Sterberisiko Sozialstatus

Forschungsprojekt der TU Berlin untersucht den Zusammenhang von Lebensumständen und Gesundheitszustand

Dass die soziale Situation eines Menschen direkte oder wenigstens mittelbare Auswirkungen auf seine gesundheitliche Verfassung hat, ist seit vielen Jahren wissenschaftlich bewiesen. Dennoch gibt es kaum Erkenntnisse über die verursachenden Wirkungsfaktoren, die den Zusammenhang zwischen der sozialen Zugehörigkeit, dem Gesundheitszustand und dem Mortalitätsrisiko genauer definieren. Das Projekt Objektive und subjektive Gesundheit in Deutschland, das am Institut für Gesundheitswissenschaften der Technischen Universität Berlin durchgeführt wurde, liefert in seinem Ergebnisbericht nun allerdings weitere Anhaltspunkte in diesem für die Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftspolitik so wichtigen Forschungsbereich.

Unter Leitung der Gesundheitswissenschaftlerin Ulrike Maschewsky-Schneider analysierten die Forscher die Sterberisiken von 3.497 Männern und 3.200 Frauen zwischen 31 und 69 Jahren, deren Daten 1984 im Rahmen des Lebenserwartungssurveys des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung erhoben wurden. Um mögliche Determinanten subjektiver Gesundheit zu ermitteln, untersuchten die Wissenschaftler mit Hilfe des Indikators „SF-36“ acht Dimensionen der Lebensqualität, zu denen neben der körperlichen Funktionsfähigkeit oder dem Rollenverhalten wegen körperlicher und seelischer Funktionsbeeinträchtigung auch die Bereiche Schmerzen, allgemeiner Gesundheitszustand, Vitalität und körperliche Energie, soziale und seelische (psychische) Funktionsfähigkeit gehören.

Die grundlegende Fragestellung lautet dabei, ob schlechte subjektive Gesundheit lediglich Ausdruck eines schlechteren objektiven Gesundheitszustandes sei, der zu frühzeitiger Mortalität führt, oder ob die Einschätzung subjektiver Gesundheit einen komplexeren oder subtileren Prozess abbildet, der über die objektive Gesundheit hinausgeht.

Ergebnisbericht

Die statistische Auswertung ergab – wie es nach vorhergehenden internationalen Studien, die in Deutschland bislang allerdings nicht verifiziert wurden, auch zu erwarten war - einen markanten Zusammenhang zwischen der sozialen Situation und dem Sterberisiko eines Menschen. Bei Angehörigen der niedrigsten sozialen Schicht war letzteres gleich doppelt so hoch wie bei Angehörigen der höchsten Sozialschicht.

Gleichzeitig gilt die vermutete Prädiktivität subjektiver Gesundheit für das Mortalitätsrisiko, will sagen: „Je schlechter die eigene Gesundheit eingeschätzt wird, desto höher liegt auch die Sterbewahrscheinlichkeit.“ Dieses beunruhigende Ergebnis ist zum Teil durch eigenes gesundheitsschädliches Verhalten bedingt, das sich in einem deutlich erhöhten Zigaretten- und Alkoholkonsum, Übergewicht, mangelnder sportlicher Aktivität, einer selteneren Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen bis hin zum unregelmäßigen Frühstück ausdrückt.

Bei Frauen besteht eine Assoziation von starkem Rauchen auch mit der auf die psychische Gesundheit bezogenen Lebensqualität, sie wird jedoch wesentlich durch die Schichtzugehörigkeit modifiziert: Bei Frauen der Unterschicht nicht aber bei Frauen der Mittelschicht hängt starkes Rauchen sehr deutlich mit schlechterer auf die psychische Gesundheit bezogenen Lebensqualität zusammen.

Ergebnisbericht

Darüber hinaus kommen aber auch sogenannte „Pool-Variablen“ zum Tragen, die über den objektivierbaren Gesundheitsstatus hinausweisen. Neben persönlichen, psychosozialen oder familiengeschichtlichen Faktoren spielt auch die materielle Lebenssituation eine wichtige Rolle.

Arbeitslose weisen im Vergleich zu Erwerbstätigen eine schlechtere subjektive Gesundheit auf. Die subjektive Gesundheit wiederum stellt einen Prädiktor für die Inanspruchnahme des Gesundheitswesens und die Mortalität dar, (...). Langzeitarbeitslose Männer und Frauen sind demnach häufiger als Erwerbstätige durch ihre Gesundheit in der Alltagsbewältigung eingeschränkt, (...). Nach multiplen Regressionen zeigen die körperliche Funktionsfähigkeit für beide Geschlechter und die allgemeine Gesundheitswahrnehmung bei Männern signifikante Zusammenhänge zum Erwerbsstatus.

Ergebnisbericht

Die Schlussfolgerungen, die sich aus dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekt ziehen lassen, stellen die politisch Verantwortlichen insofern vor neue Herausforderungen, als Präventionsmaßnahmen einerseits noch stärker als bisher auf sozial benachteiligte Gruppen konzentriert und diese andererseits nicht nur am individuellen Verhalten, sondern vor allem an den jeweiligen Lebensumständen orientiert werden müssten.

Allerdings versteht sich das Projekt „Objektive und subjektive Gesundheit in Deutschland“ durchaus als vorläufige Bestandsaufnahme. Für einen detaillierteren Maßnahmenkatalog sind nach Einschätzung der Berliner Wissenschaftler noch eine Vielzahl weiterer Untersuchungen und statistischer Auswertungen erforderlich. (Thorsten Stegemann)