne betreten hat.

Als vor einem Jahr "Moon" in die Kinos kam, erntete der Film überschwängliche Kommentare. Das Erstlingswerk Duncan Jones' hatte sich einer bis dahin nur sporadisch in den Kinos anzutreffenden neuen Philosophie des Science-Fiction-Films verschrieben: Jahrzehnte durch vor allem Hardcore-Motive (wie Technik, Raumfahrt und Mikroelektronik) bestimmte Stoffe mit menschlicher Wärme zu bereichern. "Moon" stand daher trotz aller bildlichen Ähnlichkeiten zu Kubricks "2001" eher Filmen wie Steven Soderberghs "Solaris" oder Darren Aronofskys "The Fountain" nahe. Dass dies keine Ausnahme blieb, zeigt nun auch Source Code.

Bilder: Kinowelt

Zusammen mit der Hauptfigur Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) findet sich der Zuschauerblick in einem fahrenden Zug wieder, auf den während der Titelsequenz langsam heran gezoomt wurde. Colter wacht auf, das Gesicht an die Zugscheibe gelehnt. Ihm gegenüber sitzt eine junge Frau, die mit ihm ein Gespräch fortsetzt, das vor seinem Einschlafen begonnen hat.

Colter ist verwirrt - vielleicht noch vom Schlafen? Eine andere Frau läuft mit einem Kaffeebecher durch den Gang, verschüttet etwas, das auf Colters Schuh landet. Ein Mann öffnet eine Getränkedose, ein anderer strebt dem Ausgang entgegen - es ist die letzte Station, bevor der Zug Chicago erreicht. Der Mann, der den Zug verlassen hat, hat sein Portemonnaie fallen lassen, ein anderer hebt es auf und eilt ihm hinterher. Dies alles registriert Colter - aber er weiß nicht, wo er ist, wie er in den Zug gekommen ist, wer die Frau ihm gegenüber ist und warum sie ihn mit dem Namen John anspricht. Colters Verwirrung dauert nicht lange an - kurz nachdem sich der Zug wieder in Gang gesetzt hat, wird er von einer fürchterliche Explosion zerrissen, die keiner der Insassen überlebt.

Colter hingegen erwacht in einer Art Raumkapsel - nun vollends desorientiert. Über ihm ein Monitor, auf dem ihn eine Frau in Militäruniform Fragen über das gerade Erlebte stellt. Colter erfährt, dass er für acht Minuten im Körper eines Mannes gelebt hat, der bei der Zugexplosion, die sich am selben Tag ereignet hat, umgekommen ist. Mittels einer neuartigen Technologie ist es dem Militär möglich, zwar nicht in der Zeit zurückzureisen, jedoch einen Lebenden in die Erinnerungswelt eines der getöteten Passagiere hineinzuversetzen, von wo aus er diese Welt "untersuchen" soll, um Hinweise auf den Attentäter zu finden.

Derselbe Attentäter droht nämlich mit einem "Dirty Bomb"-Anschlag auf Chicago. Während die Stadt bereits evakuiert wird, wird Colter nun immer wieder zurück in den Körper des Verstorbenen versetzt, um acht Minuten lang immer wieder dasselbe zu erleben und dabei Hinweise auf den Bombenleger zu finden. Wo sich Colter allerdings selbst befindet, will ihm niemand der Militärs verraten.

Ground(hog) Zero

Wie ausgezeichnet das Medium Film für die Selbstreflexion seiner Erzählbedingungen geeignet ist, lässt sich vor allem an Zeitreisefilmen immer wieder eindrucksvoll zeigen. Die Diskrepanz zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit - hier verdeutlicht als wiederholte Erinnerungsarbeit - ist schon häufig Gegenstand des Fantastischen Films gewesen.

Erste Kritiken zu "Source Code" haben vor allem Ähnlichkeiten zum 1993 von Harold Ramis in die Kinos gebrachten Film Groundhog Day angestellt. Auch dort muss der Protagonist einen bestimmten Zeitabschnitt immer und immer wieder erleben - und er ist der einzige, der eine Erinnerung an die vorherigen Durchläufe hat. Es ist - darin liegt die strukturelle Reflexion solcher Stoffe - so, als sähe man sich mit immer neuen Freunden einen alten Film an.

Bei "Groundhog Day" ist dieser Film eine Romantic Comedy und die Wiederholung soll den Widerspenstigen Protagonisten so lange zähmen, bis sich seine Liebesträume erfüllen. Duncan Jones hingegen lässt seinen Colter Stevens wiederholt einen Thriller anschauen, einen "Whodunnit", bei dem Colter von Beginn an klar ist, dass er nur noch acht Minuten vom Unhappy End entfernt ist. Er erlebt dieses Wissen jedoch nicht als ein ständiges Vorlaufen zum Tode, sondern vor von mal zu mal mehr als Sorge um die Zugreisenden, die doch "in Wirklichkeit" schon längst gestorben sind.

