Streng gläubig und stramm rechts

Der "Wahrheits-Truck" - bei der plakativen Selbstdarstellung der religiösen Rechten sind die USA wegweisend. Bild: Ibagli / gemeinfrei

Nicht nur in den USA, auch in Deutschland ist die christliche Rechte auf dem Vormarsch

Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Sommer 2017 ankündigte, ab 2019 die Evolutionstheorie aus den Schulplänen streichen zu wollen, haben wir alle ganz tief eingeatmet. Doch Erdoğan ist mit seiner Ansicht nicht allein, denn laut einer Umfrage lehnen 70% der Befragten in der muslimisch geprägten Türkei die Evolutionstheorie nach Charles Darwin ab.

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Doch wir müssen gar nicht in die Türkei schauen, denn auch hierzulande gibt es Menschen, die wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnen oder so zurechtbiegen, dass die Erde wieder zur Scheibe wird: Sie halten fest an der biblischen Darstellung, nach der Gott die Erde in sieben Tagen schuf - und zwar vor 6.000 Jahren.

"Kreationismus" nennt sich diese Glaubensrichtung und ist eine Spielart des christlichen Fundamentalismus. Die modifizierte Form ist, dass die Erde älter ist, aber Gott vor 6.000 Jahren die Menschen schuf.

Die wurden bislang allenfalls als Spinner abgetan, der christliche Fundamentalismus insgesamt nicht weiter ernst genommen. Doch spätestens seit dem "Marsch der Frauen" im Januar 2018 in Berlin ist klar: Völkisches Denken paart sich mit christlichem Fundamentalismus, Rechte bieten z. B. Lebensschützerinnen eine Bühne, und der christliche Fundamentalismus bekommt plötzlich eine ganz neue gesellschaftliche Dimension. Dieser Eindruck täuscht, denn Kreationisten z.B. unterhalten schon lange Schulen in Deutschland, das Problem ist also nicht neu.

Christlicher Fundamentalismus spiegelt sich z. B. im AfD-Programm wieder, u.a. im Hinblick auf die Ablehnung der Ehe für Alle, die Haltung zur Homosexualität insgesamt oder auch die Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen. Letztere ist allerdings nicht nur der AfD vorbehalten, sondern mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist sie Regierungsprogramm.

Mit dem Christentum ist es nicht anders wie mit dem Verhältnis zwischen Islam und Islamismus: Ohne den Katholizismus hätte es weder Inquisition noch Hexenverbrennung gegeben und es gibt keinen Katholizismus ohne Inquisition und Hexenverbrennung. Es gibt höchstens Theologen und Gläubige, die sich von beidem distanzieren. Zeit also, sich mal mit den christlichen Kirchen zu beschäftigen, denn die haben auch in "Friedenszeiten" starke Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Sehr viel stärker, als wir gemeinhin glauben.

Und der erstarkende christliche Fundamentalismus, dem die AfD auch eine parlamentarische Bühne bietet, ist eine ernsthafte Bedrohung für die Demokratie und erkämpfte Rechte, nicht nur im Hinblick auf die Möglichkeit des straffreien Schwangerschaftsabbruchs.

Der Publizist Lucius Teidelbaum hat sich in dem Band "Die christliche Rechte in Deutschland - Strukturen, Feindbilder, Allianzen", erschienen im Unrast Verlag, ihrer angenommen und liefert darin einen kurzen, griffigen und gut verständlichen Überblick über die verschiedenen Denkrichtungen, Strömungen, Organisationen sowie deren Akteure und Protagonistinnen. Auf knapp 100 Seiten ist das Thema natürlich nicht erschöpfend behandelt. Aber das Büchlein bietet eine fundierte Grundlage, sich intensiver mit diesem oder jenem Spektrum zu befassen. Und Teidelbaums differenzierte Darstellung spornt dazu an.

