Stimmen aus dem Jenseits

The Parapsychic Acoustic Research Cooperative: Einführung in elektronische Stimmphänomene.

Für Leute, die sich mit paranormalen Phänomenen beschäftigen wie z.B. UFOs und Kontakte mit Ausserirdischen, gibt es keinen besseren Beweis für die Stimmigkeit ihrer Theorien als Verschleierungsversuche von Regierungen. Man könnte es das X-Files-Theorem nennen. Wenn es gelingt nachzuweisen, daß die Regierung ein möglicherweise paranormales Ereignis zu verschleiern versucht, dann ist das auch schon der Beweis dafür, daß dieses Ereignis tatsächlich stattgefunden hat.

Cover der CD Ghost Orchid - introduction to electronic voice phenomena.

Reichlich Nährboden für das X-Files-Theorem liefern die sogenannten Elecronic Voice Phenomena (EVP). Als solche bezeichnet man z.B. mit Kassettenrekordern gemachte Aufnahmen, auf denen plötzlich auf unerklärliche Art hinzugekommene Stimmen zu hören sind. Meist vor dem Hintergrund eines mehr oder weniger amorphen Rauschens "sprechen sie in Zungen", mischen verschiedene Sprachen innerhalb eines Satzes (polyglottes Sprechen), schaffen Neologismen oder - die Ausnahme die die Regel bestätigt - sprechen verständliche und sinnvolle Sätze in einer europäischen Sprache allein.

Die weisen Extraterrestrischen

Jener Teil der offiziellen Welt, der zunehmend ein Monopol auf die Produktion von "Wissen" einnimmt, die Wissenschaft, verweigert sich der Beschäftigung mit EVP abgesehen von gelegentlichen Einzelfällen. Nach dem X-File-Theorem ist für EVP-Fanatiker damit der Beweis erbracht, daß es gute Gründe gibt, der breiten Masse etwas zu verheimlichen. Diese sei nämlich noch nicht reif für die schockierende Wahrheit hinter EVP: Die Stimmen, die da auf verrauschten Aufnahmen zu uns sprechen, kommen von extraterrestrischen Intelligenzen. Diese sind schon seit einiger Zeit, ohne daß uns das bewußt gewesen wäre, in unserem Sonnensystem präsent, haben uns beobachtet und unsere Psychologie studiert. Dabei wurden sie unserer zerstörerischen, Chaos und Völkermord verursachenden Psychologie gewahr. Als wir begannen, Ende des letzten Anfang dieses Jahrhunderts Radiowellen auszusenden, wurde den Aliens klar, daß wir bald auch über die technischen Möglichkeiten zur Raumfahrt verfügen würden. Als fürsorgliche Beschützer des intergalaktischen Friedens würden die Aliens eines Tages Kontakt mit uns aufnehmen müssen, um uns von der Anstiftung von Weltraumkriegen abzuhalten. Damit sich dieser Kontakt aber nicht allzu schockartig auf uns auswirken würde, was unsere Gewaltbereitschaft nur noch mehr schüren könnte, beginnen sie damit, uns langsam auf den "Erstkontakt" vorzubereiten, indem sie via EVP zu uns sprechen, und das "natürlich" nur zu einigen auserwählten Individuen, die in besonderen "Fensterzonen" wohnen.

Die erste EVP CD

Derartige "Hintergrundinformationen" befinden sich im Begleitheft zu einer auf dem englischen Label Ash International neu erschienen Audio-CD mit dem Titel "The Ghost Orchid - an introduction into Electronic Voice Phenomena (EVP)". Die Produzenten, Justin Chatburn und MSCHarding, folgen dabei einem "nicht wertendem Zugang", wie sie selbst im Begleittext schreiben. Über EVP war bisher meist nur in obskuren und new-age-lastigen Magazinen berichtet worden, Aufnahmen selbst wurden über Audiokassetten verbreitet. Chatburn und Harding beanspruchen vorsichtig, daß es sich ihres Wissens nach bei ihrer CD um die erste EVP-Veröffentlichung auf Compact Disc handeln würde, doch sie liessen sich gern eines besseren belehren.

Harding definiert im Einleitungstext, daß ein Zugang zu EVP, der diese in einen okkulten oder dämonisch-satanischen Kontext rückt, kein treibendes Motiv gewesen sei. Vielmehr bschäftigt man sich mit den zwei wesentlichen Glaubensrichtungen: Mit jener, die EVP`s als "objektiv" betrachtet, d.h. als etwas, das tatsächlich von "aussen" kommt, was immer dieses Aussen ist, und einer anderen, neueren Schule, die davon ausgeht, daß die EVP`s von der Psyche des Forschers selbst produziert werden. Zur ersteren, traditionellen Richtung zählt der englische EVP-Pionier Raymond Cass. Seinen Arbeiten wird auf der CD breiter Raum eingeräumt. Von ihm ist auch die oben paraphrasierte Aliens-Theorie, ausgeführt in einem von zwei Texten von Cass, die in dem tatsächlich informativen, 24-seitigem Begleitheft abgedruckt sind. Weitere Texte sind u.a. von Jürgen Heinzliger, einem deutschen EVP-Veteran, sowie von Margot Tschapke und Johannes Hagel, die zu den Vertretern des neueren, subjektiven Ansatzes zählen.

