Sterberisiko Einsamkeit

Asylbewerberkind im Gemeinschaftsraum einer Asylbewerbersammelunterkunft. Bild: Andreas Bohnenstengel/CC-BY-SA-3.0

Soziale Isolation und Einsamkeit könnten das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko ähnlich wie Rauchen, Angst oder Stress deutlich erhöhen

Ist Einsamkeit eine neue Krankheit, die für eine deutliche erhöhte Sterblichkeit zu sorgen scheint? Zumindest wächst die Erkenntnis, dass nicht nur bekannt körperliche und psychische Krankheiten eine Verkürzung des Lebens verursachen können, sondern auch Einsamkeit als eine Form des sozialen Verhaltens - und das, weil sie das Sterberisiko womöglich direkt erhöht.

Für eine Metastudie, die in der Zeitschrift Heart des British Medical Journal (BMJ) veröffentlicht wurde, haben britische Wissenschaftler 16 Datenbanken und 23 Studien ausgewertet. Die Langzeitstudien behandelten Daten von 180.000 Erwachsenen, darunter auch von 4620 Herzerkrankungen und 3000 Schlaganfällen in der Beobachtungszeit. Die Studien wurden in Europa, in den USA, in Japan und Australien durchgeführt. Die Menschen wurden nach Häufigkeit und Qualität ihrer sozialen Aktivitäten und Kontakte und Gefühlen der Einsamkeit gefragt und zwischen 3 und 21 Jahre beobachtet, ob sie einen ersten Schlaganfall hatten, neu mit einer Herz-Kreislauferkrankung diagnostiziert wurden oder an einer solchen starben.

Die Fragestellungen waren nicht vereinheitlicht, daher ist es auch schwierig, verlässliche Vergleiche zu ziehen, was auch die Diagnose betrifft, ob jemand sich einsam fühlt oder sozial isoliert ist. Das zeigt schon, dass in den nur 23 Studien der Anteil derjenigen, die als einsam/sozial isoliert gelten, zwischen 2,8 und 77,2 Prozent schwankt.

Danach steigt durch Einsamkeit, die subjektiv empfunden wird, und soziale Isolation das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle - und zwar ähnlich hoch wie durch leichtes Rauchen, Angst und Arbeitsstress. Das Risiko ist bei Einsamkeit höher als Blutdruck oder Fettleibigkeit - und zwar bei Männern und Frauen. Für Menschen, die einsam sind oder in sozialer Isolation leben, ist das Risiko für eine Koronare Herzkrankheit - Herzinfarkt oder Behandlung einer Arteriosklerose - um 29 Prozent höher. Die Wahrscheinlichkeit für einen Schlaganfall ist sogar um 32 Prozent höher. Beides sind in den reichen Ländern die primären Krankheits- und Todesursachen.

Wie die Autoren schreiben, ist schon durch andere Studien bekannt, dass Einsamkeit das Risiko aus verschiedenen Gründen für einen vorzeitigen Tod erhöht. So sei Einsamkeit mit geringer körperlichen Aktivität und Rauchen, mit geringerem Selbstwertgefühl bis hin zur Depression, mit einem herabgesetzten Immunsystem und höherem Blutdruck verbunden.

Insgesamt leben einsame Menschen eher ungesünder und werden eher krank. Das macht es schwierig, tatsächlich festzustellen, ob Einsamkeit selbst oder Begleitumstände wie Rauchen, Alkohol, zu viel Essen oder zu wenig Bewegung die Gründe für ein erhöhtes Risiko sind. Zudem könnten auch gesundheitliche Risiken Fettleibigkeit, Depression oder andere Gründe dafür verantwortlich sein, dass jemand einsam ist und isoliert wird. Die Autoren gehen jedenfalls davon aus, dass medizinisch die sozialen Kontakte von Menschen stärker einbezogen werden sollten: "Unsere Studie legt nahe, dass die Einbeziehung von Einsamkeit und soziale Isolation eine wichtige Rolle bei der Prävention von zwei führenden Todesursachen in reichen Ländern spielen kann."

In einem Editorial schlagen die Psychologen Julianne Holt-Lundstad und Timothy Smith von der Brigham Young University in Provo, Utah, vor, dass Ärzte, die das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko ihrer Patienten senken wollen, auch deren soziale Netzwerke einbeziehen sollten. Sollte es hier Mängel oder Probleme geben, sollten sie diese zu Psychologen schicken oder ihnen raten, Anschluss zu suchen, einem Verein beizutreten, Kurse zu besuchen oder wieder den Kontakt mit Freunden zu knüpfen. Das sei deswegen wichtig, weil Einsamkeit und soziale Isolation in Europa und Nordamerika zunehmen. Und sie meinen, dass man sich bemühen sollte, "bestehende familiäre Beziehungen zu stärken". Das könne effektiver sein als Interventionen von Experten. Unklar sei etwa, ob die Kommunikation über Soziale Netzwerke Einsamkeit verhindere oder sie noch weiter stärke. (Florian Rötzer)