Streit um die Ursache für erhöhtes Krebsrisiko von Kindern in der Nähe von AKWs

Die Strahlenschutzkommission wies in einem Gutachten zur KiKK-Studie die Möglichkeit zurück, dass die von AKWs ausgehende Strahlung die Ursache sein könne, das Bundesamt für Strahlenschutz erklärt, man könne dies nicht grundsätzlich ausschließen

Die Strahlenschutzkommission (SSK) hat in einem Gutachten das in der epidemiologischen KiKK-Studie nachgewiesene erhöhte Krebsrisiko von Kindern in der Nähe von AKWs Link auf /tp/blogs/3/117157. Danach nimmt das Risiko von Kindern unter 5 Jahren zu, je näher sie an einem Atomkraftwerk leben. Bundesumweltminister Gabriel hatte die SSK aufgefordert, die KiKK-Studie zu bewerten und zu klären, welche Ursachen für das erhöhte Krebsrisiko in Frage kämen.

Allerdings wird die Methodik der Studie, die vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegeben wurde, kritisiert, da keine Aussagen zur Strahlenexposition und anderen Einflussfaktoren gemacht wurden, und gesagt, dass die Ursache für das erhöhte Risiko nicht klar sei. Ausgeschlossen wurde in dem Gutachten, dass die erhöhten Leukämie-Erkrankungen von der Strahlung verursacht werden könnte, die von den Atomkraftwerken ausgeht. Dazu sei sie viel zu gering, weil die natürliche Strahlung meist weitaus höher liege.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das vom Umweltministerium beauftragt wurde, die Bewertung der Studie durch die SSK, kommt in einer vorläufigen Stellungnahme zu dem Ergebnis, dass die zentrale Aussage der Abstandsabhängigkeit nicht in Zweifel gezogen werden könne und der Studie keine methodischen Mängel vorzuwerfen seien. Eine direkte Expositionsbestimmung sei praktisch nicht durchführbar gewesen, worauf sich Auftragnehmer und das zuständige Expertengremium bereits vor der Durchführung geeinigt hätten. Als Ersatz sei der Abstand als Kriterium genommen worden.

Man könne zwar, so das BfS keinen "kausalen Zusammenhang zwischen Erkrankungsrisiko und Strahlenexposition" aus der Studie ableiten, wohl aber "Hinweise auf mögliche Ursachen". Das BfS sieht sich allerdings durch das SSK-Gutachten bestätigt, dass die von Atomkraftwerken ausgehende Strahlung viel zu gering sei, um das erhöhlte Leukämierisiko zu erklären. Die zusätzliche Strahlenexposition müsste "um etwa den Faktor 1000 höher liegen", so das BfS, "um die Ergebnisse plausibel mit dem gegenwärtigen Stand des Wissens zur Strahlenbiologie und -epidemiologie erklären zu können". Gerügt wird die SSK jedoch, dass "mögliche Unsicherheiten" des "gegenwärtigen Wissens" nicht diskutiert würden. an könne die von Atomkraftwerken ausgehende Strahlung nicht grundsätzlich als eine von mehreren möglichen Ursachen ausschließen. Und dann in scharfem Ton:

Im Kontext der Ätiologie kindlicher Krebserkrankungen mit ihrer häufig multifaktoriellen Genese fällt es schwer nachzuvollziehen, auf welcher fachlichen Grundlage ein Umweltfaktor mit nachgewiesenen leukämogenem bzw. karzinogenem Potential wie Strahlung von der weiteren Diskussion "grundsätzlich" ausgeschlossen wird und stattdessen über unbekannte Umweltfaktoren spekuliert wird.

Kritiker der Atomkraft wie die Ärzteorganisation IPPNW sehen sich durch die Stellungnahme des BfS bestätigt. Die Organisation stellt die Seriosität des SSK-Gutachtens in Frage. Vorgeworfen wird etwa dem Vorsitzenden der Strahlenschutzkommission, Professor Dr. Rolf Michel, dass er behauptet habe, dass als Ursache Pestizide oder Infektionskrankheiten in Betracht kämen, "obwohl das Mainzer Kinderkrebsregister, das die Kinderkrebsstudie (KiKK-Studie) durchgeführt hat, mit einer zusätzlich durchgeführten Fall-Kontrollstudie Pestizide als Ursache verneint hat". Berücksichtigt worden sei "wider besseren Wissens" nicht, dass auch "niedrigste Strahlendosen zu Krebs führen können". Umweltminister Gabriel wird aufgeordert, das Vorsorgeprinzip anzuwenden und "im Zweifelsfall Grenzwerte drastisch abzusenken".

Der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Josel Fell vermutet bei der SSK eine Verharmlosungsstrategie und fordert "die Bundesregierung auf, endlich die bisher vernachlässigte Forschung von Wirkungszusammenhängen auf den Prüfstand zu stellen und jeglicher Verharmlosung der Atomtechnologie entgegen zu treten. Ein fürsorgender und zur Vorsorge verpflichteter Staat muss nun dringender denn je Forschungsvorhaben durchführen, die die Wirkung von andauernder atomarer Strahlung unterhalb der zulässigen Grenzwerte auf den menschlichen Organismus und insbesondere auf junges und ungeborenes Leben untersucht." (Florian Rötzer)