Email-Attachments aus dem Jenseits

Tschapke und Hagel beschreiben Versuchsanordnungen, mit denen es ihnen gelungen ist, EVPŽs zu erhalten, ohne Aufnahmen zu machen, z.B. indem zwei Radios gleichzeitig spielen, auf zwei verschiedenen Frequenzen, die jeweils leicht verstimmte Radiosignale empfangen. Diese und andere Methoden bezeichnen sie als "deterministisch", d.h. daß sie "mit Sicherheit" zu EVP`s führen. Irritierend ist dabei, daß die erhaltenen EVP`s häufig prä-kognitiven Charakter haben: Die Redeäußerungen prognostizieren Ereignisse, die wenig später eintreffen, wie z.B. den Tod des Familienhundes. Noch irritierender: Sie wollen auch EVPŽs erhalten haben, indem sie digitale Audiodaten miteinander mischten. Bei dieser Vorgehensweise fallen viele "vernünftigen" Erklärungsversuche weg: Keine fehlerhaften, für atmosphärische Störungen und Interferenzen anfälligen elektronischen Schaltkreise sind im Spiel, sondern bloß Daten, die rein digital kopiert und gemischt werden. Man bedenke, was für Konsequenzen das für uns Internetnutzer hat: EVP`s in RealAudiostreams, Email-Attachments aus dem Jenseits, extraterrestrische Majrodomo-Funktionen.

Tschapke und Hagel stellen bei ihren - verglichen mit dem Rest - vorsichtigen und vernunftbasierten Erklärungsansätzen eine Verbindung zu C.G. Jungs Synchronizitätstheorie her: Sprachliche Äußerungen und Ereignisse, die sich aufeinander beziehen und gleichzeitig auftreten können, aber in keinem kausalen Verhältnis zueinander stehen. Als "Übertragungswege" zwischen Ereignis, Gehirn des Forschers und Aufnahme muß aber immer noch Telepathie, bzw. Telekinese herhalten.

Unterhaltung für die ganze Familie

Nach soviel deutscher Ernsthaftigkeit sind allerdings die älteren Beispiele von Raymond Cass im praktischen Teil, der Audio-CD, von wesentlich größerem Unterhaltungswert. Hier wird die gesamte EVP-Tastatur hinauf- und hinunter gespielt, kommentiert und erläutert von Sprechern, die wie aus einem BBC-Schulfunkprogramm klingen. Winston Churchill schaltet sich hier aus dem Jenseits, bzw. dem Paralleluniversum zu ebenso wie die EVP-Pioniere Friedrich Jürgenson und Konstantin Raudive. In verschwörerischem Tonfall ist im Begleitkommentar davon die Rede, daß Deutschland und Russland Zentren der EVP-Wahrnehmung seien, zwei Länder, die für Engländer als klassische Reiche des Bösen gelten. Konsequenterweise wird auch erwähnt, daß es sowohl in Nazi-Deutschland als auch in der Stalin-Sowjetunion EVP-Forschung gegeben habe, jedoch seien keine Beweise erhalten - was natürlich eindeutig Beweis dafür ist, daß etwas vertuscht wurde und diese Experimente tatsächlich stattgefunden haben. Die Geisterstimmen selbst scheinen ebenfalls eine Vorliebe für Deutsch und Russisch zu haben, wenn sie nicht gerade Lettländisch sprechen oder gar eine Mischung aus allen drei Sprachen. In meinen Ohren allerdings klangen viele der Aufnahmen, die als deutsch-russisch-lettländisches Gemisch interpretiert wurden, eindeutig nach Japanisch oder jedenfalls einer Sprache, die ich garantiert nicht verstehe. Das meiste klingt überdies einfach nach schlecht eingestellten Radios. Umso unterhaltender ist es dann, wenn diesen auditiven Rohrschachtests mit größter Ernsthaftigkeit Bedeutungen zugeschrieben werden. Und je länger die CD lief, während ich eigentlich mit anderen Dingen beschäftigt war, umso häufiger wurde ich von nicht bezwingbaren Lachanfällen geplagt. Deshalb mein Ratschlag: Diese EVP CD darf eigentlich in keinem Haushalt fehlen.

The Ghost Orchid - An Introduction to Electronic Voice Phenomena PARC CD1, Ash International (Armin Medosch)

Anzeige