Steuert China auf eine "Unfruchtbarkeitskatastrophe" zu

Die anhaltende Umwelt- und vor allem Luftverschmutzung in den Megacities gilt als einer der Hauptgründe für die wachsende Unfruchtbarkeit und die sinkende Qualität der Spermien

Die massive Luftverschmutzung in China schadet der Gesundheit der Lebenden. In manchen großen Städten können die Menschen nur noch mit Atemmaske auf die Straße gehen, weil diese regelmäßig tage- und wochenlang im fast undurchsichtigen Smog versinken. Das hat vielleicht den Vorteil, dass die mit Millionen von installierten Kameras permanent stattfindende Überwachung des öffentlichen Raums ausfällt, aber starke Belastung durch Feinstaub ist auf Dauer lebensgefährlich für die Menschen und senkt die Lebenserwartung.

Nachdem ein achtjähriges Mädchen in Shanghai an Lungenkrebs möglicherweise aufgrund der Feinstaubbelastung der Luft erkrankt ist, wie vor ein paar Tagen gemeldet wurde, kommt bei den Menschen Angst auf. Die Regierung, die seit einiger Zeit auch die Messergebnisse der Luftqualität veröffentlicht (Messwerte der US-Botschaft in einigen Städten), will zwar gegen die Luftverschmutzung vorgehen, Kohlekraftwerke schließen und Industrie- und Verkehrsemissionen reduzieren, aber auf die Schnelle wird sich nichts ändern.

Feinstaub ist nicht nur auf Dauer lebensgefährlich für die lebenden Menschen, zumal wenn sie Jahrzehnte über belastet waren. Es gibt nach Angaben der chinesischen Regierung auch bei den jüngeren Menschen zwischen 20 und 40 Jahren wachsende Probleme mit der Fruchtbarkeit, was neben dem Arbeitsstress und falscher Ernährung auch mit der Luftverschmutzung zu tun haben soll. Betroffen sollen davon 12,5 Prozent dieser Altersgruppe sein, das sind 40 Millionen Menschen. Vor 20 Jahren waren es erst 3 Prozent. Dazu kommt, dass viele Frauen in China - wie anderswo - später heiraten und das Kinderkriegen hinausziehen und schon allein wegen des höheren Alters die Probleme steigen.

Daher steigt in der alternden Gesellschaft, in der es wegen der Ein-Kind-Politik einen Männerüberhang gibt, auch die Nachfrage nach künstlicher Befruchtung an. Aber auch hier gibt es Probleme. Moniert wird, dass es zu wenige männliche Spender gibt, zudem müssen viele Bewerber u.a. wegen der Spermienqualität ausgeschlossen werden. Nur ein Drittel der Samenspenden in Shanghais Samenbank würden den von der Who geforderten Standards entsprechen. Als Hauptgrund machen die Reproduktionsmediziner Umweltverschmutzung aus.

Der Shanghai Morning Post sagte Li Zheng, ein Spermienexperte an der Urologischen Abteilung der Renji-Klinik in Shanghai, dass anhand der Spermien sehen könne, ob das Ökosystem stabil ist. Bei schwerer Umwelt-und Luftverschmutzung würden die Spermien lang und "hässlich" werden, so dass sie sich nicht mehr ausreichend bewegen können, um die Eizelle befruchten zu können. In den letzten 10 Jahren hätten er und seine Kollege eine Zunahme dieser "hässlichen" Spermien festgestellt. Zu dn bereits bestehenden Fertilitätsproblemen Chinas kommt also hinzu, dass die Menschen aufgrund der Knappheit an guten Spermien auf den Schwarzmarkt gehen, wo die Preise steigen. Fast 5000 US-Dollar soll auf dem Schwarzmarkt bereits eine Samenspende kosten. Offenbar nutzen die Spender die Möglichkeit auch gerne dazu, mit der Frau, die schwanger werden will, Geschlechtsverkehr zu haben, weil das die Effizienz steigere.

Letztes Jahr haben einige chinesische Kliniken Samenspendenautomaten eingeführt. Hände müssen hier nicht mehr benutzt werden, alles geht hygienisch ab, auf dem Bildschirm kann Mann Pornos zum Anregen ansehen. Screenshot eines amüsanten YouTube-Videos

Wenn die Regierung nicht verstärkt die Umwelt schützte, werden die Menschen, so warnt Li, eine "Unfruchtbarkeitskatastrophe" erleben. Chinesische Wissenschaftler wollen nun nächstes Jahr die erste systematische und landesweite Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Unfruchtbarkeit und Umweltverschmutzung ausführen. (Florian Rötzer)