Streitfall Hauptschule

Einige Bundesländer haben sich bereits vom dreigliedrigen Schulsystem verabschiedet, andere glauben fest an seine Zukunft. Ist die Hauptschule ein Auslaufmodell oder doch besser als ihr Ruf?

In der aktuellen Diskussion um die Reformbedürftigkeit des deutschen Bildungssystems scheint die Hauptschule auf verlorenem Posten zu stehen. Ihre Absolventen haben kaum noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt, weil vielen die Mindestvoraussetzungen für den Einstieg in die Leistungsgesellschaft fehlen. Eklatante Defizite in den Bereichen Sprachvermögen und Schreibkultur, Mathematik und Naturwissenschaften, Geschichtsbewusstsein oder soziale Kompetenz prädestinieren eine beunruhigende Mehrheit der Hauptschülerinnen und Hauptschüler, zu Keimzellen bildungsferner Familien zu werden, aus denen sie selbst stammen. Überdies sind viele Hauptschulen mittlerweile zu Brennpunkten geworden, an denen sich sämtliche Nachteile eines dreigliedrigen, auf vermeintlich intellektueller, in jedem Fall aber sozialer Auslese basierenden Schulsystems unmittelbar auswirken; hier brodeln die Krisenherde, an denen gesellschaftliche Konflikte eskalieren, Pädagogen an die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit und Belastbarkeit geraten und junge Menschen achselzuckend in die Perspektivlosigkeit entlassen werden.

Das miserable Image, das in Begriffen wie „Auslaufmodell“ oder „Restschule“ seinen sinnfälligen Ausdruck findet, bleibt nicht ohne Folgen. Während vor einem halben Jahrhundert noch rund 80 Prozent aller Siebtklässler die Oberstufe der Volksschule, die später zur Hauptschule wurde, besuchten, sind es derzeit gerade noch 12 Prozent. Im März 2007 zählte das Statistische Bundesamt 953.000 Hauptschüler – ihre Zahl sank damit allein in den vergangenen sechs Jahren um 161.000 oder 14,4 Prozent.

In vielen Bundesländern gibt es mittlerweile alternative Schulformen, die Regelschule (Thüringen), Mittelschule (Sachsen), Sekundarschule (Bremen, Sachsen-Anhalt) oder Erweiterte Realschule (Saarland) heißen, den Schülern aber nach wie vor die Möglichkeit bieten, unterschiedliche Abschlüsse zu erwerben. Hamburg will in den Stadtteilschulen ab 2009 sämtliche Qualifikationen vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur anbieten. In Baden-Württemberg und Bayern liegt der Anteil der Hauptschüler mit 14 beziehungsweise 18 Prozent allerdings weit über dem Durchschnitt. Beide Länder arbeiten momentan an strukturellen und qualitativen Verbesserungen, setzen aber weiterhin auf den Fortbestand der Hauptschule und des dreigliedrigen Schulsystems insgesamt.

Das Deutsche Jugendinstitut beschäftigt sich seit geraumer Zeit intensiv mit der Situation der Hauptschüler in Deutschland. Vom Frühjahr 2004 bis zum Herbst 2009 werden insgesamt zehn Befragungseinheiten durchgeführt, deren Daten nach und nach in das DJI-Übergangspanel einfließen, um detaillierte Erkenntnisse über die Persönlichkeiten, Ausbildungswege und Berufsperspektiven der Jugendlichen zu gewinnen. In einem aktuellen Themenspecial resümiert das Jugendinstitut die bislang gesammelten Daten und widerspricht dabei einer Reihe gängiger Vorurteile.

Die prekäre Lage der Betroffenen, die übrigens auch im Nationalen Bildungsbericht 2006 anschaulich dokumentiert wurde, steht gleichwohl außer Frage. Knapp die Hälfte der im DJI-Übergangspanel erfassten Schülerinnen und Schüler muss eine oder gleich mehrere Klassen wiederholen, bei gut einem Viertel liegt der Notendurchschnitt in den Fächern Mathematik und Deutsch bei „ausreichend“ oder schlechter. Nur jede dritte Lehrstelle wird derzeit mit einem Hauptschüler besetzt, und über die Hälfte der Absolventen wartet nach dem Abschluss in unterschiedlich langen Warteschleifen auf den Einstieg in das Berufsleben. Auch die Durchlässigkeit des dreigliedrigen Schulsystems lässt nach wie vor zu wünschen übrig. Das gilt vor allem für die westlichen Bundesländer, in denen vier Abwärts- einem einzigen Aufwärtswechsel gegenüberstehen. Die ostdeutschen Länder, die nach der Wende übrigens fast durchgängig auf die Einführung einer Hauptschule verzichtet hatten, konnten dieses Verhältnis wenigstens ausgeglichen gestalten.

