Störfall Nummer 65 im tschechischen AKW Temelin

Auch in Bayern dürfte der Störfall im Nachbarland zur Zeit nicht ins CDU/CSU-Atomkonzept passen

Wie erst am Montag bekannt wurde, ist im tschechischen Atomkraftwerk Temelin bereits Sonntag am frühen Morgen ein Leck im Primärkreislauf entdeckt worden. 3000 Liter radioaktiv verseuchte Kühlflüssigkeit seien aus dem Primärkreislauf des abgeschalteten zweiten Blocks ausgetreten und hätten zwei Arbeitsräume kontaminiert, berichtet der Anti-Atom-Beauftragte des Landes Oberösterreich, Radko Pavlovec, in einer Pressemitteilung am Montag Nachmittag. Betroffen sei demnach der Primärkreislauf des zweiten Reaktorblocks.

Aus dem von Temelin ebenso nahen Bayern dagegen verlautetet kein Mucks, kein Wörtchen und keine Regung aus dem Umweltministerium des Freistaats, auch nicht 24 Stunden nach den Meldungen österreichischer Medien wenigstens zur Beruhigung der Bürger in der grenznahen Region Bayerns. So verwundert auch nicht, dass dpa in der Nacht von Montag auf Dienstag erst kurz vor Mitternacht eine eigene Meldung anbietet, die sich auf das Amt für Atomsicherheit in Prag bezieht. Nach Angaben der Betreibergesellschaft CEZ bestehe aber keine Gefahr für Menschen oder Umwelt. Gleichzeitig verbreitet dpa, in Österreich bereite der erneute Zwischenfall ernste Sorgen. Österreichs Umweltminister Josef Pröll fordere eine umfassende Untersuchung der tschechischen Seite.

Im AKW Temelin hatte es erst am Mittwoch vergangener Woche erneut einen Störfall gegeben. Im zweiten Reaktorblock kam es zu einer Notabschaltung. Es handelte sich dabei offiziell um den 64. Störfall.

Der oberösterreichische Anti-Atom-Beauftragte Pavlovec kritisierte, der Temelin-Betreiber CEZ habe bisher gar nicht über den Vorfall informiert und die tschechische Nuklearaufsichtsbehörde SUJB habe erst mit einer Verspätung von mehr als 24 Stunden auf den Vorfall reagiert. Für ihn sei die Häufung der Ereignisse im Block 2 in den letzten Tagen "bereits sehr auffällig", weil auch dort die letzte Schnellabschaltung erfolgte. Der jüngste Zwischenfall betreffe jedoch den in sicherheitstechnischer Hinsicht wichtigsten Bereich des Kraftwerkes. Pavlovec vermutet, dass auch die Notabschaltung vom Mittwoch bereits mit dem Primärkreislauf zu tun gehabt haben könnte.

Temelin-Sprecher Milan Nebesar bestätigte Montagabend das Leck im tschechischen Fernsehen. Es habe sich nicht um eine Havarie gehandelt, es wäre nichts Außerordentliches geschehen. "Wir haben die Gesetzespflicht erfüllt und es an die Staatliche Behörde für atomare Sicherheit (SUJB) gemeldet", teilte der Betreiber-Sprecher mit.

Verharmlost wurde der Vorfall von ihm mit der Darstellung, am Sonntag früh sei ein Röhrchen geplatzt, das zum Messen des Durchflusses des Wassers in einer Pumpe bestimmt ist. Das Ganze sei in einem geschlossenen Raum geschehen. Das ausgelaufene Wasser sei durch die Kanalisation in einem dafür bestimmten Becken aufgefangen worden und nicht aus dem AKW gelangt. Mitarbeiter seien nicht zu schaden gekommen.

Aus dem österreichischen Umweltministerium verlautet, dass bei dem Leck im tschechischen Atomkraftwerk Temelin keine Radioaktivität nach Außen gedrungen sei. Dies habe die tschechische Seite dem österreichischen Ministerium mitgeteilt, so der Sprecher des Umweltministers Josef Pröll (ÖVP), Daniel Kapp auf Medienanfragen.

Anders die Anti-AKW-Szene in Österreich und entsprechend die Reaktion der österreichischen Grünen: "Der neuerliche Störfall im tschechischen Atomkraftwerk Temelin zeigt, dass dieser Reaktor schleunigst still gelegt werden sollte", so Johannes Voggenhuber, Spitzenkandidat der österreichischen Grünen bei der EU-Wahl. Zudem zeige dieser Störfall einmal mehr, dass es dringend einer Reform des Euratomvertrages (Strahlende Zukunft: Die Euratom-Hypothek) bedürfe. "Es darf nicht sein, dass eine Hochrisikotechnologie wie die Atomkraft in der EU immer noch gegenüber erneuerbaren Energieträgern wirtschaftlich bevorzugt wird", so Voggenhuber am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Wien.

Das Schweigen in Bayern

Erstaunlich, dass von Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) nicht einmal derartige Beschwichtigungsversuche wie von seinem österreichischen Kollegen zu vernehmen waren. Schnappaufs Ministerium besitzt einen so genannten heißen Draht auch zu den Behörden in Österreich und ist daher gut informiert. Der Minister bezichtigte in der Vergangenheit immer gerne Bundesumweltminister Trittin mangelnder Information oder gar der Desinformation in Sicherheitsfragen. In Bezug auf Risiken bayrischer AKWs betont Schnappauf stets deren Sicherheit, ergreift aber sonst zu Temelin jede Gelegenheit, kritisch Stellung zu nehmen. Jetzt aber schweigt Staatsminister Schnappauf, aber hat sich an das Bundesumweltministerium gewandt, um von der Regierung in Prag "unverzüglich detaillierte Informationen" zu holen und sie nach Bayern weiter zu geben. Der Störfall in Tschechien kommt höchst ungelegen, ereignet er sich doch just zu einem Zeitpunkt, wo Stoiber und Merkel erneut die Atomkarte ziehen wollen (Neue Atomkraftwerke in Deutschland?) und auch noch am 9. Juni 2004 der umstrittene Atomreaktor FRM2 im bayrischen Garching mit einem Festakt in Betrieb geht (Der Tanz ums Atom-Ei Nummer Zwei).

Da könnten Menschen auf die Idee kommen, dass der Unterschied zwischen einem FRM2 und einem Reaktor Temelin, was die Risiken für Mensch und Umwelt betrifft, gar nicht so groß erscheint. Der FRM2 ist der einzige Reaktorneubau in Deutschland und der einzige Neubau eines Forschungsreaktors weltweit, der hoch angereichertes Uran (HEU) mit einer Anreicherung von 93 % einsetzen wird. HEU ist zum Bau von Atombomben geeignet. Bei einem Jahresbedarf von 40 kg HEU wird beim FRM2 die signifikante Menge gemäß IAEO wesentlich überschritten. Technologisch ist es sogar einfacher, Atombomben aus Uran als aus Plutonium zu bauen. (Ekkehard Jänicke)

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