Stil und Haltung

Bauhaus in Dessau. Bild: Aufbacksalami / CC-BY-SA-4.0

Das Bauhaus-Jubiläum und die Frage nach dem Verhältnis von Architektur und Gesellschaft

Was heute unter dem Begriff "Bauhaus" zusammengekehrt wird, hat eine breite Basis und viele Wurzeln. Wenn man es bloß als Marke oder Stil kommuniziert - wie es vielfach der Fall ist -, dann bleiben wesentliche Aspekte unbeachtet.

Man habe, so formulierte es einmal der große Architekturtheoretiker Julius Posener, gut reden von der Architektur als einem Abbild der Gesellschaft - "aber wie sieht die Gesellschaft aus, in der wir gegenwärtig leben? Wie kann sie, die im Begriff ist, jede Form zu verlieren, sich in ihren Gebäuden und in ihren Städten abbilden?" So virulent diese Frage noch immer sein mag, sie wäre heute auch umgekehrt zu stellen: Was leistet die Architektur für die Gemeinschaft? Welche Bindungskräfte entfaltet sie? Wie anschlussfähig ist sie im Lebensalltag?

Da in diesem Jahr das hundertste Jubiläum des Bauhaus' zelebriert wird, liegt es nahe, die Untiefen dieser Fragen auszuloten. Längst schon ist es von der immobilen Lehranstalt zum "free floating object", vom Haus zur Idee mutiert. Heute dient es auch als Vehikel für eine Spurensuche, ob es bestimmte Zusammenhänge zwischen der Akzeptanz von kreativen Ideen und Gestaltungsvorschlägen einerseits und der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung andererseits gibt.

Die Idee des Nützlichen und Zweckmäßigen beherrscht nun seit hundert Jahren die Architektur. Dem Bauhaus, der Institution, die den Funktionalismus in seiner reinen Form zu bauen begann, widerfährt damit offenbar etwas in der Kunst- und Kulturgeschichte Einmaliges: Es gibt kein Nachher mehr. Wie schnell gingen die Moden und Stile im neunzehnten Jahrhundert dahin - Klassizismus und Neorenaissance, Nationalromantik, Biedermeier und Jugendstil. Doch wenn heute in deutschen Vorstädten ein Haus gebaut wird, von dem Bauherr und Nachbar sagen, es sei etwas wirklich Modernes, dann ähnelt es immer noch den Häusern, die in den 1920er Jahren errichtet wurden. Das Bauhaus scheint ewig zu werden.

Das neue Paradigma, so proklamierte es Hannes Meyer im Jahr 1929, sei "eine Erkenntnislehre vom Dasein". Entsprechend ambitioniert hat sich das Bauhaus stets verstanden und zu positionieren versucht. Gleichwohl waren es weder Meyer noch Mies van der Rohe - sein Nachfolger als Direktor -, die ihm den Stempel aufdrückten. Denn die eigentliche Prägung ging bereits von Walter Gropius aus: Nicht nur, weil er Entwerfer jenes Unterrichts- und Ateliergebäudes in Dessau war, das als Ikone der Moderne gilt. Seine - von einer gewissen Besessenheit nicht ganz freie - Programmatik von der "Einheit von Kunst und Technik" wurde zur ideellen Leitlinie. Sie zielte auf den "ganzen Menschen", und wollte seine Lebensweise neugestalten. Damit ist das Bauhaus Dessau zum Mythos geworden, den man nun in alle Richtungen kräftig ausdehnt.

Apart wird die sagenumwobene Einrichtung als Doppelfigur vorgestellt, die der Immobilie, dem Haus, der Bleibe und dem Bauen ebenso verpflichtet ist wie der Mobilität, dem Reisen, dem Exil und der Heimatlosigkeit. Es wird insinuiert, dass die Qualität der Architektur nicht davon abhängig sei, welchen sozialen Status und welche finanziellen Mittel die Person hat, für die sie errichtet wird. Aber stimmt das auch?

Bauhaus wurde zum Lebensstil

Im 19. Jahrhundert konkretisierte sich die gesellschaftliche Wirklichkeit weitgehend an den Architekten vorbei, weil diese sich als bloße Fachleute verhielten und auf die Beantwortung jener Frage kaprizierten, die Heinrich Hübsch 1828 mit seinem Buch "In welchem Style sollen wir bauen?" programmatisch aufgeworfen hatte. Je mehr man sich aber im sterilen Eklektizismus der akademischen "Beaux Arts" zu verlieren drohte, desto wirkkräftiger wurde mit der Zeit eine Gegenströmung, die die neuen technisch-industriellen Möglichkeiten euphorisch begrüßte - und das Metier mit ethischen und politischen Ansprüchen auflud.

