Streit um die Pisa-Studie

Die Zahlen sind eindeutig, doch ihre Interpretation steht jedem frei

Die Pisa-Studie 2006 wurde erst heute Vormittag vollständig veröffentlicht. Doch bereits in der letzten Woche sorgten die vermeintlichen Ergebnisse für jede Menge Gesprächsstoff, ausufernde Kontroversen und absurde Diskussionsbeiträge. Kultusminister jubelten, ein OECD-Koordinator sah sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert, und der hessische Ministerpräsident hatte wie so oft eine ganz besondere Erklärung parat.

Als die „Wetzlarer Neue Zeitung“ wissen wollte, warum Finnland beim internationalen Schulvergleich besser abgeschnitten habe als Deutschland, erklärte Roland Koch:

Wir können uns mit den nordischen Ländern schon deshalb nicht vergleichen, weil sie im Vergleich zu uns praktisch keine Migration haben.

Gut möglich also, dass diesmal die Pisa-Studie Schuld ist, wenn die Hessen wieder wissen wollen, wo sie eigentlich gegen Ausländer unterschreiben können.

Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Als in der vergangenen Woche die Ergebnisse der neuen IGLU-Studie präsentiert wurden, waren sich nahezu alle Beobachter einig, dass die deutschen Grundschüler erkennbar Boden gut gemacht hatten. Denn bei der „Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung“ platzierten sich die Viertklässler, anders als noch vor fünf Jahren, im obersten Viertel der insgesamt 45 Teilnehmerländer.

Derzeit gibt es kein Land der Europäischen Union, in dem die Leseleistungen noch „signifikant höher“ sind, und es war wohl vor allem diese gute Nachricht, die Bundesministerin Annette Schavan zu der mutigen Feststellung „Deutsche Grundschulen spielen in der internationalen Spitzenliga“ veranlasste.

Doch es gab noch mehr Positives zu berichten. Am 29. November vermeldete die durch den Vorabbericht einer spanischen Zeitung in Erklärungsnot geratene Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dass sich Deutschland bei der neuesten Pisa-Studie, an der rund 400.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 Jahren teilgenommen hatten, im Schwerpunktbereich Naturwissenschaften deutlich verbessern konnte. Mit Rang 13 bei 57 teilnehmenden Staaten durfte man nach den vorherigen Ergebnissen ebenso zufrieden sein wie mit dem erfreulichen Umstand, dass sich die deutschen Schüler erstmals „signifikant über dem OECD-Durchschnitt“ platzierten.

Der für Deutschland zuständige OECD-Bildungskoordinator mochte sich der allgemeinen Begeisterung allerdings nicht so recht anschließen. In einer ersten Stellungnahme erklärte Andreas Schleicher, die Tests seien wegen ihrer geänderten Aufgabenstruktur, die Stärken von deutschen Schülern begünstigt habe, nicht miteinander vergleichbar.

Diese an sich wenig aufregende Bemerkung reichte aus, um einen seit Jahren schwelenden Konflikt in Rücktrittsforderungen gipfeln zu lassen. Die unionsgeführten Bundesländer, die den erklärten Gegner des dreigliedrigen Schulsystems und scharfen Kritiker der sozialen Selektivität im deutschen Bildungswesen aus naheliegenden Gründen nicht zu den Ihren zählen, wollten sich die überraschenden Erfolge nicht mehr nehmen lassen. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann - „Unter diesen Umständen können wir mit Herrn Schleicher nicht weiter zusammenarbeiten“ - und Hessens Kultusministerin Karin Wolff als Sprecherin der CDU/CSU-geführten Länder – „Herr Schleicher muss von seinen Aufgaben bei der OECD entbunden werden“ – forderten explizit den Rücktritt respektive die Entlassung des Bildungskoordinators. Mit ihnen dachte auch Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau laut darüber nach, andernfalls die Zusammenarbeit mit der OECD zu beenden und aus den Pisa-Studien auszusteigen.

Ganz so weit ging der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, nicht, aber auch er wollte sich die gute Stimmung nicht verderben lassen, sondern stattdessen festgestellt wissen:

(..) dass die neuen Ergebnisse all jene Lügen strafen, die entweder das gegliederte Schulwesen für reformunfähig erklärten oder ein Versagen der weiterführenden Schularten behaupteten.

