Strategische Kommunikation mit "geprüften wissenschaftlichen Methoden"

Ein privates britisches Unternehmen bietet Regierungen und Militärs effiziente PsyOp-Methoden an, Gegner, Öffentlichkeit und Bürger des eigenen Landes zu manipulieren

Was Werbung für die Unternehmen ist, heißt Propaganda bei staatlichen Instanzen. In beiden Fällen geht es um die Beeinflussung von Menschen Unterschiede bei dieser "Kommunikation" bestehen eher darin, wie umfassend eine Botschaft in die Köpfe der Menschen gehämmert werden soll oder wie trickreich sie verführt werden können, etwas zu übernehmen oder gar zu kaufen. Nicht ganz verschieden von Werbung/Propaganda sind so genannte psychologische Operationen, Informationsoperationen oder die strategische Kommunikation. Hier sollen Informationen normalerweise im Rahmen von Konflikten zu einer effizienten Waffe werden, um mit allen Mitteln, einschließlich Fälschung, Manipulation und Lahmlegung bzw. Zerstörung der Kommunikationskanäle, ein bestimmtes Ziel in der eigenen Bevölkerung, bei den Gegnern und/oder in der allgemeinen Öffentlichkeit zu erreichen. Wo rohe Gewalt und Zwang enden, müssen subtilere Informationswaffen und –methoden greifen, um die Menschen bei der Stange zu halten oder zu einem gewünschten Verhalten zu bringen. Das war schon immer wichtig, ist aber vielleicht heute in einer globalen Infosphäre, in der in Echtzeit über den Erdball Informationen zirkulieren, wichtiger denn je.

Werbe-, Medien- oder Kommunikations-Agenturen gibt es im Zeitalter der Wissens- oder Informationsgesellschaft wie Sand am Meer. Und Propaganda wird längst natürlich nicht mehr nur von autoritären Regimen, sondern weitaus differenzierter und listiger im Konkurrenzkampf der politischen Parteien in Demokratien gebraucht und reichlich eingesetzt. Spin-Doktoren oder Kommunikationsexperten sind in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, um das eigene Auftreten möglichst wirksam zu inszenieren, Fehler oder Schwächen zu verstecken oder den Gegner in ein schlechtes Licht zu rücken.

Doch Psy-Op oder strategische Kommunikation hat man bislang noch eher dem Militär oder den Geheimdiensten zugeordnet. Schließlich ist es für eine Regierung noch immer nicht opportun, die eigenen Bürger oder die Öffentlichkeit mit manipulierten Informationen täuschen zu wollen. Die Reaktion auf den Pentagon-Plan, eine Abteilung für strategische Kommunikation einzurichten, stieß daher auf große Empörung, was natürlich keineswegs heißen muss, dass man die Wahrheit sagt. Zwischen Lüge und Wahrheit liegen viele Nuancen, wer nicht ganz die Wahrheit sagt, ein wenig verdreht oder etwas verschweigt, lügt zwar vielleicht nicht wirklich, täuscht aber trotzdem mitunter ebenso wirksam.

Verwunderlich ist keineswegs, dass auch die Kampfmittel der strategischen Kommunikation, dass die Verwendung erprobter, wenn auch in ihrer Effizienz Waffen zur Manipulation der Massenmeinung- und -emotion mittlerweile vom Trend des Outsourcing und der Privatisierung erfasst wurden. Gerade in Zeiten eines ausgerufenen globalen Kriegs gegen den Terrorismus fallen mit der Omnipräsenz des Gegners und der Ubiquität der Bedrohungen die Schranken, so dass nun auch eher über das explizit gesprochen werden kann, was man bislang lieber verschwiegen praktiziert hat.

