Stipendien verschärfen Bildungsungerechtigkeit

Vor und bei Einführung von Studiengebühren wurde der Aufbau eines "umfassenden Stipendiensystems" versprochen. Ein solches gibt es bis heute nicht

Die Studienfinanzierung ist – insbesondere in Zeiten von Studiengebühren – zunehmend ein Problem bei der Realisierung der Studienoption. Und weil das BAföG seit Jahren kaputt gespart wird, sollen nun Stipendien aushelfen. Während es auf BAföG hingegen einen Rechtsanspruch gibt – unter bestimmten ökonomischen Voraussetzungen (der Eltern) wird die Unterstützung gewährt – sind Stipendien Almosen. Anders formuliert: Es gibt kein Recht auf ein Stipendium. Ihre Vergabe ist die Folge einer Auswahl durch die Stipendiengeber: Diese entscheiden selbst, nach welchen Kriterien sie die Stipendien vergeben, so dass eine Reproduktion von Eliten die Konsequenz sein kann, wenn die Stiftungen nicht aktiv gegensteuern.

Dass das Vergabekriterium in aller Regel nicht einmal jenes der "Bedürftigkeit" ist, hat unlängst auch eine Studie belegt. Tatsächlich steigt mit höherer sozialer Herkunft auch der Anteil der Studierenden, die ein Stipendium erhalten. Das bedeutet konkret: Die Studierenden aus wohlhabendem Elternhaus erhalten mit mehr als doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit ein Stipendium als jene, bei denen es besser aufgehoben wäre.

Die zweite Konsequenz: Entgegen aller Versprechen gibt es schlicht zu wenige Stipendien. Und da Almosen nicht einklagbar sind, wird dies auch so bleiben. Die öffentliche Hand jedenfalls wird das Problem nicht lösen, da Annette Schavan von den zwei Millionen Studierenden zukünftig maximal einen Prozent, also etwa 20 000, mit öffentlichen Studienstipendien fördern lassen will. Damit aber können Stipendien keine soziale Absicherung darstellen, vielmehr verschärfen sie noch die soziale Ungleichheit; denn sie sind von vorn herein nur für eine nach politisch bestimmten Kriterien definierte Minderheit gedacht.

Wie sieht es nun aktuell mit Stipendien aus? Es gibt etwa 14 000 Stipendien öffentlicher sowie geschätzte 26 000 Stipendien privater Stiftungen. Damit erhalten etwa 1,96 Millionen Studierende kein Stipendium, darunter rund 345 000 Bafög-Empfänger. Zudem verfügt immerhin jeder und jede fünfte der zwei Millionen Studierenden momentan nur über ein Monatsbudget, das unterhalb des Bafög-Höchstsatzes von 585 Euro im Monat liegt. Diesen Zahlen stehen rund 1,4 Millionen Studierende gegenüber, die ab dem Wintersemester 2007/2008 Studiengebühren bezahlen sollen. Sowie 800 000 Studierende, für die gemäß aktueller Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks die Studienfinanzierung bereits jetzt als "unsicher" gilt.

Die Stipendien werden jedoch nicht an die Studierenden mit finanziellen Problemen vergeben. Ursächlich hierfür ist die Vergabepraxis der Stiftungen, wobei etwa 65 Prozent aller öffentlichen Studienstipendien von nur vier der staatlich anerkannten elf Begabtenförderwerke vergeben werden. Diese vier Einrichtungen (Stiftung der Deutschen Wirtschaft, Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Naumann-Stiftung, Studienstiftung des deutschen Volkes) gehören dem konservativen Spektrum der Förderwerke an; politisch steht hier der Elitegedanke oft vor dem Gedanken des sozialen Ausgleichs. Die Quote der zumindest potenziell "sozial Bedürftigen" unter den Stipendiaten dieser Werke liegt daher wenig verwunderlich bei maximal 18, die Quote derjenigen mit sehr wohlhabendem Elternhaus hingegen bei über 50 Prozent.

Ganz überwiegend profitieren also die Privilegierten auch in dieser Stipendienstruktur. Das liegt insbesondere daran, dass für alle öffentlichen Stipendien stets "überdurchschnittliche Leistung" ein ausschlaggebendes Vergabekriterium ist. Nicht einmal die der Linkspartei nahe stehende Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert einen Nachteilsausgleich: auch sie wertet zuerst Leistungen und berücksichtigt erst dann soziale Benachteiligung und andere Kriterien.

Das Problem hieran ist: Gemessene Leistung selbst hängt angesichts des herrschenden Schulsystems von der sozialen Herkunft ab. Ein Akademikerkind lernt aufgrund seines Herkunftsvorteiles in der Regel besser und leistet leichter mehr als ein Kind aus bildungsfernen oder sozial schlechter gestellten Schichten. Zudem tritt ein Oberschichtkind aufgrund seines Habitus selbstsicherer und zielbewusster auf. Stipendienvergabe nach Noten und erbrachten Schulleistungen, die wiederum auch vom Auftreten mitbestimmt sind, reproduzieren daher die Bildungsungerechtigkeit.

Selbst dann, wenn es ein Arbeiterkind zu guten Noten geschafft hat, hilft ihm das nicht wirklich: Unter der "Leistungselite" der Studierenden mit einem Notenschnitt zwischen 1,0 und 1,4 erhalten aktuell nur sieben Prozent der Studierenden aus Arbeiterfamilien, aber 14 Prozent der Studierenden mit Akademikerelternhaus ein Stipendium. Doch damit nicht genug: An einigen deutschen Hochschulen können sich ausgerechnet die Stipendiaten der öffentlichen Begabtenförderungswerke auch noch von den Studiengebühren befreien lassen; sicher in der Hoffnung, hierdurch "Begabte" anzuziehen und sich als Hochschule mit diesen profilieren zu können. Der politisch forcierte "Wettbewerb" um "Excellenz" dürfte hier eine Rolle spielen – für die Excellenz, so genannte bildungsferne Schichten zu fördern, ist in diesem Denken offensichtlich kein Platz mehr.

In der Konsequenz führt dies zu folgender Kette an "Auswahlmechanismen": Auf der einen Seiten erhalten bevorteilte Jugendliche aus gehobenem Elternhaus in der Regel bessere Noten und aufgrund dieser Noten sowie ihres Habitus dann auch ein Stipendium, welches sie wiederum dazu privilegiert, keine Bildungsgebühr entrichten zu müssen. Auf der anderen Seite stehen die sozial Benachteiligten oder Kinder aus Nichtakademikerfamilien, deren Situation sich folgendermaßen beschreiben lässt: Sie schaffen seltener den Sprung auf ein Gymnasium und von dort an die Hochschulen, ihre ob des Elternhauses vorhandene kulturelle Benachteiligung wird mittels des Bildungssystems in Noten und ob dieser in niedrigere Lebenschancen umgemünzt. Diese systemimmanente Benachteiligung sorgt dafür, dass sie selbst dort, wo sie formal gleiche Leistungen wie Bürgerkinder erbringen und das Selektionssystem erfolgreich durchlaufen, was für sie ein Mehrfaches an Arbeitsaufwand bedeutet, im Stipendienwettbewerb dennoch unterliegen - und sei es, weil sie nicht selbstsicher genug auftreten. Da sie als "unbegabt" gelten, müssen sie nun auch noch Studiengebühren zahlen.

Die Schlussfolgerung, die sich aufdrängt, ist simpel und erschreckend zugleich: Zur Elite wird man in Deutschland fast ausschließlich geboren - zumindest bisher.

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