Stigmatisiert als "Corona-Jahrgang"?

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Viele Fragen bei Schulen und Ausbildern: Kommt der Samstags-Unterricht? Wird auf die Prüfungen verzichtet? Und was zählt ein Abschluss aus dem Jahr 2020?

Bizarre Zeiten. Frühestens ab 11. Mai sei der Unterrichtsbetrieb für die 11. Klasse vorstellbar, wann der Unterricht für die übrigen Jahrgangsstufen wieder aufgenommen werden könne, sei augenblicklich nicht absehbar, so das Schreiben einer Gymnasialdirektorin in Bayern. Die Reaktion: "Danach sind ja gleich Pfingstferien."

Die beginnen in Bayern am 2. Juni und enden mit Montag, dem 15. Juni. Sechs Wochen später beginnen dort die sechs Wochen dauernden Sommerferien. Was ist das für ein Schuljahr? (Wie wird der Titel der Ferienausgaben der Micky Maus aussehen? Die Neffen eingesperrt, mit Nasen-Mundschutz an Onkel Donalds Gartenzaun?)

"Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig (SPD), geht davon aus, dass es in den Schulen bis zu den Sommerferien keinen normalen Unterricht geben wird", berichtet der Focus. Damit rechnet auch die Bildungsministerin von Baden-Württemberg, Susanne Eisenmann von der CDU. Es sei inzwischen klar, dass der Unterricht aus Gründen des Infektionsschutzes bis Schuljahresende nur stark eingeschränkt erfolgen werde, sagt sie am heutigen Montag.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hält es allerdings für denkbar, dass es Samstagsunterricht geben könnte, um Unterrichtslücken zu füllen.

Und wir werden uns auch aus meiner Sicht konzentrieren müssen auf bestimmte wichtige Fächer. Es wird kein Unterricht so sein wie in einem normalen Schuljahr, es wird eben Schule in den Zeiten von Corona sein.

Karin Prien, Interview mit dem Deutschlandfunk

Verzicht auf Prüfungen? Vertrauen auf Lehrer

Aus der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) kommt eine Forderung, die in Zeiten vor Corona, also neulich noch, als völlig undenkbar galt: der Verzicht auf Prüfungen. Zusammen mit dem DGB plädiert die GEW dafür, "auf schulische Prüfungen - Abitur, Mittlerer Bildungsabschluss, erster Bildungsabschluss - zu verzichten und darauf zu vertrauen, dass die Lehrkräfte aufgrund der bereits erbrachten Leistungen gerechte Abschlussnoten erteilen".

Man werde sich bei der Kanzlerin, den Ministerpräsidenten der Länder und der Kultusministerkonferenz dafür einsetzen, heißt es in einer Erklärung vom vergangenen Dienstag.

Schon jetzt setze sich die Abiturnote zu zwei Drittel aus den Vorleistungen zusammen. "Auf Grundlage der erbrachten Leistungen könnten die Abschlussleistungen problemlos vergeben werden", wird GEW-Chefin Marlis Tepe zitiert. Die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker könnten bei der Notengebung auf die Lehrkräfte vertrauen. Im Zweifel sollten die Schülerinnen und Schüler, die zwischen zwei Noten stehen, zu ihren Gunsten bewertet werden, wird hinzugefügt.

Der bayerische Ministerpräsident Söder betont ebenfalls, dass den Schülern keine Nachteile durch die außergewöhnlichen Umstände entstehen sollen. Keiner soll wegen Corona sitzen bleiben, betonte er mehrmals.

Unterstützt wird er von seiner Kollegin in Baden-Württemberg, Susanne Eisenmann. Ihrer Ankündigung zufolge, sollen "wegen der aktuellen Lage pauschal alle Schüler versetzt" werden. da die Leistungsbewertungen in den vergangenen Wochen nicht mehr möglich gewesen seien und auch weiterhin nur "sehr stark eingeschränkt" möglich sein würden (Merkur).

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, geht davon aus, dass es erst mit der Verfügbarkeit eines Impfstoffes eine "Rückkehr zum normalen Unterricht" gebe.

Zweifel am Wert von "Corona-Abschlusszeugnissen"

Die Aussagen geben nur einen Teil der Diskussionen wieder. Es sind markante Eckpunkte. Die Schulen stehen vor einer großen organisatorischen Aufgabe, die mit hygienischen Anforderungen anfängt (zurzeit kursieren auf Twitter Bilder von grausigen Schultoiletten), weitergeht mit Fahrplänen für Schülertransporte bei abgestuften Unterrichtszeiten und die mit der großen Schwierigkeit zu kämpfen hat, in Deutschland - das für seine Ungleichheit durch unterschiedliche Bildungshintergründe bekannt ist - für Chancengleichheit zu sorgen. Mebis verstärkt die Ungleichheiten weiter.

Indessen sorgen sich Ausbildungsbetriebe und Unternehmer, dass es durch den Ausfall von Prüfungen zu einer Ungleichheit bei den Zeugnissen kommen würde. "Corona-Jahrgang" ist das Stichwort für hitzige Diskussionen, in denen zu hören ist, dass eine "außerordentliche Behandlung" von Abschlussprüflingen im Corona-Jahr zu unangenehmen Spätfolgen führen könnte.

Ein "Corona-Abschlusszeugnis" könnte anders bewertet werden. Weswegen von dieser Seite die Lanze dafür gebrochen wird, auf keinen Fall auf Abiturprüfungen zu verzichten. Wie ein aktueller Überblick zur schrittweisen Wiederaufnahme des Schulunterrichts in den Bundesländern zeigt, stehen Abiturprüfungen real auch nicht zur Debatte. Anders als etwa in Frankreich.

Dort erklärte der zuständige Minister Jean-Michel Blanquer, dass die Baccalauréat-Prüfungen dieses Jahr nicht stattfinden sollen. Doch stellt sich auch im Nachbarland die Frage, welchen Wert das "Bac 2020" hat? (Thomas Pany)