Die Diskrepanz zwischen der fortlaufenden realen Zeit und der sich schleifenartig wiederholenden Zeit, in der ein Geschehen durch Reset rückgängig gemacht werden kann, wird von ihm zusehends ignoriert. Es ist beinahe so, als schließe er mit der Existenz in seiner Welt, in der Terrorismus und Krieg stattfindet und nicht nachträglich ungeschehen gemacht werden können, ab, um nur noch diese Imagination leben zu können.

Whatever Devices

Die Technologie, die der Film für diese Imaginärwelt behauptet, nennt sich "Source Code". Sie ist von einem militärnahen Wissenschaftler entwickelt worden und ist natürlich auf den willing suspension of disbelief des Zuschauers angewiesen.

Für solche Technologien wird manchmal der Begriff Whatever-Device benutzt, dessen Funktion bekannt, dessen Funktionsweise jedoch unbekannt ist. Es ermöglicht es wahlweise in einem Sauerstoff-gefüllten Raumschiff zu rauchen, sich von einem Ort zum anderen zu beamen oder eben in der Erinnerungswelt eines Toten umher zu flanieren. Viele Science-Fiction-Filme nutzen das "Whatever Device" um Lücken in ihrer Erzähllogik zu kaschieren; Duncan Jones hat in Source Code etwas anderes damit im Sinn.

Seine Source Code-Technologie ist in all ihren Facetten der Frage nach dem "Was wäre wenn?" unter humanistischer Perspektive verpflichtet. Zwar haben die Militärs vor, die Erfindung für die vollständige Rekapitulation vergangener Ereignisse zu nutzen, doch Colter Stevens stellt von Beginn des Experimentes an die Frage nach der Menschlichkeit, die für ihn gleichsam für reale wie imaginäre Menschen gilt.

Deshalb gilt seine Sorge neben dem Auftrag, den Terroristen zu finden, schon bald auch den Zugreisenden, die er in seiner Imagination retten will. Er ahnt, dass eine Welt, in der man sich nicht auch für die Rechte virtueller Menschen einsetzt, die Rechte realer Menschen ebenso von der jeweiligen Ethik der Mächtigen abhängig sein könnten. Es ist zwar also ein Humanismus der Avatare - aber eben trotzdem ein konsequenter Humanismus, den er fordert.

Schon auf dem Mond war es 37°C warm

Eingangs habe ich "Moon" mit Soderberghs "Solaris" und Aronofskys "The Fountain" verglichen. Stanislaw Lem soll gegenüber der Neuadaption seines Romans selbst abfällig geäußert haben, er habe nicht versucht ein "Love Story im Weltraum" zu schreiben. Dass Soderbergh sein Drehbuch allerdings genau so entwickelt hat und Lems rational-kühle Abhandlung über die außerirdischen Missverständnisse einer "conditio humana" im Sinne eines Liebesfilms rekonfiguriert hat, zeigt deutlich, dass beide Werke kunst- und mentalitätsgeschichtlich unterschiedlichen Epochen angehören.

Die Zeit der Hardcore-Science-Fiction war 2002 längst abgelaufen, ihre technofuturistischen Ideen durch den Cyberpunk unterlaufen. Und dennoch ist selbst noch 2008 Aronofsky mit seinem Genre-Mix aus Abenteuer-, Tragödien- und Science-Fiction-Film auf den erbitterten Widerstand des Publikums gestoßen. Die großen Gefühle gehören angeblich nicht in die Science Fiction.

Duncan Jones sieht das in Source Code nun bereits zum zweiten mal anders. Glücklicherweise! Anstatt seinen Film zu einer analytischen Abhandlung und Folgen-Antizipation der technischen Möglichkeiten des Zeitreise-Themas werden zu lassen (das hat Tony Scott 2006 in Déjà Vu bereits kongenial exerziert), lässt er abermals die Menschlichkeit über das kalte Maschinelle siegen.

Wenn der Film an seinem Punkt angekommen ist, an dem es von der Erzählung her eigentlich nicht mehr weiter gehen kann, ohne damit die eigene, behauptete Physik außer Kraft zu setzen, dann hält Jones Skript ein paar Sekunden lang inne, holt scheinbar tief Luft und erzählt dann eine Geschichte weiter, die man nicht anders als "herzerwärmend" nennen kann.

Wie schon in "Moon", in dem GERTY, der Stationsroboter, im Moment der Peripetie genau das Gegenteil von dem tut, was man von einem Computer erwartet (und etwa aus "2001" kennt), offenbart der Source Code in diesem Moment eine Eigenschaft des Whatever-Devices, die darin nicht angelegt wurde, die bei ihrer Konstruktion subtil eingeflossen sein muss, irgend etwas zwischen Emergenz und Irrationalität. Eben: etwas zutiefst Menschliches. (Stefan Höltgen)

Anzeige