Stiko erweitert Astrazeneca-Empfehlung auf Über-65-Jährige

Grafik: TP

EU-Arzneimittelbehörde bestätigt Eingang des Zulassungsantrags für Sputnik V

Nach dem Eingang neuer Daten aus dem UK, die eine Wirksamkeit des Astrazeneca-Impfstoffs AZD1222 für Ältere belegen, hat die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut ihre Empfehlung dieses Serums gestern auf Personen über 65 ausgedehnt. Unmittelbar danach kündigte der deutsche Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an, diese Änderung "sehr zeitnah" in eine aktualisierten Corona-Impfverordnung aufzunehmen.

Zwei Millionen Dosen drohen abzulaufen

Von den knapp 3,2 Millionen Dosen AZD1222, die bis gestern in Deutschland ankamen, wurde bislang nur gut eine halbe Million verimpft - und zwei Millionen drohen bald abzulaufen. Das liegt unter anderem daran, dass der Impfstoff weniger beliebt ist als die beiden anderen bislang in Deutschland zugelassenen - wegen Berichten über starke Nebenwirkungen und Zweifel an der Wirksamkeit gegen Mutationen, die sich nun ausbreiten (vgl. Astrazeneca: Individualabwägung vs. Politikerplan).

In Niedersachsen erscheinen Impfaufgeforderte zu Terminen mit dem Astrazeneca-Serum so häufig nicht, dass Claudia Schröder, die stellvertretende Chefin des dortigen Corona-Krisenstabes, jetzt darüber nachdenkt, diese Termine zu "überbuchen", wie Fluggesellschaften das mit Flügen machen (vgl. Nach United-Skandal: US-Politik beschäftigt sich mit Überfüllung als Geschäftsmodell). Erscheinen dann wider Erwarten alle Eingeladenen zur Impfung, soll es aber kein "Upgrade" auf den beliebteren Impfstoff von Biontech geben, sondern lediglich einen Gang ins AZD1222-Kühllager und Überstunden der impfenden Ärzte.

22-Seiten-Formular für Über-80-Jährige

Die Unbeliebtheit von Astrazeneca ist allerdings nicht der einzige Grund, warum das Serum in Deutschland nur sehr langsam verimpft wird (vgl. Corona-Impfdesaster: Es liegt nicht nur am Mangel). In Schleswig-Holstein behinderte beispielsweise die dort eingesetzte Software die Impfungen: Sie musste erst umgeschrieben werden, bevor sie nicht nur für das Serum von Biontech, sondern auch für das von Astrazeneca passte. Bundesweit verbreitet scheinen Probleme mit dauerbesetzten Impf-Hotlines und einer sehr komplizierten Anmeldeprozedur zu sein. Die BZ berichtet beispielsweise von 22 Seiten, die Über-80-Jahrige dazu durcharbeiten sollen.

Hinzu kommen die bislang eher streng gehandhabten Prioritätslisten, die dazu führten, dass sich Interessenten außerhalb der Dringlichkeitsgruppe 1 nicht mit AZD1222 impfen lassen konnten. Inzwischen spritzen ihn die meisten Bundesländer auch Angehörigen der Dringlichkeitsgruppe 2 - und wenn ab Ende März auch die Hausärzte impfen dürfen, lockern sich die Vergabevorschriften ein weiteres Stück (vgl. Lockdown dauert nicht nur länger, sondern wird auch komplizierter).

Zwei Vektoren statt nur einem Andenovirus

Zudem kommen voraussichtlich bald Impfstoffe dazu, die Alternativen zu AZD1222 sind: Für den 11. März wird mit der Zulassung des Johnson&Johnson-Vakzins Ad26.COV2-S gerechnet - und gestern hat die EU-Arzneimittelbehörde EMA nach längerer Wartezeit den Eingang eines Zulassungsantrages für den russischen Impfstoff Sputnik V bestätigt.

Sputnik V ist - ebenso wie AZD1222 - ein Vektorvirenimpfstoff, der Adenoviren als Transporteure beziehungsweise "Vektoren" für eine Gensequenz des Coronavirus einsetzt. Weil der Körper nach der ersten Impfung eine Immunantwort gegen das Vektorvirus entwickeln kann, nutzt Sputnik V aber bei den zwei erforderlichen Impfungen zwei verschiedene Adenoviren. Die Entwickler von Astrazeneca verzichteten auf diese Maßnahme, weshalb ihr Wirkstoff beim zweiten Impftermin so erfolgreich abgewehrt werden kann, dass er nicht mehr die gewünschte Wirkung erzielt.

Kirill Dmitrijew, der Chef des staatlichen russischen Direktinvestmentfonds RDIF, der die Entwicklung von Sputnik V mit finanziert hat, begrüßte gestern die Ankündigung der EMA, ein beschleunigtes Rolling-Review-Prüfverfahren einzuleiten. Ist es durchlaufen, könnten ihm zufolge 50 Millionen Bürger der EU-Mitgliedsländer mit dem inzwischen in 42 Ländern genehmigten Serum geimpft werden. Zu diesen 42 Ländern zählen auch Ungarn und die Slowakei, die nicht auf die EMA warten wollten.

Tschechien hat den russischen Impfstoff ebenfalls schon bestellt und nun auch um das chinesische Sinopharm-Serum gebeten. Peking reagierte umgehend und teilte der tschechischen Botschaft gestern mit, "der Bitte sofort nachzukommen". (Peter Mühlbauer)