Freilich ging es weniger darum, eine aus der Logik der industriellen Produktion abgeleitete Formensprache zu entwickeln. Eher stimmt das Gegenteil: Das Künstlerische sollte in die Herstellung hineingelegt werden. In und mit dem Jubiläum wird das Bauhaus freilich auf eine Marke verkürzt, die - scheinbar - eindeutig wiedererkennbar ist, während man sich über die zugrundeliegenden Haltungen ausschweigt.

Gleichwohl steht das Bauhaus pars pro toto für jene Moderne, die vor einem Jahrhundert die Fesseln vieler Konventionen sprengte. Die Kunstschule steht für die große Kulturrevolution im Bauen und künstlerischen Gestalten des 20. Jahrhunderts, für die radikale Absage an Tradition und Stil, für den Durchbruch zu elementaren, schnörkellosen Formen, für die Neuorientierung der Architektur an der Ökonomie und am Ideal der Rationalisierung, für Technizität und Konstruktivismus.

Bauen im Geist des Bauhauses hieß Einübung in ein radikal neues Sehen, das mit allem Vorhandenen brach. Gerade deshalb wird es gemeinhin als Schuldige für einen gravierenden Missstand ausgemacht - einer baukulturellen Krise dergestalt, dass es an grundsätzlichen Identifikationsmöglichkeiten mit der gebauten Umwelt mangelt. Was der Taylorisierung des Bauwesens unterlag, diente der Befreiung von den Bürden der Vergangenheit. Was sich des Repertoires der Maschinen und Dampfer bediente, signalisierte die Aufbruchsbereitschaft des neuen Nomaden, des Reisenden mit leichtem Gepäck. Wie kein zweiter hat etwa Le Corbusier ein Leben der Moderne suggeriert, das dem eines Touristen auf einem Luxusdampfer gleicht - minimierte Raumansprüche zwar, dafür aber licht und hell und alles inclusive. Kubisch und weiß sollte die Welt werden, funktionalistisch und ornamentlos.

Doppelhaus in der Suttgarter Weißenhofsiedlung von Le Corbusier und P. Jeanneret. Bild: Andreas Praefcke / CC-BY-3.0

Ob dies allerdings Bilder waren, die den Sehnsüchten der Nutzer entsprachen, und ob die hoffärtige Art ihres Zustandekommens sie den Mitmenschen empfahl, ist eine andere Frage. Mithin mag Ernst Bloch für einen Großteil der Benutzer sprechen, denn für ihn trat bei der Bauhaus-Architektur "und dem, was damit zusammenhängt, die Devise hervor: Hurra, es fällt uns nichts mehr ein!"

Vorderhand ging es dem Bauhaus darum, die Möglichkeiten der Moderne als einer idealen Stilform für das Leben im 20. Jahrhundert zu erkunden. Überflüssige "Schönheit" wurde abgelehnt; die Form jedes täglichen Gebrauchsgegenstandes, von der Teetasse bis zum Wohnblock, musste auf dessen Zweck hindeuten.

Dabei hat man in Dessau niemals beabsichtigt, die Idee des Bauhauses auf seine äußeren Ausprägungen einzuschränken. Insofern ist es nicht frei von Ironie, wenn erst die Reduktion auf formalästhetische Werte und das Ausblenden der sozialen wie politischen Komponenten, wie sie später in der sagenumwobenen MoMa-Ausstellung "International Style" vorgenommen wurden, zu einer fundamentalen Aneignung und Weiterentwicklung dieses "Stils" führte. Freilich aber war seine Wirkung, intendiert oder nicht, weitaus breiter. Und wohl auch diffuser. Letztlich ging es um eine allgemeine und tiefgreifende Modernisierung dessen, was man heute als life style bezeichnet. Ob das einen Gemeinsinn stimulieren kann, der sich auch baulich-räumlich artikuliert, bleibt indes offen.