Auf der letzten Messe für Militärtechnologie in London, der Defense Systems & Equipment International 2005, trat erstmals eine Firma auf die Bühne, die strategische Kommunikation als Dienstleistung im Rahmen von Kriegen und von Konflikten aller Art sowie als Katastrophenbewältigung und Wählermanipulation anbot. In der Selbstdarstellung ist Strategic Communication Laboratories Ltd., geleitet vom ehemaligen britischen Verteidigungsminister Sir Geoffrey Pattie, allerdings stark den üblichen Werbestrategien verhaftet, obgleich man sich eben von allen anderen Werbeagenturen mit dem vorgeblichen Alleinstellungsversprechen absetzen will, dass man sich nicht wie diese auf irrationale "Kreativität", sondern auf "geprüfte wissenschaftliche Methoden" stütze.

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Government-private sector partnership. Finding new ways to harness strategic communication to the flexibility and creative imagination of the private sector will be central to successful strategic communication in the 21st century. The commercial sector has a dominant competitive edge in multi-media production, opinion and media surveys, information technologies, program evaluation, and measuring the influence of communications. Academic and research communities offer vast untapped resources for education, training, area and language expertise, planning and consultative services.

Schon der im letzten Jahr veröffentlichte Bericht des Defense Science Board über strategische Kommunikation empfiehlt die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft

Während Werbung sich nur darum bemühe, die Einstellung der Menschen zu ändern und deren Aufmerksamkeit auf ein Produkt zu erhöhen, sei die von SCL angebotene strategische Kommunikation sehr viel effizienter. Sie werde nicht daran gemessen, ob ein Branding besser als das andere ist, sondern strikt nach "Ergebnissen", wozu beispielsweise das Verhalten bei Wahlen oder das Sich-Ergeben von Truppen gehöre. Wichtig sei strategische Kommunikation vor allem "in der Politik, bei militärischen Operationen und humanitären Programmen, wo die Ergebnisse oft aus dem Unterschied zwischen Leben und Tod bestehen". Besonders bescheiden ist mal also nicht. Vielleicht hätten Blair und Bush SCL besser auch im Irak eingesetzt, wo die betriebene strategische Kommunikation ebenso wenig wie in den USA oder Großbritannien besonders erfolgreich war. Und wer eine wirkliche Verschwörung in die Tat umsetzen will und über das entsprechende Geld verfügt, sollte bei SCL wohl auch gut aufgehoben sein.

Für ein von SCL eingerichtetes Zentrum für strategische Kommunikation sind offenbar viele Bildschirm und Vernetzung wichtig. Bild: Phil Taylor, der Leiter des virtuellen Behavioural Dynamics Institute

Die Agentur sei 1993 gegründet worden, heißt es auf der Webseite, weil viele Kunden durch die Anwendung von Werbe- und Vermarktungsmethoden in nicht-kommerziellen Bereichen wie der "Beeinflussung von Wahlen (electioneering), der Auflösung von Kriegen und Konflikten, der Abwendung von Streiks, bei internationalen Krisen und der Kontrolle von Massen (riot controll)" frustriert worden seien. Man habe 20 fest angestellte Experten und könne schnell Psy-Op-Teams einsetzen, um beispielsweise Kommunikationszentren einzurichten. Ein solches hatte SCL auf der Messe vorgestellt und Simulationen möglicher Interventionen gezeigt. Angeblich habe man in den letzten 12 Jahren schon Projekte für Regierungen, Militärs und internationalen Organisationen durchgeführt. Näher ausgeführt wird leider nichts, erwähnt wird nur, dass man auch Wahlkampagnen, politisches Lobbying und demokratische Reformen betrieben habe. Da wäre man schon neugierig, wo das gewesen sein soll.

Die wissenschaftlichen Methoden, die man in Informationsoperationen und strategische Kommunikation umsetzt, sollen von einem Behavioural Dynamics Institute (BDi) stammen, dem angeblich weltweit einzigen Institut seiner Art, in dem man die führenden Experten finde. Das sei ein virtuelles Institut, geleitet von Phil Taylor, Professor für Internationale Kommunikation an der Leeds University. Experte ist er denn auch in "Information warfare, psychological operations, propaganda, International Relations, International Internet communications". Der ist Autor beispielsweise des Werks: "Munitions of the Mind: a history of propaganda from the ancient world to the present day".

