Stets in bester Absicht

Über die konservative Bewegung, ihren Schutzpatron William F. Buckley Jr. und das System der Macht in den USA

„Er war Autor, Herausgeber, Spion, Romanautor, Segler und Dirigent“, würdigte George W. Bush ihn kürzlich auf einer Ehrenveranstaltung zu seinem heutigen 80. Geburtstag. William F. Buckley Jr., Herausgeber des konservativen National Review, ist Gründer und Schutzpatron der konservativen Bewegung und einer der einflussreichsten Persönlichkeiten Amerikas. Mit dem Netzwerk aus konservativen Denkfabriken, Publikationsorganen und Nachwuchsorganisationen hat er ein System initiiert, ohne das heute in Washington nichts mehr geht.

US-Präsident Bush gratuliert William F. Buckley zum 50. Geburtstag des National Review am 6. Oktober 2005. Bild: Weißes Haus

Man braucht nicht lange, um zu merken, dass der National Review rechts ist. Auf der Webseite wirbt das neokonservative American Enterprise Institute. Ein Buch wird angepriesen, in dem Richard Miniter schreibt, wie linke Medien den „Krieg gegen den Terror untergraben“. Liberale haben hier einen schweren Stand.

William F. Buckley Jr. hat das Magazin 1955 federführend aus der Taufe gehoben. Außerdem hat er mehr als 40 Bücher geschrieben, über Politik oder über Elvis, aber auch Geheimdienstromane. Von 1966 bis 2000 hatte er die politische Talkshow „Firing Line“ moderiert und damit vielen heutigen und künftigen Politikern ihr Metier nahe gebracht.

Buckleys soziales Kapital besteht aus seinen zahlreichen Beziehungen im politischen Washington und weit darüber hinaus. Über die in diesem Artikel erwähnten Institutionen hinaus ist er organisiert im Council on Foreign Relations, der Bilderberg-Gesellschaft, der Heritage-Stiftung und dem Zeitungsverlag Hollinger International. Ein Maß für Buckleys Einfluss: Seine Kolumne „On the Right“ wird in 300 Zeitungen gedruckt. Zweifellos, was Buckley äußert, findet Gehör.

Buckleys Kolumne im National Review

Der National Review ist eins der ältesten Sprachrohre der Rechten in den USA. Buckleys Kolumne ist ein sprechender Spiegel dessen, worüber intellektuelle Rechte nachdenken – und wie sie es tun. Derzeit steht die Bush-Regierung von allen politischen Seiten in der „Firing Line“: vom Establishment, weil Amerikas internationales Ansehen weiter in den Keller gesunken ist, von den erzkonservativen Republikanern, weil ihnen Bushs Personalpolitik nicht gefällt, von den Neokonservativen, weil sie den harten Konfrontationskurs mit Ländern, die nicht nach Amerikas Pfeife tanzen, nicht konsequent durchhält und von den Liberalen, Libertären und Progressiven sowieso.

“Die Leute des National Review sind bestimmt, dieses Land zu prägen, und wir wissen das zu schätzen”, hat Bush kürzlich auf einer Veranstaltung zu Ehren des heutigen 80. Geburtstags von William Buckley gesagt. Als Bush seine enge Beraterin Harriet Miers zur obersten Richterin nominierte, revoltierte die Rechte. Als deren Sprachführer beschäftigte sich Buckley damit, wie man Frau Miers Amtserfüllung verhindern könnte, ohne dass Bush und Miers ihre Gesichter verlieren. So wahrt man gute Beziehungen.

Bei der „heißblütigen Suche nach etwas Kriminellem“ in der gesetzeswidrigen Enttarnung der CIA-Agentin Valerie Plame durch Vizepräsident Cheney und das Weiße Haus sieht Buckley den „Blick für das eigentliche Vergehen“ verloren gehen. „Es wird fast unbegreiflich, wo Cheney/Libby/Rove hineingeraten sind.“ So kann man es sagen. Man könnte aber auch sagen, dass Cheney jemanden bestraft hat, der nicht helfen wollte, einen Krieg zu begründen, den man unbedingt führen wollte. Doch den Lesern seiner Kolumne präsentiert Buckley die unhaltbare Version, dass die Regierung von den Geheimdiensten falsch informiert worden war:

Bush und Cheney glaubten wirklich, dass der Irak sich Massenvernichtungswaffen aneignete, und deswegen baten sie den Kongress und die Öffentlichkeit um Unterstützung für den Krieg.

Zur Gewinnung der Öffentlichkeit hatte Buckley beigetragen. „Wenn Herr Bush die Interessen der Vereinigten Staaten korrekt analysiert hat, wird er Saddam Hussein entfernen“, schrieb er in der heißen Phase, zwei Monate vor Kriegsbeginn. Dass sich die Beweise für den Kriegsgrund längst in Luft aufgelöst haben, wird auch von ihm anerkannt. Doch mittlerweile ist „nun mal Fakt, dass wir in den Krieg gezogen sind“. Realpolitik nennt man das.