Die politisch-sozialen und ökonomischen Voraussetzungen der Architektur

Was das Bauhaus von Dessau aus entfesselte, was seine Mandatsträger nach dem Weggang aus Deutschland bis in die Vereinigten Staaten trugen und was von dort mit den Siegern des Krieges nach Deutschland zurückkehrte - nämlich eine fundamentale Reform des Bauens und Gestaltens -, das hat für Generationen nichts Geringeres als eine neue Sicht auf die Welt eröffnet. Heute spüren wir, dass auch dieses einstige Zukunftsbild seine Faszination eingebüßt hat. Und deshalb mag man es sogar logisch nennen, dass mit dem Gedenken an 100 Jahre Bauhaus unbeabsichtigt auch das wieder lebendig wird, was einmal der Gründungsimpuls dieser Einrichtung war: die Erinnerung an den handwerklichen und spirituellen Grundakkord von Kunst, der zu Zeiten eines massenhaften Abschieds der Maschinen auf Neuerweckung drängt.

Und eben deshalb sollte man sich damit beschäftigen, dass und wie bestimmte Kräfte jenseits des Architekten Einfluss auf die konkrete Realität des Gebauten nehmen, und zwar unabhängig davon, was die Intention des Entwurfs jemals war. Muss man heute nicht die Unmöglichkeit konstatieren, einen urbanen, öffentlichen oder kommunikativen Raum zu entwickeln, solange architektonische Methoden und Techniken darin verharren, ihre Werke nur nach internen, selbstbezogenen Parametern zu produzieren? Geht es nicht darum, Wege zu finden und zu definieren, wie potentiell "bessere Gebäude" über sich hinausweisen, einen - nicht näher zu bestimmenden - gesellschaftlichen Mehrwert bieten?

Gewiss ist es dabei weniger um herausragende Architekten und ihre Bauten zu tun, als vielmehr um die Gestaltung der städtischen Wohn- und Lebenswelt, mit der die Menschen tagtäglich konfrontiert sind. Der renommierte Kunsthistoriker Martin Damus hat diesen Anspruch einmal wie folgt beschrieben: "Das rechtwinklige Straßenraster amerikanischer Städte mit einem Minimum vorbestimmter Festlegungen kann als das adäquate Grundmuster von Städten demokratisch verfasster, auf formaler Gleichheit aller Mitglieder einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft gelten. Jeder hat das gleiche Recht innerhalb des übergeordnet starren, gleichmachenden Straßenrasters ein Grundstück zu erwerben und zu nutzen, zu bebauen wie er will. Doch bereits die unterschiedliche Größe der Grundstücke, ihre Nutzung und Bebauung spricht der formalen Gleichheit Hohn."

Damit werden die jeweiligen politisch-sozialen und ökonomischen Voraussetzungen als eigentlicher Nährboden für die Architektur ausgemacht. Was sich auch an manchen - bislang wenig beachteten - Wechselwirkungen zeigt: Der New Yorker Börsenkrach 1929 etwa hat mittelbar die latente Großstadtfeindlichkeit in Deutschland entfacht und den Bau von mehrgeschossigen Großwohnanlagen in Misskredit gebracht, während man in Frankreich gänzlich andere Konsequenzen zog und nun auf Industrialisierung und Verdichtung im Wohnungsbau setzte.

Man muss solche Beispiele hier nicht vertiefen, sollte daraus jedoch eine Lehre ziehen: Wir leben als Individuen in Abhängigkeit von einer durch andere gestalteten und organisierten gebauten Umwelt. Wir können, von Ausnahmen abgesehen, uns ihr weder entziehen, noch sie unmittelbar beeinflussen. Aber sie zwingt uns, sich irgendwie dazu zu verhalten. Allein, eben das fehlt in der aktuellen Bauhaus-Rezeption.

Dass Architektur als räumliches System bestimmte Ordnungsaufgaben innerhalb des Gemeinwesens übernimmt: Dessen muss man sich - ganz unabhängig vom Bauhaus - neu bewusstmachen. Es gehört schlechterdings zu ihrem Wesen, publik zu sein. Doch weil sie so öffentlich ist, fällt sie oft gar nicht mehr auf. Sie gerät paradoxerweise unter den Blicken des Publikums in Vergessenheit. Und damit sie nicht der Gefahr erliegt, unwirtlich, zweckrational, aseptisch oder eventfixiert zu sein, bedarf es der vitalen Neugierde vieler. (Robert Kaltenbrunner)