Stochern im Datenbrei

Ein Experiment in Princeton wagt sich ans Verhältnis von Geist und Materie: Reagieren Zufallsgeneratoren auf medial vermittelte Großereignisse, die kollektive Emotionen freisetzen?

Ein Forschungsteam in Princeton will im Datenmüll weltweit vernetzter Zufallsgeneratoren Spuren eines "Globalen Bewusstseins" gefunden haben, das in Momenten großer kollektiver Emotionen - wie am 11. September 2001 oder bei den Anschlägen in Madrid - Ordnung ins Zufallschaos bringt. Triumphiert die "Weltseele" der Menschheit also doch noch über die Materie, indem sie signifikante Muster schafft, wo reiner Zufall herrschen sollte?

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Weltweite Verteilung der EGGs

Man stelle sich Emotionen und Denken der Menschheit rund um den Erdball als ein weltweites EKG vor: eine feine Linie, die munter in Kurven und Spitzen verläuft und in Kapriolen verfällt, wann immer ein Großereignis den Fokus von Millionen Individuen für einen kurzen Zeitraum zu synchronisieren vermag. Solche Graphen aus endlosen Zahlenmassen zu destillieren, bemüht sich seit sechs Jahren ein Forschungsteam an der Universität Princeton. Die Wissenschaftler des sogenannten Global Consciousness Project (GCP) wühlen sich dabei durch immense Datenberge und glauben, in den Höhen und Tiefen des Kurvenverlaufs einem "Globalen Bewusstsein" auf der Spur zu sein.

Mit einem Netzwerk von etwa 70 Zufallsgeneratoren (augenzwinkernd als EGGs - "Elektrogaiagramme" - tituliert) misst das international verstreute Forscherteam des Psychologen Roger D. Nelson, des langjährigen Leiters des PEAR-Labors der Universität Princeton, ob und wie sich weltweite Ereignisse im unermüdlich sprudelnden Datenstrom zu Buche schlagen. Tagein, tagaus liefern die von störenden Umwelteinflüssen abgeschirmten Messstationen per Internet aus allen Ecken der Welt - von Alaska bis zu den Fidschi-Inseln - jeweils 12.000 Bits pro Minute an den Server in Princeton. Seit 1998 haben die GCP-Mitarbeiter die Datenreihen für 175 Großereignisse untersucht, um festzustellen, ob die (scheinbar) chaotischen Zahlenserien vom statistisch zu erwartenden Mittelwert abweichen.

Und die Resultate, die sie vorzuweisen haben, sind - sofern man ihnen Glauben schenkt - schlichtweg erstaunlich: Denn mit ihnen scheint der Beweis gelungen, dass der Geist, allen Naturgesetzen zum Trotz, imstande ist, der Materie seinen Stempel aufzudrücken. Die Projektleiter wissen die ungewöhnlichen Kurvenverläufe nicht anders zu erklären, als dass hier das menschliche Bewusstsein in Momenten großer kollektiver Emotionen der Zufallsmechanik auf unerklärliche Weise in die Quere kommt.

Als das Entsetzen über die einstürzenden Twin-Towers am 11. September 2001 Milliarden Menschen live ins Wohnzimmer geliefert wurde, spielten angeblich auch die Zufallsgeneratoren verrückt:

Wir können diese deutlichen Muster bei Daten, die eigentlich zufällig sein müssten, zwar nicht erklären, aber wir haben es hier zweifellos mit einer bedeutenden Aussage zu tun. Wenn wir fragen, warum ein ausgeprägtes Signal in unserem globalen Instrumentennetzwerk, das eigentlich Zufallsrauschen hervorbringen sollte, auf die Ereignisse des 11. September zurückzuführen sein soll, dann gibt es darauf keine naheliegende Antwort.

Trotz solch demonstrativer Zurückhaltung plagen die Wissenschaftler in Princeton jedoch kaum Zweifel, dass ihre Analysen das Heraufdämmern eines "Globalen Bewusstseins" protokollieren - das zu beweisen sie ja schließlich angetreten sind. Schon im Vorfeld des Projekts wollen die Forscher beim Tod Prinzessin Dianas (anders als beim Begräbnis von Mutter Teresa, das keine unerwartete Trauerhysterie auslöste) ungewöhnliche Abweichungen festgestellt haben. Auch beim Beginn des Nato-Bombardements auf Belgrad, bei Jahreswechseln, bei den Friedensdemonstrationen des Vorjahrs oder beim Sturz Saddams sollen die Kurven deutliche Ausschläge aufweisen.

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Zuletzt registrierten die Forscher höchst seltsame Datenreihen am Tag der Anschläge in Madrid. Die Erstanalyse für den 11. März zeigt einen Kurvenverlauf, der fast alles bisher Gemessene in den Schatten stellt:

Der Trend während dieser Zeitphase ist extrem - aber es handelt sich um ein stark negatives Gefälle. Es ist deutlich erkennbar, dass der Zufallsverlauf sich etwa zur Zeit der Terroranschläge änderte und sich ungefähr 10 Stunden lang in einem außerordentlich unwahrscheinlichen Negativtrend fortsetzte.

Auch die Analyse des nächsten Tages beförderte ähnlich Erstaunliches zutage:

Im deutlichen Gegensatz dazu verläuft der Trend für den Tag der Demonstrationen, bei denen die Menschen zusammenströmten, um Emotionen und Mitgefühl zu teilen, geradezu symbolhaft positiv.

Natürlich sind diese Resultate nicht unwidersprochen geblieben: Skeptiker wie Ed May und James Spottiswoode oder der NASA-Experte Jeffrey D. Scargle von der Space Science Division des Ames Research Center in Kalifornien, die das über die GCP-Homepage frei zugängliche Datenmaterial geprüft haben, gelangen zu ganz anderen Ergebnissen. Ihre Kritik kreist dabei vornehmlich um die Frage, wo genau die Signifikanzschwelle anzulegen sei; zudem hätte sich das Team um Roger Nelson bei seinen Ex-post-Analysen zu unbewussten Datenmanipulationen hinreißen lassen und sich so in den Fallstricken fragwürdiger statistischer Methoden verheddert.

Auch bei der Auswahl der untersuchten Zeitfenster für den 11. September haben die Wissenschaftler offenbar eine überaus glückliche Hand bewiesen - bei geringfügigen Variationen wären die Resultate keineswegs so überzeugend ausgefallen. "Es ist allgemein bekannt, dass solche explorativen Datenanalysen beinahe immer auch eine falsche Struktur hervorbringen können, die als signifikant erscheint", konstatiert Scargle und rät zu strikter formalisierten Standards. Erst dann könnte "data fiddling", das unkontrollierte Herumstochern im Datenmüll, ausgeschlossen werden.

Das schlagendste Argument gegen die Sensationsresultate für den 11. September liegt jedoch in einem unangenehmen Schönheitsfehler: Der Datenoutput zeigt seine spektakulärsten Veränderungen nämlich nicht erst während der Anschläge, sondern bereits zwischen 4 und 6 Uhr morgens - um mehr als drei Stunden zu früh. Für Nelsons Mannschaft ist dies allerdings kein Widerspruch, der an ihrem Konzept zweifeln ließe. Für sie liegt darin, ganz im Gegenteil, ein "um so tieferes Mysterium".

Quellen zum Global Consciousness Project (Roman Urbaner)

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