Die politisch korrekte Aufbereitung des Regierungshandelns findet dabei stets im selben Rahmen statt: Die Regierung handelt in bester Absicht, schafft Frieden, verbreitet Demokratie. Die Bezeichnung terroristischer Anschläge als „Kriegsführung“, während der Irak-Krieg nur eine „Operation“ ist, wirkt dabei unterschwellig verharmlosend. Indem der National Review und die zahlreichen ähnlich arbeitenden politiknahen Magazine Themen aufgreifen und kommentieren, wirken sie als Multiplikatoren. Auf diese Weise lässt sich wie vor dem Irak-Krieg eine Stimmung aufpeitschen oder wie derzeit im Cheney-Skandal Brisanz reduzieren. Wenn auch im publizistischen Gewand, bleibt das Ziel doch eines des politischen Systems.

Buckleys Wandel

Buckley wurde der Erfolg mit in die Windeln gelegt. Sein Vater William F. Buckley Sr. machte Ölgeschäfte mit amerikanischen und israelischen Geschäftspartnern, häufig in Mexiko. 1921 wurde er von der mexikanischen Obregón-Regierung des Landes verwiesen, weil diese mexikanische Interessen untergraben sah. Junior studierte zunächst ein Jahr an der Universität von Mexiko, ging dann ein Jahr zur Armee und studierte nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1950 Politik an der Yale-Universität. Seine gefürchtete publizistische Ader schulte er als Mitarbeiter der Yale Daily News.

Von seinem Vater libertär beeinflusst, entfernte er sich immer weiter von der Ideologie, die jedwede staatliche Intervention ablehnt. 1952 schrieb der junge Republikaner für die Zeitschrift Commonweal:

Weder ein offensiver noch defensiver Krieg kann mit unserer gegenwärtigen Regierung gewonnen werden, es sei denn mit einer totalitären Bürokratie zwischen unseren Küsten (...) Wer die sowjetische Macht als Gefahr ansieht (so wie ich es tue), muss große Armeen und Luftstreitkräfte, Kernenergie, zentrale Geheimdienste, Kriegsplanung und die Zentralisierung der Macht in Washington unterstützen,

John F. McManus führt die Abkehr vom Libertarismus in seinem Buch „Pied Piper of the Establishment“ auf Buckleys Mitgliedschaft in der Yale-Verbindung Skull & Bones zurück. Mitglieder dieser Geheimgesellschaft besetzten mit schöner Regelmäßigkeit früher oder später Schaltstellen in Politik, Wirtschaft, Medien und Geheimdienst, wie etwa der derzeitige US-Präsident, sein Vater und Großvater, oder auch William Buckleys Bruder, der ehemalige US-Senator James L. Buckley.

Wie Skull & Bones schweißt auch die Tätigkeit für die Yale Daily News offenbar zusammen. Buckleys Nachfolger als Vorsitzender war der demokratische Vizepräsidentenkandidat des Jahres 2000 Joe Lieberman. 1988 verhalf der Republikaner Buckley dem Demokraten Lieberman zum Wahlsieg über den liberalen Republikaner Lowell Weicker. Lieberman gilt unter Konservativen als vernünftiger „neuer Demokrat“, weil er keine Berührung zum linksliberalen Spektrum hat. Mit Buckleys Unterstützung wurde er Senator. Andere Mitarbeiter von Amerikas drittgrößter Campuszeitung arbeiten heute bei den einflussreichsten Massenmedien.

Buckley und die CIA

Unklar ist Buckleys heutige Beziehung zur CIA. Er selber macht kein Geheimnis daraus, dass er in den 50ern für kurze Zeit Geheimagent war:

Als ich 1951 in die CIA eingeführt wurde, gab es umfassende Maßnahmen, meine Zugehörigkeit zu verschleiern. Erst nach drei Monaten durfte ich meiner Frau den wahren Grund sagen, warum wir nach Mexiko zogen. Wenn mich ein Jahr später jemand entführt und mit Natrium-Pentothal dazu gebracht hätte, alle Personen zu nennen, die ich in der CIA kannte, hätte ich nur den Namen meines direkten Bosses nennen können (E. Howard Hunt, zufälligerweise). Weil viel Zeit vergangen ist, kann ich etwas über das Spionsein zum Besten geben. 1980 in einem Skirestaurant saß ich zufällig neben dem ehemaligen mexikanischen Präsidenten. Was ich in Mexiko gemacht hätte, wollte er freundlich wissen. ‚Ich habe versucht, Ihr Regime zu untergraben, Herr Präsident.’

