Strahlende Zukunft

"Hormesis": Gesundheitsfördernde Wirkung von Radioaktivität - Tatsache oder gefährliche Fata Morgana?

Es wird noch nicht sehr laut dafür getrommelt, aber hier und da kann man schon hören, dass jetzt endlich mal Schluss sein müsse mit dieser radioaktivitätsfeindlichen Übervorsicht. Denn in Wahrheit, so die erstaunliche Kunde, sei Radioaktivität in niedrigen Dosen gesundheitsfördernd.

Das Konzept ist wahrscheinlich so alt wie die Medizin. Man hofft und wünscht, dass eine geringe, für unschädlich gehaltene Darreichungsform des Einflusses, der eine Krankheit auslösen kann, den menschlichen Körper auf den Ernstfall vorbereitet.

An sich ist diese Idee von der "Hormesis" auch prüfenswert; sie kann ja zu Humbug wie der Homöopathie führen, die bloß den Placebo-Effekt ausnutzt, oder zur Impfung, die genau die geplante Wirkung hat.

Wir Menschen übertragen gern; Analogieschlüsse sind ein Mittel zur Rationalisierung der Erkenntnis, das immer schon mit Gewinn angewendet wurde, aber leider auch sehr irrtumsanfällig ist - Menschen lassen sich gern von Ähnlichkeiten täuschen.

Schon lange spukt in den Köpfen die Idee herum, dass Radioaktivität als Mittel der Hormesis benutzt werden kann; die "Radonbalneologie" seit 1906 beruht teilweise darauf. In verschärfter Form hat sich ein gewisser T.D. Luckey die Hypothese von der Strahlenhormesis zu eigen gemacht; 2008 hat er auch seine Meinung kundgetan, dass Atombombenexplosionen hier und da letztendlich gesundheitsfördernde Wirkungen haben können.

Nun kann man sich viel wünschen, aber die Frage ist ja, ob eine Hormesis durch niedrig dosierte radioaktive Strahlung belegbar ist. Gern zitieren Fans der Strahlenhormesis neben T.D. Luckey auch Untersuchungen an Arbeitern in der Nuklearindustrie, die ihre Lieblingshypothese zu bestätigen scheinen. Beliebt ist dabei die Studie "Mortality and occupational exposure to radiation: first analysis of the National Registry for Radiation Workers" von 1992. Die Zusammenfassung enthält folgenden Abschnitt:

Es gibt Belege für einen Zusammenhang zwischen dem Kontakt mit radioaktiver Strahlung und der Mortalitätsrate durch Krebs, vor allem, was Leukämie (aber nicht chronische lymphatische Leukämie) und das Multiple Myelom angeht, obwohl die Mortalitätsrate bei der untersuchten Population geringer war als in der Gesamtbevölkerung.

Studie Mortality and occupational exposure to radiation

Leider hat die Begeisterung über den letzten Nebensatz einen bösen Haken: Im Berufsleben stehende Menschen sind durchschnittlich gesünder als die Allgemeinbevölkerung, was in der Statistik zum sogenannten Healthy-Worker-Effekt führt.

Die optimistisch stimmenden Ergebnisse der Studie können also genauso gut auf einem bloßen Selektionseffekt beruhen. Damit hören die Probleme noch lange nicht auf, denn es gibt sehr umfangreiche Studien, die den statistischen Zusammenhang zwischen Radioaktivität und Leukämie, den die Studie von 1992 auch anerkennt, eher gestärkt haben.

Das ist einer der Gründe, weswegen das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz an seiner vorsichtigen Haltung gegenüber niedrigdosierter Radioaktivität und der Skepsis gegenüber der Strahlenhormesis festhält.

Dass das Bundesamt in diesem Zusammenhang auf die Annahme einer linearen Dosis-Wirkungs-Kurve (engl. Linear no-threshold model, LNT) setzt, reizt die Hormesisfreunde besonders. Das LNT ist für sie eine Art Beelzebub, und sie werden nicht müde, es als wissenschaftlich nicht haltbar zu bezeichnen.

Es besagt im Grunde nichts anderes, als dass es für Radioaktivität keinen definierbaren Grenzwert gibt, unterhalb dessen sie unschädlich wird. Ein Modell, dem manche Forschungsergebnisse widersprechen, manche aber auch nicht.

Zum Beispiel die Studie Strahleninduzierte genetische Effekte nach Tschernobyl und in der Nähe von Nuklearanlagen des Helmholtz-Zentrums München von 2013. Darin heißt es:

"Niedrigdosisstrahlung" erhöht die Anzahl der Totgeburten und Fehlbildungen sowie das sekundäre Geschlechtsverhältnis im wesentlichen linear.

Helmholtz-Zentrum München

Zum Krebsrisiko sagt der Aufsatz Cancer risks attributable to low doses of ionizing radiation: Assessing what we really know aus den Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) von 2003:

Die lineare Extrapolierung von Krebsrisiken in Bezug auf niedrige bis sehr niedrige Dosierungen scheint derzeit die beste Methodik zu sein, weil sie von experimentell begründeten, quantifizierbaren, biophysikalischen Argumenten gestützt wird. Die Annahme von der linearen Extrapolierbarkeit ist nicht unbedingt die konservativste, und es ist wahrscheinlich, dass sie manche strahlenbedingte Krebsrisiken unter- und andere überschätzt.

PNAS

Studien über Studien. Die Lage ist nicht einfach, denn:

Die extrem geringen Wirkungen kleiner Strahlendosen sind schwer zu interpretieren, da sie einerseits von der natürlichen Strahlenexposition als auch von anderen krebserregenden Faktoren aus Ernährung und Luftverschmutzung schwer zu unterscheiden sind.

Hormesis, Wikipedia

Das ist relativ ernüchternd, schreckt aber die wahren Gläubigen nicht ab.

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