Kritik erntete Schleicher allerdings nicht nur von Bildungspolitikern und Schulpädagogen. Manfred Prenzel, seines Zeichens Leiter des deutschen Pisa-Konsortiums, erklärte auf die Frage nach den Unterschieden zwischen 2003 und 2006 entschieden:

Die Ergebnisse von PISA 2006 sind sehr wohl mit denen von 2003 vergleichbar, da die Rahmenkonzeption für PISA 2006 die vorausgegangenen Konzeptionen aufgegriffen und fortentwickelt hat. Hinzu gekommen sind lediglich Einstellungsfragen, beispielsweise zum Verantwortungsgefühl für die Umwelt, die aber gerade nicht Gegenstand der Tests zur Wissensüberprüfung waren, so dass sie auch keinerlei Einfluss auf die Vergleichbarkeit der Ergebnisse haben konnten.

Prenzel sah bei den deutschen Schülerinnen und Schülern folgerichtig „nachweisbare Verbesserungen“ – auch als kurze Zeit später die inzwischen verifizierte Vermutung laut wurde, dass sie in den Kategorien „Lesen“ und „Mathematik“ wohl nur Plätze im Mittelfeld belegen würden.

Tatsächlich erreichten die Schüler in Mathematik 504 Punkte und damit nur einen mehr als bei Pisa 2003, während die Spitzenreiter aus Finnland und Korea auf 548 beziehungsweise 547 Punkte kamen. (Chinesisch Taipeh mit 549 und Hongkong (China) mit 547 wurden separat ausgewiesen.) Der wichtige Test „Reading Literacy“ fiel noch bescheidener aus. Hier erreichten die Deutschen nach 484 Punkten bei Pisa 2000 und 491 bei Pisa 2003 nun 495 Punkte. Sie weisen gegenüber Korea (556) und Finnland (547) damit einen Rückstand von knapp zwei Lernjahren auf.

Dass die deutschen Pisa-Forscher die Leistungen der hiesigen Schülerinnen und Schüler günstiger beurteilen als ihre internationalen Kollegen, hat mittlerweile Tradition und sein ganz eigenes, wenn auch brüchiges wissenschaftliches Fundament. Denn die Ergebnisse hängen unter anderem vom verwendeten Messverfahren ab. So erfasst der HISEI-Index den sozioökonomischen Status der Herkunftsfamilie, während der von den internationalen Pisa-Forschern bevorzugte „Index of Economic, Social and Cultural Status“ (ESCS-Index) die kulturelle Ausgangssituation der Schüler – vom Zugang zu Büchern, Computern und Internet bis hin zum Taschengeld – sehr viel detaillierter abbildet.

Prenzel nutzt trotzdem auch den HISEI-Index, während andere Mitarbeiter des IPN-Leipniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften diesen gerade nicht für das aussagekräftigste Messverfahren halten.

Es zeigt sich, dass der ESCS in allen Bildungssystemen deutlich mehr Varianz in der mathematischen Kompetenz aufklärt als die Einzelprädiktoren HISEI, PARED oder HOMEPOS. Auch in einer anschließenden Analyse zu sozialen Disparitäten der Bildungsbeteiligung lieferte der ESCS differenziertere Befunde als der HISEI. Insgesamt wird der ESCS als valider und theoretisch umfassender Index der sozialen Herkunft eingeschätzt.

Timo Ehmke/Thilo Siegle

Bei der Vorstellung der Ergebnisse versuchte der Leiter des Berliner OECD-Büros, Heino von Meyer, heute den gegensätzlichen Positionen gerecht zu werden und die Unterschiede noch einmal im Detail herauszuarbeiten. Die Studie habe diesmal „eindeutig Stärken des deutschen Schulsystems aufgedeckt“, meinte von Meyer. Jedoch seien das Rahmenkonzept und der Fragenkatalog „stark erweitert und modernisiert“ worden.