Den zahlreichen ernüchternden Fakten stellt das Jugendinstitut aber eine Reihe positiver Beobachtungen gegenüber. Hauptschulklassen zeichnen sich demnach durch eine Heterogenität aus, die vielfach unbeachtet bleibt und zu oft dem Klischee vom hoffnungslosen Fall geopfert wird. Neben „SchülerInnen an der Grenze zur Lernbehinderung“ lernen durchschnittlich begabte und leistungsfähige Jungen und Mädchen sowie Kinder und Jugendliche mit „zufriedenstellender sprachlicher Kompetenz“. Ebenso entscheidend wie das Leistungsvermögen ist freilich die Leistungsbereitschaft, mit deren Hilfe ungünstige Voraussetzungen im Idealfall nachträglich korrigiert werden könnten. Und auch hier ist das Institut optimistisch. Hauptschüler seien „in ihrer Motivation, in ihrem Engagement und ihren Kompetenzen“ deutlich vielfältiger veranlagt als der vielzitierte „Restschüler“ und hätten nicht selten ein grundsätzlich positives Verhältnis zur Schule und zum Lernen:

Weitere Bildung und Qualifizierung im Anschluss an die Hauptschule haben für sie höchste Priorität. Sie planen ihre berufliche Zukunft realistisch und flexibel unter Einbeziehung ihrer Chancen auf dem Ausbildungsmarkt. Bei entsprechender Unterstützung entwickeln sie realistische Berufspläne, informieren sich über Berufsfelder, sammeln Praxiserfahrungen und entwickeln Orientierungs- und Bewerbungsaktivitäten.

Deutsches Jugendinstitut

Donate Kluxen-Pyta von der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände sieht das grundsätzlich ähnlich und konstatiert überdies eine „hohe, ja fast vollständige Übereinstimmung“ der schulischen Lehrpläne mit den Inhalten, die aus Sicht der Wirtschaft notwenig vermittelt werden müssen, um junge Menschen optimal auf den beruflichen Alltag vorzubereiten. Vielfach mangelhaft oder schlicht nicht vorhanden sei allerdings die Fähigkeit, „den gelernten Stoff jenseits der üblichen Schulaufgaben in außerunterrichtlichen Situationen, in einer neuen Fragestellung und einem anderen Zusammenhang anzuwenden“. Die Schüler seien oft nicht in der Lage, anwendbares Wissen umzusetzen und gezielt Transfer- und Problemlösefähigkeiten zu entwickeln.

Kluxen-Pyta plädiert deshalb in erster Linie für eine qualitative Verbesserung des Unterrichts, die durch eine gezielte Fortbildung des Lehrkörpers erreicht und schließlich dazu führen soll, dass auch in den Hauptschulen das eigenverantwortliche Lernen „zum Dreh- und Angelpunkt“ wird. Darüber hinaus müsse die Berufsorientierung als entscheidender Vorteil und mögliches Alleinstellungsmerkmal der Hauptschulen durch frühe und vielfältige Berufserkundungen und Selbsteinschätzungen deutlich verstärkt werden. Aber auch den Staat sieht Donate Kluxen-Pyta in der Pflicht, wenn es um die angemessene finanzielle und personelle Ausstattung der Schulen, Fortbildungs- und Qualifizierungsangebote oder auch darum geht, bereits in Kindergärten und Grundschulen entscheidende Weichenstellungen vorzunehmen.

In vielen Bundesländern wird, wie oben beschrieben, bereits versucht, Kinder und Jugendliche in größere Einheiten zu integrieren und den Schulbesuch möglichst lange als gemeinsames Erlebnis zu gestalten, das dann allerdings in unterschiedliche Ausbildungswege und Abschlüsse mündet. Das Modell der Ganztagsschule konkretisiert dieses Vorhaben insofern, als hier die Möglichkeit besteht, über den Vormittagsunterricht hinaus Förderprogramme, berufsvorbereitende Maßnahmen oder Langzeitpraktika anzubieten, individuelle oder gruppenspezifische Defizite aufzuarbeiten und neben Leitgedanken wie Freundschaft, Toleranz oder Solidarität innerhalb der schulischen Praxis auch Interessengemeinschaften zu entwickeln.

Die Bundesregierung verbindet mit dem großangelegten, vier Milliarden Euro teuren Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung, das sich an alle Schulformen richtet, denn auch ehrgeizige Erwartungen. Neben der Verbesserung des Leistungsniveaus und der individuellen Förderung soll durch den flächendeckenden Ausbau der Ganztagsschulen eine bessere Integration von Kindern mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Schichten erreicht werden. Darüber hinaus zielt das Programm auf eine „attraktive thematische Ergänzung einer weitestgehend unterrichtszentrierten Halbtagsschule“ und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Baden-Württemberg will allein in diesem Jahr 44 Hauptschulen als Ganztagsschulen mit besonderer pädagogischer und sozialer Aufgabenstellung und 36 Hauptschulen als offene Ganztagsschulen einrichten. In Hessen, Rheinland-Pfalz oder Niedersachsen haben mittlerweile weit über 40 Prozent ein ganztägiges Angebot. Andere Länder weisen in diesem Bereich allerdings einen erheblichen Nachholbedarf auf. 2005 wurden nur 16,7 beziehungsweise 21,7 Prozent der Hauptschulen in Bayern und Bremen als Ganztagseinrichtungen geführt, in Berlin lag ihr Anteil bei 1,7 Prozent.