Seltsamerweise hat nämlich, so liest man erstaunt, eine modische Welle die in den 60er und 70er Jahren erzielten Erkenntnisse der Verhaltensmanipulation verdrängt. Sollte man da an die vielen Experimente denken, die im Kalten Krieg zu dieser Zeit etwa von der CIA, inklusive der "leichten" Foltertechniken und der Erziehung von Folterern, denken?

Mit dem Computer hätte man sich jedenfalls mehr auf die Erforschung des Konsumenten ausgerichtet und eine "kreative Methodologie" entwickelt, während dabei die gezielte Beeinflussung (persuasion) wurde. So seien die einstigen Experten ausgeschlossen worden und hätten dann das erste wissenschaftliche Institut für Methoden der strategischen Kommunikation gegründet, die in Situationen des wirklichen Lebens angewandt, getestet und verbessert werden. Kaum jemand wird von diesem Institut gehört haben, aber die Devise von SCL, die sich auch "the Hearts and Minds Agency" nennt, ist denn auch strikte Geheimhaltung und Vertraulichkeit: "absolutely no information will be made available under any circumstances". Da tritt man mit seiner Website natürlich auch nicht mit einer .com-Adresse auf, sondern mit einer .cc-Adresse der Cocos Islands.

Man wundert sich freilich schon, warum die mit nebulösen, wenig effizienten und kreativen Methoden arbeitenden Werbeagenturen, nicht doch auf den Bestand der strategischen Kommunikation zurückgegriffen haben, um erfolgreich zu sein. Zwar habe man im geheimnisvollen Behavioural Dynamics Institute natürlich die Methoden verfeinert und weiter entwickelt, aber auch Werbeagenturen und Unternehmen sollten doch interessiert daran sein, nicht nur die Einstellung der Menschen zu einem Produkt zu verändern, sondern sie auch möglichst so zu beeinflussen, dass sie es auch kaufen.

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For example, commercial advertising might encourage an audience to hold very favourable attitudes about a Ferrari, but that does not necessarily lead to all those with a favourable attitude buying a Ferrari. (Similarly, despite being very impressed by an advert for nappies, a childless couple won't buy Pampers.) However, if - for instance - you require a significant number of the electorate to vote for you, it is far more important to get their vote than it is for them merely to hold a favourable attitude towards you.

SCL über strategische Kommunikation

Hätten doch nur Schröders und Merkels schon von diesen Möglichkeiten der Wählersteuerung gewusst, die im fernen Großbritannien unter den Fittichen eines einstigen Verteidigungsministers ausgebrütet und eingesetzt werden, so hätten sie das viele Geld für die Wahlwerbung doch besser in die strategische Kommunikation investiert – und gewonnen . Und wenn Bush und Blair über die Möglichkeiten Bescheid gewusst hätten, die ihnen die strategische Kommunikation nicht von Militärs und Geheimdiensten, sondern von einem Privatunternehmen bietet, so wären sie womöglich gar nicht in den Irak einmarschiert, sondern hätten den Sturz Husseins und die geplante arabische Musterdemokratie aus der Ferne mit einem Kommunikationszentrum bewirkt. Das hätte vielen Menschen das Leben gerettet. Bei SCL will man das jedenfalls Interessierten weismachen. Fragt sich nur, ob das kreative Werbungsmethode oder strategische Kommunikation ist?

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Ein Zentrum für strategische Kommunikation bringt Einfluss, Kontrolle und Macht wieder in die Hände der Regierung und des Militärs. Es ist ein entscheidender Bestandteil für den Heimatschutz, die Konfliktreduzierun, internationale "public diplomacy" und nicht-vermittelte Regierungskomunikation. Während der letzten 15 Jahre hat die militärische Verwendung von Psyop Tausende von Menschenleben auf beiden Seiten militärischer Konflikte gerettet. In Zukunft können Konflikte auch auf der globalen Medienbühne gelöst werden, so dass direkte Aktion zu einer unnötigen Taktik wird.

(Florian Rötzer)

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