Strategie der Abschreckung?

Die neuen Zahlen zum "Hochschulstandort Deutschland" zeigen: Die Entwicklung der Studierendenzahlen bleibt hinter den Planzielen zurück

Zum ersten Mal seit 2003 haben sich wieder mehr Abiturienten zu einem Studium entschlossen. Das teilte das Statistische Bundesamt gestern in seinem Bericht über den "Hochschulstandort Deutschland" mit. 358 200 Einschreibungen gab es im Studienjahr 2007, 13 000 mehr als im Vorjahr. Nach diesen vorläufigen Ergebnissen erhöhte sich damit die Studienanfängerquote – der Anteil der Studierenden an der altersspezifischen Bevölkerung – von 35,7 auf 36,6 Prozent.

Positiv vermerkten die Statistiker auch, dass die Zahl der Langzeitstudierenden deutlich gesunken ist. Vor sechs Jahren waren es noch 10 Prozent, mittlerweile überschreiten nur noch 6 Prozent der Studierenden ihre Regelstudienzeit. Die Zahl der Ingenieure, Mathematiker und Naturwissenschaftler wird wegen des drohenden Mangels an Fachkräften besonders sorgenvoll beobachtet. 2006 schlossen 84 000 Studenten in diesen Bereichen ihr Studium ab. Damit kann sich die Bildungspolitik auch hier über einen leichten Anstieg bei den Ingenieurs- und einen deutlichen Anstieg bei den Naturwissenschaften freuen.

Der Jubel über diese Zahlen blieb dennoch verhalten. Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), wollte “eine Trendwende” erkennen. Vom Planziel ist man aber weit entfernt. Schließlich hat die Bundesregierung in der Koalitionsvereinbarung vom November 2005 das Ziel niedergelegt, eine Quote von 40 Prozent zu erreichen. Im Jahr 2003 war das mit damals 39 Prozent des Altersjahrgangs schon einmal fast erreicht worden. In den folgenden drei Jahren sank aber die Zahl der Immatrikulationen.

Außerdem ist die Zahl der Berechtigten, die in diesem Jahr das Abitur oder die FH–Reife erreichen, in den letzten Jahren stärker gestiegen als die derjenigen, die tatsächlich ein Studium beginnen. Das bedeutet, von denen, die vor den Alternativen Studium, Berufsausbildung oder Lohnarbeit stehen, entscheiden sich verhältnismäßig weniger für einen tertiären Bildungsgang.

Der Rückgang zwischen 2003 und 2006 lag “an einer gewissen Verunsicherung der Studierenden”, so Peter Weigl, der Vizepräsident des Statistischen Bundesamts. Die Einführung von Studiengebühren, stagnierende BAFÖG–Sätze, die Umstellung auf das Bachelor/Master–System und auch immer häufiger Zulassungsbeschränkungen vor Ort haben offenbar viele abgehalten. Eine Befragung der Hochschul–Informations System GmbH (HIS) ergab, dass im Wintersemester 2005/2006 67 Prozent der Studentinnen und Studenten ein lokales Zulassungsverfahren oder das ZVS–Verfahren durchlaufen haben. In dieser Studie hieß es auch, dass sich etwa ein Fünftel der Berechtigten aus finanziellen Gründen gegen ein Studium entscheide.

Dass immer mehr Universitäten von der Möglichkeit Gebrauch machen, eigene Zugangsbeschränkungen einzuführen, war ihre Reaktion auf den Abbau von Professuren, besonders in den 90er Jahren. Margaret Wintermantel verteidigte diese Strategie ausdrücklich: “Wir können nicht verantworten, die Leute hereinzulassen, wenn die Bedingungen für ein qualitativ gutes Studium nicht gegeben sind.”

Nun steigt die Zahl der Studenten also wieder, aber längst nicht in dem Maße, wie eigentlich erwartet wurde. “Aufgrund der demographischen Entwicklung und des Wegfalls des 13. Schuljahrs wird mittelfristig eine Zunahme der Studierendenzahlen erwartet”, heißt es in dem Bericht des Statistischen Bundesamtes. Eine Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK) vom letzten Jahr erwartete den Höhepunkt der Erstsemesterwelle für das Jahr 2011.

Mit dem so genannten “Hochschulpakt” vereinbarten deshalb Bund und Länder im November des vergangenen Jahres, 90 000 zusätzliche Studienplätzen bis 2010 zu schaffen. Bildungsministerin Annette Schavan sagte unverdrossen: “Der positive Trend ist insbesondere auch ein Erfolg des Hochschulpakts 2020.” Aber statt der erwarteten Flut könnte nur ein dünnes Rinnsal in die Hörsäle gespült werden, denn die Bundesländer haben ihre selbstgewählte Verpflichtung bisher keineswegs eingehalten. “Wir haben insgesamt den Eindruck, dass der Hochschulpakt positiv wirkt”, sagte zwar auch Margret Wintermantel, wies aber auch darauf hin, dass manche alte Bundesländer keine oder zu wenig neue Studienplätze geschaffen haben. Eigentlich sollten es in diesem Jahr 13 000 Plätze zusätzlich werden. Heraus kamen insgesamt magere 3 600.

Lange war in der Hochschulrektorenkonferenz die Einführung von Studiengebühren umstritten. Mittlerweile hört man allerdings nichts Kritisches mehr; schließlich können viele Hochschulen kaum noch auf diese Einnahmen verzichten. Die Hinweise auf eine abschreckende Wirkung der Gebühren wollte Wintermantel noch nicht kommentieren. “Das Bild ist uneinheitlich”, kommentierte Margret Wintermantel.

Auch Hans-Werner Hetmeier vom Statistischen Bundesamt wollte politischen Bewertungen lieber vermeiden: “Eine Korrelation ist kein Kausalzusammenhang.” Aber immerhin wies das Amt darauf hin, dass “bezüglich der Entwicklung der Anzahl der Studienanfänger und Studierenden im Vergleich zum Vorjahr, die neun Länder, die keine allgemeine Studiengebühren erheben, besser abschneiden als der Bundesdurchschnitt“. In Ländern mit Gebühren kam es dagegen nur zu einem unterdurchschnittlichen Zuwachs oder gar zu einem Rückgang. Nur der Stadtstaat Hamburg und Niedersachsen entsprachen nicht diesem Trend.

Das ist um so erstaunlicher, da die “Ware Hochschulbildung” eigentlich nicht zu den “preissensitiven” zählt. Wer in einem Studium die vielleicht einzige Chance für einen sozialen Aufstieg sieht (oder auch nur als Chance, seinen gesellschaftlichen Status zu behaupten), wird sich eher verschulden oder arbeiten, als zu verzichten. Das zeigen beispielsweise die Erfahrungen aus Großbritannien). Der “Hochschulstandort Deutschland” hat seine Probleme noch lange nicht gelöst. (Matthias Becker)

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