"Strategische Partner"

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Peking stärkt die Verbindung mit seinen US-verbündeten Nachbarn Südkorea und Japan

Bei einem Besuch in Südkorea hat der chinesische Außenminister Wang Yi das Land als "strategischen Partner" Chinas für Frieden und Stabilität in Ostasien gelobt. Seine südkoreanische Amtskollegin Kang Kyung Wha meinte, Seoul werde nun mit Peking verstärkt "Möglichkeiten diskutieren, um die äußerst bewegliche Lage auf der koreanischen Halbinsel zu bewältigen und die Bedingungen für dauerhaften Frieden voranzutreiben".

Seoul ist für Peking ein interessanterer Handelspartner als Pjöngjang

Das Land, über das die beiden dabei sprechen, gäbe es ohne eine Anfang der 1950er Jahre durchgeführte Militäroffensive der Volksrepublik womöglich gar nicht: Nordkorea. Aber mit den Jahrzehnten entfremdete sich das Reich der Mitte (das die Halbinsel erstmals 194 vor Christus eroberte und nach einem verlorenen Krieg mit Japan 1895 vertraglich darauf verzichtete) zunehmend vom ehemaligen Schützling, der nichts von den marktwirtschaftlichen Öffnungen eines Deng Xiaoping wissen wollte und sich mit der Chuch'e-Selbständigkeitsdoktrin eine eigene Ideologie schneiderte.

Wirtschaftlich klappte dieser mit viel Ressourcenallokation in die Rüstung verbundene Chuch'e-Isolationismus eher weniger gut - vor allem, nachdem in den 1990er Jahren die RGW-Staaten wegfielen und westliche Sanktionen dazukamen. Währenddessen entwickelte sich das nach dem Koreakrieg mit ähnlichen (wenn nicht sogar schlechteren) Voraussetzungen gestartete Südkorea zum Land mit dem weltweit zwölftgrößten Bruttoinlandsprodukt, das mit Unternehmen wie Samsung, LG und Hyundai einer der wichtigsten Technologieexporteure ist. Das macht Seoul auch für Peking zu einem interessanteren Handelspartner als Pjöngjang.

Die Corona-Pandemie bekam Südkorea zwar nicht so vollständig wie China, aber doch deutlich besser als die Europäer und Amerikaner in den Griff - vor allem, was die wirtschaftlichen Folgen betrifft. Hier verzeichnete das Land im dritten Quartal 2020 schon wieder ein Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent. Der Export stieg sogar um 15,6 Prozent, woran auch die Nachfrage aus China nicht ganz unbeteiligt war. Mit Chips aus Südkorea fertigt man dort IT-Produkte, die wegen Home-Office-Auslagerungen weltweit stärker nachgefragt werden.

RCEP-Handelsabkommen

Vor Südkorea hatte Wang Yi am Dienstag und Mittwoch Japan besucht - einen Nachbarn, mit dem er die wirtschaftlichen Beziehungen ebenfalls ausbauen möchte. Das soll unter anderem im Rahmen des neuen asiatisch-pazifischen RCEP-Handelsabkommens geschehen, das Japan und China in einer Videokonferenzzeremonie am 15. November unterschrieben. Es ist der erste multilaterale Handelsvertrag, in dem sowohl das Reich der Mitte als auch das der aufgehenden Sonne Mitglied sind. Ein weiterer könnte bald folgen, weil der chinesische Staatspräsident Xi letzte Woche signalisierte, dass er auch einem Beitritt zum (nach dem US-Ausstieg in CPTPP umbenannten) TPP-Vertrag mit Japan, Australien, Brunei, Kanada, Chile, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Peru, Singapur und Vietnam nicht ganz abgeneigt wäre.

Ein Hindernis, das einer Annäherung zwischen Japan und China bislang im Weg stand, ist der Streit um die Senkaku- beziehungsweise Diaoyu-Inseln, die beide Länder als ihr Territorium ansehen. Damit dieser Streit nicht eskaliert, hat Wang Yi mit dem neuen japanischen Premierminister Yoshihide Suga die Einrichtung einer Hotline vereinbart, mit der militärische Zusammenstöße vermieden werden sollen.

Ein weiteres Hindernis ist womöglich sogar schwerer aus dem Weg zu räumen: Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Den hatte Japan Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre mit ausgelöst, weil es sich die Schwäche seines durch einen Bürgerkrieg mit zahlreichen Warlords geplagten Nachbarn zunutze machte, und sich in der rohstoffreichen und relativ dünn besiedelten Mandschurei eine De-facto-Kolonie einrichtete. Der Handelsboykott, den China darauf hin verhängte, schadete den japanischen Exporten so sehr, dass das Kaiserreich einen Anschlag auf japanische Mönche 1932 dazu nutzte, Schanghai zu erobern und auf diese Weise zu erzwingen, dass der chinesische Markt 1933 wieder geöffnet und die japanischen Handelsschiffe wieder entladen wurden.

Der Waffenstillstand in Schanghai hielt vier Jahre lang, dann begann der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg, in dem sich die Japaner den Ruf erwarben, keine chinesischen Gefangenen zu machen, weil dies ihre Beweglichkeit und die eigene Versorgung verschlechtert hätte. Zu einem Symbol dafür wurde die Stadt Nanking, an die Chinesen einer 2005 durchgeführten Studie nach zuerst dachten, wenn sie das Wort "Japan" hörten. (Peter Mühlbauer)