Strafe muss sein

Und besonders Männer empfinden dabei Schadenfreude

Fairness im sozialen Miteinander spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Mitgefühl. Männer und Frauen können sich in die Schmerzen von Mitmenschen einfühlen, die sich ihnen gegenüber kooperativ verhalten. Bei egoistischem Verhalten jedoch ist es mit der Empathie schnell vorbei – zumindest bei Männern.

Schadenfreude bedeutet, dass einer, dem wir’s richtig gönnen, eins auf die Nase kriegt und wir reiben uns im Stillen die Hände. Nebenbei bemerkt scheint es sich dabei um eine der Eigenschaften zu handeln, die bei Deutschen irgendwie besonders ausgeprägt ist: wie die Worte „Angst“ oder „Wanderlust“ haben z. B. die Engländer auch das Wort Schadenfreude aus unserem Wortschatz entlehnt. Doch Schadenfreude kommt auch bei anderen Völkern vor, das ist jetzt gewissermaßen wissenschaftlich bewiesen. Ein Forscherteam um Tania Singer vom University College London hat sie jetzt erstmals im Gehirn von menschlichen Probanden beobachtet und gemessen. Wie die Wissenschaftler in Nature berichten, sind gerade Männer besonders anfällig dafür.

Good Guy vs. Bad Guy

Insgesamt 32 männliche und weibliche Probanden aus verschiedenen Kontinenten, die sich nie zuvor gesehen hatten, nahmen an dem Experiment im Wellcome Department of Imaging Neuroscience and Institute of Cognitive Neuroscience des University College London teil. Im ersten Teil des Versuchs mussten sie ein einfaches Spiel spielen, in dem sie mit ihren Spielpartnern Geldbeträge austauschen konnten. Jeder vertrauensvoll übertragene Betrag wurde vom Spielleiter verdreifacht, ein kooperatives Spielverhalten war also zum Nutzen aller.

Gehirnaktivität beim Anblick der Bestrafung fairer Spieler bei Frauen (pink) und bei Männern (blau) (Bild: Nature)

Was die Versuchspersonen jedoch nicht wussten: In ihren Kreis waren vier Schauspieler eingeschleust, zwei Männer und zwei Frauen, die bei diesem Spiel die Rolle von „gut“ und „böse“ spielten. Die Guten spielten kooperativ, die Bösen hingegen verhielten sich unfair und behielten das Geld für sich. Die Wirkung dieses Verhaltens auf die „echten“ Probanden ermittelten die Forscher anschließend mit einem Fragebogen. Dort bezeichneten sowohl männliche als auch weibliche Kandidaten die fairen Spieler als fairer, umgänglicher, netter und sogar attraktiver als die unfairen.

Im zweiten Teil des Experiments zeichneten die Forscher mithilfe eines bildgebenden Verfahrens (Funktionelle Magnetresonanztomografie, fMRT) die Hirnaktivität der Probanden auf, während sie zusehen mussten, wie den Schauspielern schmerzhafte Elektroschocks an den Händen zugefügt wurden. Bekamen die fairen Spieler ihren Elektroschock ab, regte sich bei den männlichen wie auch den weiblichen Probanden Mitgefühl. Sie zeigten eine deutliche Zunahme an Gehirnaktivität in den Gehirnteilen, die repräsentieren, wie unangenehm man Schmerz emotional empfindet: im frontoinsularen (FI) und im anterioren cingulären Cortex (ACC).

Aktivität im Nucleus accumbens bei Männern (Bild: Nature)

Erhielt der unfaire Schauspieler seine Ladung, waren die Frauen immer noch mitfühlend, wenn auch weniger stark. Bei den Männern hingegen herrschte in den Schmerzregionen Flaute, dafür war bei ihnen Aktivität im Nucleus accumbens zu beobachten, einer Gehirnregion, die mit dem Belohnungszentrum assoziiert ist. Hier wird es immer hektisch, wenn Essen, Sexualität oder Drogen ins Spiel kommen.

Diese Resultate zeigen, dass Fairness im sozialen Umgang die gefühlsmäßigen Beziehungen formt, die uns mit unseren Mitmenschen verbinden. Die Menschen fühlen mit anderen mit, wenn diese kooperieren und fair handeln. Wohingegen eigennütziges und unfaires Verhalten dieser emphatischen Beziehung entgegenläuft. Wenn also ein unfairer Spieler einen schmerzhaften Elektroschock erleidet, zeichnet sich bei den Männern so gut wie keine Reaktionen in den mit Mitgefühl korrelierten Gehirnregionen, wohingegen das Belohnungs-Areal aktiv wurde. Männer scheinen mehr Zufriedenheit zu empfinden, wenn unfaire Menschen körperliche Strafe bekommen, die sie als gerecht empfinden.

Tania Singer

Aus der Korrelation der Antworten im Fragebogen, den die Probanden im Anschluss an das zweite Experiment ausfüllen mussten, mit der Aktivität im Nucleus accumbens ging deutlich hervor, dass die Männer mit der größten Aktivität im Belohnungszentrum die stärksten Rachegefühle hegten.

Schadenfreude schützt vor Schmarotzern

Ob jedoch Männer rachsüchtiger und Frauen immer nur mitfühlend sind, das will Singer aus ihren Versuchen nicht zwingend ableiten. Diesen Nachweis könnten ihrer Meinung nach nur größer angelegte Studien erbringen. Sie schränkt ein, dass der Versuchsaufbau möglicherweise den Männern eher entgegenkam als den Frauen, weil es bei der Strafe um eine körperliche, nicht um eine psychologische oder finanzielle Bedrohung ging. Trotzdem könnten diese Resultate einen Hinweis darauf geben, warum Männer eine dominante Rolle beim Erhalt von Gerechtigkeit und der Bestrafung von Normverstößen in menschlichen Gesellschaften spielen. Evolutionsgeschichtlich könnte die Schadenfreude zentral für die Entwicklung menschlicher Gesellschaften gewesen sein, meint Singer:

Die Mehrheit der Leute in einer Gruppe wollen die bestrafen, die die anderen betrügen. Dieses Verhalten bedeutet, dass die Menschen sich gegenseitig vor Schmarotzern beschützen. Die Evolution hat wahrscheinlich dieses Gefühl für Gerechtigkeit und moralische Pflicht in uns angelegt.


Empathic neural responses are modulated by the perceived fairness of others, Tania Singer, Ben Seymour, John P. O'Doherty, Klaas E. Stephan, Raymond J. Dolan and Chris D. Frith, Nature advance online publication, 18.1.2006, doi:10.1038/nature04271

(Katja Seefeldt)