Dass groß angekündigte bildungspolitische Programme in der Praxis nicht zwingend zu einer Verbesserung der Situation führen müssen, beweist u.v.a. das Beispiel Baden-Württemberg. Hier wurde vor Jahresfrist versprochen, jede durch den Rückgang der Schülerzahlen frei werdende Lehrerstelle wieder zu besetzen und stattdessen fleißig gestrichen. Nach Berechnungen der örtlichen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sind durch Stellensperren und eine Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung für Referendare bereits 870 potenzielle Arbeitsplätze verschwunden. Schlimmer noch: Ende Juli werden in Baden-Württemberg schätzungsweise 5.200 fertig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer arbeitslos. Trotz offenkundig bedenklicher Unterrichtsversorgung bekommen lediglich 36 Prozent der Bewerber eine Stelle, an den Grund- und Hauptschulen werden sogar nur 13 Prozent der Lehramtsanwärter übernommen.

„Für Personen mit Lehramtsausbildung, die in keinem aktiven Beschäftigungsverhältnis stehen, Ausbilder in Betrieben, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen sowie Erzieherinnen und Erzieher“ ist dagegen Platz an den Schulen. Sie sollen als Pädagogische Assistenten in Hauptschulen eingesetzt werden und dabei helfen, die Deutsch- und Mathematikkenntnisse zu verbessern. Das eigenwillige Programm ist Ministerpräsident Günther Oettinger und Kultusminister Helmut Rau schlanke 26 Millionen Euro pro Jahr wert. Die fällige Gegendemonstration findet übrigens heute auf dem Stuttgarter Schlossplatz statt.

Wohin die Richtung gehen kann, zeigen die von der Hertie-Stiftung, der Bosch-Stiftung und der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) mit dem Hauptschulpreis ausgezeichneten Schulen. Sie setzen auf eine individualisierte Förderung ihrer SchülerInnen, sie holen das Arbeitsleben in die Schule und schicken ihre SchülerInnen hinaus ins Arbeitsleben. Sie engagieren sich im künstlerischen und kulturellen Bereich. Sie fördern ehrenamtliches Engagement und orientieren sich an Zielen wie Solidarität, Schutz der Umwelt und einem guten Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Sie holen das Leben in die Schule und schicken die Jugendlichen hinaus in das Leben mit seinen vielfältigen Lernpotenzialen.

Deutsches Jugendinstitut

Neben den Initiatoren des Hauptschulpreises bemühen sich auch viele andere Unternehmen und Institutionen um unmittelbare Hilfestellungen oder perspektivische Weiterentwicklungen und Strukturreformen im Bereich der Hauptschulen. Die Bandbreite dieser Aktivitäten reicht von der politischen Ebene über viele private und ehrenamtliche Projekte bis zu Preisverleihungen in Höhe von 30.000 Euro, welche die Alfred Toepfer Stiftung für Modelle und Konzepte der Werteerziehung im Unterricht ausschüttet.

Diese Initiativen sind zweifelsohne notwendig und vielfach auch sinnvoll, weil sie sich an der aktuellen Situation orientieren und nicht auf die vorerst noch diffusen Möglichkeiten einer Zukunftsdebatte zielen. Wer heute eine Hauptschule besucht, braucht die Perspektive jetzt oder in den nächsten Jahren. Trotzdem ist die Grundsatzdiskussion in vollem Gange. Kaum ein namhafter Wissenschaftler traut dem dreigliedrigen Schulsystem noch zu, den Herausforderungen einer Wissensgesellschaft langfristig gerecht werden zu können. Für die Hauptschule wird das aller Voraussicht nach mehr bedeuten als eine Neudeklarierung zur Mittel-, Sekundar- oder Stadtteilschule, weil sie zum beweiskräftigen Symbol für die Selektivität des deutschen Bildungssystems geworden ist.

Der Leiter der AG Bildungspolitik an der Universität Duisburg-Essen, Klaus Klemm, ist fest davon überzeugt, „dass die Entwicklung hin zu einem zweigliedrigen Schulsystem, das Gymnasien und Nicht-Gymnasien kennt, gehen wird“. Die Frage, welche Zukunft er für die Hauptschulen sieht, beantwortet Klemm ohne großen Aufwand: „Auf Dauer: keine!“

Die Problemkomplexe, welche die Hauptschule an den Rand der Abschaffung gebracht haben, werden sich mit der tatsächlichen Liquidierung allerdings nicht einfach in Luft auflösen. Der Versuch, - schon jetzt und nicht nur an den Hauptschulen - die Qualität des Unterrichts zu verbessern, die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler zu stärken, Staat und Wirtschaft an ihre Verpflichtung gegenüber den kommenden Generationen zu erinnern und die Eltern eng in den Bildungsweg ihrer Kinder mit einzubeziehen, dürfte sich also langfristig allemal auszahlen.

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