Die besseren Ergebnisse im Bereich Naturwissenschaften sind allerdings vor allem dem neuen Erhebungskonzept geschuldet und stehen für keinen Leistungszuwachs gegenüber früheren Studien. Bei den 22 Fragen, die die Schülerinnen und Schüler sowohl bei PISA 2003 wie bei PISA 2006 beantworten mussten, zeigten sich keine besseren Ergebnisse. In Mathematik liegen die Leistungen von 2006 mit 504 Punkten um einen Punkt über den durchschnittlichen Ergebnissen von 2003. Diese Werte unterscheiden sich nicht bedeutsam.

OECD

Der Streit um die verschiedenen Messverfahren, Prüfungsaufgaben und sonstigen Parameter des internationalen Leistungsvergleichs ist mittlerweile offenbar selbst für die Auftraggeber in Bund und Ländern nicht mehr zu durchschauen. Der Präsident der Kultusministerkonferenz konnte ihn jedenfalls bislang nicht entwirren. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner setzt deshalb auf Vertrauen:

Die Kultusministerkonferenz vertraut darauf, dass PISA 2006 von der OECD in allen Teilbereichen methodisch einwandfrei konzipiert und durchgeführt wurde. Das deutsche Bildungssystem ist auf aussagekräftige Testverfahren angewiesen, die insbesondere eine Vergleichbarkeit von Ergebnissen im Zeitverlauf einschließen müssen. Bildungsreformen können nur dann erfolgreich sein, wenn sie auf einer verlässlichen Datengrundlage beruhen. Die korrekte Durchführung der Studie ist durch die OECD sicherzustellen.

Jürgen Zöllner

Auf ein Ergebnis können sich die Kontrahenten in jedem Fall verlassen, denn sowohl die IGLU- als auch die Pisa-Studie wartet mit einem Befund auf, der seit vielen Jahren das Kernproblem des deutschen Bildungssystems darstellt: Noch immer hängen in kaum einem anderen modernen Industriestaat der Bildungsweg und die Erwerbsbiographie so unmittelbar von den familiären Voraussetzungen und dem sozialen Umfeld ab.

IGLU erhellt diesen Kontext u.v.a. am unscheinbaren Beispiel der Gymnasialempfehlungen. Demnach sehen die Lehrerinnen und Lehrer Kinder von Akademikern bereits mit 537 Kompetenzpunkten für einen Besuch auf dem Gymnasium vor, während die Kinder von un- und angelernten Arbeitern im Durchschnitt 614 Punkte erreichen müssen, um ihrerseits für höhere Aufgaben empfohlen zu werden.

Diesen Zahlen entspricht die Selbsteinschätzung der betroffenen Eltern. Kinder aus gut situierten und bildungsnahen Familien werden von ihren Eltern bereits mit 498 Punkten für gymnasiumstauglich gehalten. Um ähnlich positive Zukunftshoffnungen zu wecken, müssen ihre Altersgenossen aus Arbeiterfamilien mit 606 Punkten aufwarten.

Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern erhalten von ihren Lehrern und Eltern erst bei deutlich höheren Leistungswerten eine Gymnasialpräferenz als Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern. Dieser Befund ist 2006 noch deutlicher als 2001 sichtbar. (…) Bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Leseleistung haben Kinder von Eltern aus der oberen Dienstklasse eine mehr als zweieinhalb Mal so große Chance, von ihren Lehrern eine Gymnasialpräferenz zu erhalten als Kinder von Facharbeitern und leitenden Angestellten.

IGLU 2006

Die neue Pisa-Studie unterstützt diese Erkenntnisse mit einer Vielzahl aktueller Daten. Die Zahl der Risikoschüler ist in Deutschland nach wie vor hoch und die Leistungsdifferenz zwischen schwächeren und stärkeren Schulen beziehungsweise Schülern weiterhin beträchtlich. Im Bereich der Migranten sprechen die OECD-Forscher von einer „doppelten Benachteiligung“, die in dieser Form in keinem anderen Land festgestellt werden kann.