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"Während in der Öffentlichkeit ständig die Rede vom Djihadismus, Islamismus oder gar von 'dem Islam' ist, fliegt der christliche Fundamentalismus in Deutschland immer noch weitgehend unterhalb des Radars der öffentlichen Aufmerksamkeit. Manche Kommentator*innen fühlen sich zwar genötigt, bei der Erwähnung des politischen Islam oder Islamismus noch hinzuzufügen, dass es entsprechendes auch unter ChristInnen gibt, doch eine inhaltliche Kritik folgt darauf kaum", führt Teidelbaum in seinem Band aus, der "die Lücke schließen" soll, dass eine "leicht verständliche und aktuelle Einführung für Nichtkundige in dieses Thema offenbar ganz fehlt". Diesem Anspruch ist er gerecht geworden.

Was den in diesem Satz enthaltenen Vorwurf angeht: Es steht dem Autor ja frei, seinerseits ein Grundlagenwerk zum fundamentalen Christentum zu verfassen. Allerdings hat er nicht ganz Unrecht, für meinen Geschmack wäre es wünschenswert, gäbe es nur annähernd so viele Christinnen und Christen, die sich kritisch mit dem Gebaren der großen Kirchen und auch dem christlichen Fundamentalismus auseinandersetzen - und zwar ganz ausdrücklich aus der Position der/des Gläubigen oder zumindest christliche Geprägten heraus, wie es muslimische oder muslimisch geprägte Islamkritikerinnen und Islamkritiker gibt.

Zu den von Teidelbaum Gescholtenen zähle auch ich mich. Wobei ich den Vorwurf gleich wieder von mir weisen möchte, denn mein Beweggrund für meine Kritik am Islam, ja, am "Islam", ist nicht dessen Ablehnung, weil er so exotisch ist, sondern feministisch motivierte Religionskritik, die mich mein ganzes Erwachsenenleben lang begleitet.

So exotisch ist der Islam nämlich gar nicht und er ist dem Christentum ähnlicher, als uns bewusst ist. Was nahe liegt, denn das alte Testament ist der Ursprung der abrahamitischen Religionen. In meinem voraussichtlich im Frühsommer erscheinenden Buch Das Scharia Kartell - fundamental islamische Netzwerke in Deutschland setze ich deshalb den Islam zum Christentum ins Verhältnis.

Und, zur Beruhigung des Kollegen Teidelbaum, der erste Satz dieses Buches lautet:

Eins vorweg: Ein Buch, das sich kritisch mit dem nicht nur in den USA erstarkenden christlichen Fundamentalismus und den Auswirkungen der Politik des Vatikans sowie dem Einfluss der Kirchen in Deutschland kritisch auseinandersetzt, könnte - und müsste sogar dringend - ebenfalls geschrieben werden.

Das Scharia Kartell

Grundsätzlich lässt sich sagen, Macht und der Einfluss, die den christlichen Gemeinschaften zugestanden werden, basieren auf der irrigen Annahme, Religionen, bzw. Kirchen trügen zur Stabilität einer Gesellschaft und zum (inneren) Frieden bei. Kirchen verstärken diesen Einfluss, indem sie caritative Aufgaben übernehmen, etwa Armenspeisung, Altenpflege, Kinderbetreuung, etc.. All diese Aktivitäten sind aber zu einem großen Teil staatlich finanziert.

In Wahrheit entzweit nichts so sehr die Menschen wie Religionen. Weil jede Religion, zumindest die abrahamitischen, ihren einzig wirklich wahren Gott hat und für dessen Vorherrschaft kämpft. Die Geschichte der Religionen ist die Geschichte von Unterdrückung, Verfolgung, Vertreibung, Folter, Mord und Krieg, eine Geschichte von Gewalt gegen Frauen, Unterdrückung und Verfolgung Homosexueller sowie anders oder gar nicht Gläubiger.

Religionen basieren auf oben und unten, auf Befehl und Gehorsam, sie funktionieren durch den Willen zu manipulieren und setzen auf die Bereitschaft, manipuliert zu werden.

