Stockholm: Mutmaßlicher Attentäter stand kurz vor der Abschiebung

Premierminister Löfven will Abschbiebung von abgelehnten Asylbewerbern beschleunigen

Der 39-jährige Usbeke Rakhmat Akilov, der dringend des Terroranschlags in Stockholm verdächtigt ist, stand in Schweden kurz vor der Abschiebung. Der Antrag des Asylsuchenden auf Aufenthaltsbewilligung vom November 2014 ist laut Migrationsverket im Juni 2016 abgelehnt worden, seit dem 27. Februar gilt er als untergetaucht.

Ein maskierter Mann entführte am Freitagnachmittag in der Stockholmer Innenstadt einen Lastwagen und überfuhr damit mehrere Menschen, dabei starben vier Personen, 15 wurden verletzt. Zudem soll ein Sprengsatz explodiert sein, der den Attentäter selbst verletzte.

Der Verdacht mit dem 39-jährigen, der bereits am Freitag außerhalb von Stockholm gefasst wurde, den wirklichen Täter gefasst zu haben, erhärte sich nach Polizeiangaben. Die Polizei sei im Besitz von Informationen, dass der Beschuldigte Sympathien für "extreme Organisationen, darunter für den IS" hegte.

Der Verdächtige, der offiziell in Stockholm gemeldet war, habe sich in den Sozialen Medien positiv zum radikalen Islam geäußert und Bilder von Attentaten geliket, besonders solche vom Bombenattentat in Boston während des Marathonlaufes 2013. Er soll auch nach der Tat am Freitag mit einer Person gechattet haben, so Polizeiquellen.

Der Usbeke war der Polizei bekannt, da er die gleiche Adresse wie eine Person hatte, die in Wirtschaftskriminalität verwickelt war. Die Ermittler hegten den Verdacht, dass das gewonnene Geld für den IS aufgewendet wurde, es fehlten jedoch die Beweise.

Von Arbeitskollegen wurde Akilov als "gewöhnlicher Arbeiter" beschrieben, der sich als Familienvater darstellte und für seine Familie mit vier Kindern Geld verdiente, über Politik und Religion habe er nicht geredet. Bei einem Bewerbungsgespräch habe er sich als Sprengstoffexperte vorgestellt.

Akilov sei mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Städt Märsta geflohen, wo er aufgefallen sei. Es werden derzeit noch fünf Personen verhört. Eine weitere Person wurde wegen Terrorverdacht festgenommen, die Polizei machte keine weiteren Angaben.

Die Polizei hatte zusammen mit der Säpo (eine Art Spezialpolizei und Verfassungsschutz) und dem Militär am vergangenen Dienstag und Mittwoch also vor dem, Anschlag bereits eine großangelegte Antiterrorübung durchgeführt.

Um 14.53, zur Uhrzeit des Attentats, versammelten sich am Sonntag tausende Menschen in Stockholm zu einer Schweigeminute. In einer emotionalen Ansprache erklärte Premierminister Stefan Löfven: "Wir werden diese Mörder mit der gesammelten Kraft der schwedischen Demokratie jagen."

Auf die Frage eines norwegischen Journalisten, ob Schweden nicht den Anschlag durch eine strengere Asylpolitik verhindert hätte können, erwiderte Löfven: "Das ist nicht primär eine Frage, wie viele hergekommen sind, man muss auch berücksichtigen, ob wir einen zuverlässigen effektiven Mechanismus haben, der die Menschen, die eine Abweisung bekommen haben, außer Landes weist. Hier müssen wir schauen, dass wir etwas modernisieren müssen."

Schweden, bekannt für seine großzügige Migrationspolitik, hat im vergangenen Jahr einige Restriktionen in der Asylpolitik umgesetzt. Bereits im Juni warnte die Zeitung Svenska Dagbladet, dass somit vermehrt Asylantragsteller in den Untergrund abtauchen könnten (Flüchtlinge: Neue schwedische Härte). Nach Angaben von Patrik Engström, dem Chef der "Grenzpolizei" gibt es in Schweden derzeit 12.500 untergetauchte Asylbewerber.

Bislang hielten sich Schwedens Parteienvertreter (Stand Sonntagabend) mit rein politischen Äußerungen zurück, auch die rechtspopulistischen Schwedendemokraten. Einen recht politischen Akzent brachte hingegen Antje Jackelén, leitende Bischöfin der lutherischen Schwedischen Kirche, in einem Text für die Boulevardzeitung "Expressen" unter. Anlässlich des Anschlags warnte sie wie schon zuvor vor den vier gefährlichen "P's" - Polarisierung, Populismus, Protektionismus, Post-Truth. In dieses Themenfeld werden die schwedischen Berufspolitiker dann auch bald einsteigen. (Jens Mattern)

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