Migrantenkinder kommen nicht nur häufiger aus einem Elternhaus mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status, der Leistungsabstand gegenüber einheimischen Schülern ist über die sozioökonomischen Effekte hinaus zudem deutlich höher als in anderen Ländern mit vergleichbarem Migrantenanteil. Bei Migranten zweiter Generation (im Land geboren, aber beide Elternteile im Ausland geboren), die ihre gesamte Schullaufbahn in Deutschland verbracht haben ist der Abstand zu einheimischen Schülern mit 93 Punkten so groß wie in keinem anderen OECD-Land.

OECD

Der nun mehrfach zum Rücktritt aufgeforderte OECD-Koordinator war nicht der einzige, der dieses Thema in den vergangenen Jahren auf die Tagesordnung gesetzt hat. Aber Schleicher gehört zu den wenigen Forschern, die den direkten Zusammenhang mit den Versäumnissen von Pädagogen und politischen Verantwortungsträgern immer wieder konkret benennen und mit praktischen Lösungsvorschlägen – Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems („Relikt aus dem 19. Jahrhundert“, O-Ton Schleicher), Erhöhung der Bildungsausgaben, transparente Qualitätssicherung – aufwarten, die vielerorts weder ins politische Konzept noch in die gesellschaftlichen Zielvorstellungen passen.

Dabei muss man Schleichers Ansichten gar nicht in jedem Punkt teilen, um immer wieder mit dem ewig gleichen Problem der mangelnden Chancengleichheit konfrontiert zu werden. So brach die OECD bei der Vorstellung der neuen Pisa-Studie durchaus keine Lanze für nicht gegliederte Schulsysteme, betonte aber einmal mehr das Problem der zu frühzeitigen Verteilung auf leistungsdifferenzierte Schulformen.

Insgesamt zeigt sich, dass Jugendliche in gegliederten Schulsystemen im Schnitt weder besser noch schlechter abschneiden als Jugendliche in Systemen mit nur einem Schultyp. Allerdings spielt das Elternhaus beim Schulerfolg eine größere Rolle, je früher die Kinder auf verschiedene Schultypen verteilt werden. Deutschland ist neben Österreich das einzige OECD-Land in dem Kinder schon mit 10 Jahren auf verschiedene Bildungswege verteilt werden.

OECD

Auf die grundlegende Herausforderung der verschärften Bildungsungerechtigkeit hat Deutschland bislang keine überzeugende Antwort gefunden. Und so konzentrieren sich Bildungspolitiker, Erziehungswissenschaftler und Lehrer vorerst weiter darauf, den Zeitpunkt eines kritischen Kommentars zu monieren, die Messverfahren in Frage zu stellen oder „Bedenken hinsichtlich der gewissenhaften Einhaltung der Pisa-Standards“ zu äußern, falls amerikanischen Schülern 50 Dollar für die Teilnahme gezahlt worden sein sollte.

Immerhin, so die durchgehend konjunktivische Argumentation, könnte dadurch eine „Verschiebung von der durchschnittlichen Leistung zur Bestleistung“ erfolgt und Deutschland erheblich ins Hintertreffen geraten sein.

Die Forderung der oben genannten CDU-Kultusminister, in absehbarer Zeit nicht mehr an den Pisa-Studien teilzunehmen und die Zusammenarbeit mit der OECD aufzukündigen, ist vor diesem Hintergrund durchaus ernst zu nehmen, auch wenn Marianne Demmer, die stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, es kaum glauben mochte:

Das ist provinziell. Deutschland darf sich international nicht erneut isolieren!

Aus Sicht der Pisa-Kritiker gibt es nicht nur wissenschaftliche Rückendeckung für die Zweifel am Gesamtverfahren, sondern auch tragfähige Alternativen. So präferiert Kultusminister Busemann etwa Studien wie den Bildungsmonitor der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", die ihm politisch sehr viel näher steht als der renitente OECD-Koordinator oder auch die Arbeiten des „Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“, dessen Leiter Olaf Köller scheinbar diplomatischer veranlagt ist.

Der Verdacht, dass man sich den internationalen Leistungsvergleichen nicht stellen will, weil es hierzulande an der Fähigkeit zur Selbstkritik und ehrlicher Reformbereitschaft fehlt, wird sich durch einen beleidigten Rückzug freilich kaum ausräumen lassen.

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