Religionen konservieren ein vormodernes, frauenfeindliches Weltbild, das Mose ihnen mit dem "Sündenfall" in der Genesis ins Stammbuch geschrieben hat. Der Sage nach, die Generation für Generation tradiert wird, schuf der liebe Gott die Erde in 7 Tagen. Er legte einen Obstgarten an und aus dem Lehm des Ackerbodens schuf er den ersten Menschen: Adam. Der Name stammt aus dem Hebräischen und bedeutet "Mensch" oder "der von der Erde Genommene".

Diesem wurde erlaubt von allen Bäumen zu essen, bloß nicht von einem: dem Baum der Erkenntnis. Wenn er gegen dieses Verbot verstieße, müsse er sterben. Es gefiel dem lieben Gott, aus Adams Rippe einen zweiten Menschen zu schaffen: Eva. Auch das ist ein hebräischer Name und bedeutet "Leben" und Eva wurde die Mutter aller Lebendigen.

Für sie galten dieselben Regeln. Allerdings hielt sie sich nicht daran. Sie ließ sich von einer Schlange überreden, von den verbotenen Früchten zu kosten. Nicht nur das, sie verführte auch Adam zu diesem "Sündenfall" und brachte somit Vertreibung, Tod und Verderbnis in die Welt.

Diese totale Umkehr der biologischen Tatsachen, nämlich dass Frauen Leben spenden und nicht Tod und Verderben bringen, ist in den abrahamitischen Religionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam somit festgeschrieben.

Dass Frauen irgendwie doch was mit Leben spenden zu tun haben, schlägt sich allerdings auch bei Mose nieder und drückt sich ja auch schon in dem Namen "Eva" aus: Als Strafe für ihre Verfehlung bekam Eva von Gott bei jeder Schwangerschaft Schmerzen auferlegt. Schlussendlich folgte die Vertreibung aus dem Paradies; Eva, Adam und ihre Nachkommenschaft alterten und starben schließlich.

Laut der christlichen Geschichtsschreibung beschuldigten die beiden eine Schlange, sie verführt zu haben, woraufhin Gott das Tier verfluchte, das nun fürderhin durch den Staub kriechen muss. Laut Koran verführte der Satan die beiden zum "Sündenfall".

Religionen konservieren ein vormodernes Weltbild, in dem das Frauenbild von solchen hanebüchenen Horrorstories geprägt ist, den Erkenntnissen der Wissenschaft zum Trotz, die Errungenschaften derselben, z. B. in Form von technischen Errungenschaften, oft und gern nutzend - z. B. um das vormoderne Weltbild zu verbreiten. Das gilt für alle abrahamitischen Religionen, und je strenger der Glaube gelebt wird, desto mehr werden die Rechte von Frauen, aber auch Homosexuellen und auch anders oder nicht Gläubigen eingeschränkt.

Das unterscheidet den Islam nicht vom Juden- oder Christentum. Darüber hinaus deutet schon die Vorstellung, dass der Erzengel Gabriel Mohammed Gottes, bzw. Allahs Wort, offenbart haben soll, was dann im Koran niedergeschrieben wurde, darauf hin, dass die Entstehung des Islams nicht völlig losgelöst vom Juden- und auch vom Christentum stattfand. So übernahm Mohammed z. B. Rituale, wie kein Schweinefleisch zu essen, oder die Frau während der Periode zu meiden, aus dem Judentum.

Und genauso so wie es schrift- oder buchstabengläubige Musliminnen und Muslime gibt, gibt es schrift- oder buchstabengläubige Christinnen und Christen. Beide streben eine Gesellschaft von vor 1.400, bzw. 2000 Jahren an, von der sie glauben, dass ein entsprechendes, an die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse angepasstes Leben Allah, bzw. Gott gefallen würde.

Dass diese Vorstellungen mit unseren modernen Gesellschaften kollidieren müssen, liegt auf der Hand. Das führt zu Reibungen. Richtig problematisch wird es, wenn die gottgefällige Lebensart als allgemeingültig betrachtet und der Restgesellschaft aufgezwungen werden soll.

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