Im Jahr, in dem er der CIA beitrat, veröffentlichte der streng christliche Buckley sein Buch „God and Man at Yale“. Darin kritisierte er die Universität als der christlichen Religion abgeneigte, linke, antiamerikanische Bastion. Für Richard Cummings ist diese Kritik nur eine Tarngeschichte, da die CIA traditionellerweise vom Yale-Campus rekrutierte, z.B. Buckley. McManus führt in seinem Buch Belege an, die nahe legen, dass der National Review mit Hilfe der CIA geboren wurde.

Wie erwähnt war Buckleys Vorgesetzter bei der CIA Howard Hunt. Dieser wiederum war einer von US-Präsident Richard Nixons „Klempnern“, die Löcher in der Administration schließen sollten, durch die vertrauliche außenpolitische Informationen an Journalisten wie Jack Anderson gelangten. Die Klempner wurden jedoch viel bekannter, weil ihre Verwanzung der Demokratischen Parteizentrale im Watergate-Komplex aufflog, die letztlich Nixon, der die Sache angeordnet hatte, und seinem Stab die Ämter kostete. Klempnermeister Hunt plädierte bei seiner Anklage am 11. Januar 1973 auf Druck seiner Auftraggeber auf schuldig und ging für 33 Monate hinter Gitter.

Wie Buckley diesen Juni schrieb, hatte ihn sein „alter Freund“ Hunt sechs Tage vor dessen Anklage aufgesucht:

Er erzählte mir die erschreckende Insidergeschichte von Watergate, inklusive der unglaublichen Information, dass einer der Klempner bereit und beauftragt war, den Journalisten Jack Anderson zu töten, falls dieses notwendig werden sollte. Ich unternahm angemessene Schritte.

Welche „angemessenen Schritte“ er unternahm, erzählt er nicht. Vielleicht hat er es einem anderen Freund, Nixons Außenminister Henry Kissinger, erzählt. Aufgrund seiner eigenen politischen Vorstellungen ging Buckley nicht immer mit Nixon/Kissinger konform, und er kritisierte deren Politik auch. Ein Telefongespräch zwischen Kissinger und Buckley aus dem Jahr 1975 zeigt jedoch, welchen Einfluss Buckley sogar auf das Regierungshandeln hatte.

Hinsichtlich des Watergate-Skandals ist interessant, ob Hunt ihm auch Nixons verantwortliche Rolle erzählte. Einen normalen Publizisten hätte diese Information gewaltige Verantwortung aufgeladen, denn Nixons Rolle begann erst im Mai 1973 aufzuleuchten. Im Sommer dieses Jahres wurde Buckley Repräsentant bei den Vereinten Nationen, wobei unklar ist, ob Nixon bei dieser Entscheidung beteiligt gewesen war. Kissinger jedoch muss im Bilde gewesen sein.

Cummings fragt in seinem Artikel, ob die CIA es sich leisten könne, Männer mit so wichtigen Beziehungen und so viel Einfluss wie Buckley aufzugeben. Eigentlich stellt sich die Frage so jedoch gar nicht. Buckley hat die Beziehungen auch noch heute, zum Beispiel über den Malteser-Orden, und er würde garantiert keinen Skandal aufmachen, der noch zu leugnen ist.

Buckley und die konservative Bewegung

Auf der vorgezogenen Geburtstagsfeier mit der Buckley-Familie, den National Review-Mitarbeitern und vielen Geburtstagsgästen wie Kissinger machte Bush Späße über seine Zeit in Yale, und es wurde herzlich gelacht. Bush sagte:

Er hat ein Magazin geschaffen, das geholfen hat, den Konservatismus vom Rand der amerikanischen Gesellschaft ins Weiße Haus zu bringen. (...) Heute gibt es natürlich eine Fülle konservativer Kolumnisten und Radiomoderatoren und Fernsehsendungen und Denkfabriken und alle Arten von Organisationen. In intellektuellem Sinn könnte man sagen, dass sie alle Bills Kinder sind.

Mit Buckleys National Review begann die moderne konservative Bewegung, die zum heutigen Netzwerk aus Denkfabriken, Forschungseinrichtungen, Publikationsorganen und Nachwuchsorganisationen geführt hat und die seitdem das konservative Moment aufrechterhält. In diesem Netzwerk entstehen Ideen und Pläne und werden nach außen kommuniziert. In diesem Netzwerk werden konservative Politiker aufgefangen, wenn die Demokraten die Regierungsgeschäfte übernehmen, und aus ihm speisen sich Regierung und Verwaltung, wenn die Republikaner wieder übernehmen.

In dieser Umgebung reiften auch die Neokonservativen heran, die heute ein totalitäres Regime nicht nur zwischen Amerikas Küsten anstreben, wie Buckley es 1952 ersann. In der Reagan-Administration fanden sie erste Erfolge und in der derzeitigen Bush-Administration fanden sie den bisherigen Höhepunkt ihres Wirkens. (Haiko Lietz)

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