Stress durch Langsamkeit

Eine Studie will unter anderem durch EEGs belegen, dass schlechte Programmierung und überflüssiger Schnickschnack Nutzer vergraulen

Obwohl Hardware immer schneller wird, werden Anwendungen häufig langsamer. Auch das Web ist durch den exzessiven und oft unnötigen Einsatz von Scripting heute trotz höherer Bandbreiten und schnellerer Prozessoren teilweise träger als früher. Nun will eine im Auftrag des Softwareherstellers CA durchgeführte Studie des Usability-Beraters Foviance das belegen, was sich manch geplagter Nutzer wahrscheinlich schon öfter gedacht hat: Dass langsame Webanwendungen nicht nur lästig sind, sondern auch Stress auslösen.

Um den vermuteten Stress exakt zu messen, führte Foviance an der Glasgow Caledonian University Experimente mit acht Frauen und fünf Männern durch. Die 13 Probanden im Alter zwischen 22 und 42 Jahren stammten nicht nur aus Großbritannien, sondern auch aus Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien. Ihre Testaufgaben bestanden unter anderem darin, über das Web eine Reiseversicherung abzuschließen und einen Laptop für einen bestimmten Preis bei einem bekannten Online-Versender zu kaufen.

Bild: CA

Um eine langsam reagierende Webanwendung zu simulieren, verringerte Foviance die Geschwindigkeit bei einem Teil der Tests. Dabei wurden die sichtbaren Körperreaktionen der Probanden durch in den Bildschirmen eingebaute Kameras gefilmt. Zusätzlich zeichnete man Augenbewegungen, Gesichtsmuskelanspannung und die elektronische Aktivität im Gehirn auf. Zur Aufzeichnung der Hirnwellen mussten die Teilnehmer eine EEG-Mütze mit 32 Sensoren überziehen; für das EOG, mit dem man Augenbewegungen und Gesichtsmuskelanspannung maß, wurden jeweils zusätzliche sechs angebracht. Nach Durchführung der Tests befragte man die Probanden außerdem dazu, inwieweit sie Schwierigkeiten hatten, die Aufgaben zu bewältigen.

Die mit EEG und EOG ermittelten Daten wertete Foviance anschließend anhand dessen aus, was sich während ihrer Messung an Maus und Tastatur sowie auf dem Bildschirm abgespielt hatte. Die Videoaufzeichnungen wurden von Verhaltenspsychologen unter Zuhilfenahme der Quasi-Standardsoftware Morae auf Zeichen von Wut und Stress hin untersucht. Dabei zeigte sowohl die Auswertung der EOGs als auch die der Videoaufnahmen deutlich mehr Anzeichen für beides, wenn die Anwendungen künstlich verlangsamt wurden.

Bei den EEG-Daten lieferte der jeweils gemessene Anteil an Alphawellen einen indirekten Indikator für Stresssituationen. Als Alphawellen bezeichnet man Wellen zwischen 8 und 13 Hertz. Sie werden mit einem entspannten Zustand in Verbindung gebracht. Ein geringer Anteil von Alphawellen gilt jedoch nicht nur als ein Signal für Stress, sondern auch für Konzentration. Vor und nach der Aufgabe wurden erwartungsgemäß jeweils sehr viel höhere Alphawellen-Werte gemessen als direkt während ihrer Durchführung. Doch auch bei den Such- und Kaufvorgängen zeigten sich Aufkommensunterschiede: Wenn die Anwendung verlangsamt auf Eingaben reagierte, und dadurch Wartezeiten erzwang, dann stieg der Alphawellenanteil nicht etwa an, sondern sank um bis zu 50 Prozent. Das Gehirn nutzt solche erzwungenen Wartezeiten also nicht für Ruhepausen, sondern empfindet sie eher als Belastung.

CA gab die Untersuchung nicht interessefrei in Auftrag, sondern will damit erreichen, dass Geschäftskunden verstärkt Application Performance Management Lösungen kaufen. Dafür verweist die Firma auch auf eine Studie aus dem letzten Jahr, der zufolge mehr als drei Viertel der Anwender nicht dem eigenen Rechner oder dem Provider, sondern dem Betreiber der Website die Schuld geben, wenn eine Online-Applikation Probleme macht. Weil sich die wenigsten von ihnen beschweren und die meisten stattdessen einfach zur Konkurrenz wechseln, erfahren Online-Anbieter, die Applikationen nur auf Serverlevel testen, nichts von den Gründen für das Fernbleiben potenzieller Kunden.

Allerdings betrifft das von CA als "Webstress" bezeichnete Problem nicht nur das Online-Shopping, das im nächsten Jahr auf einen Rekordumsatz von 323 Milliarden Euro steigen soll, sondern auch beruflich genutzte Anwendungen, von denen sich Angestellte (anders als Verbraucher) nicht einfach verabschieden können. Ganz besonders dann nicht, wenn Unternehmensführungen gerade von Cloud Computing schwärmen und die Möglichkeiten, Aufgaben auch offline zu erledigen, entsprechend verringern. Durch das gleichzeitige Wirken von Produktivitätsvorgaben könnte hier sogar noch weitaus mehr Stress entstehen als bei Verbrauchern. Stress, der möglicherweise sogar gesundheitsschädliche Ausmaße erreichen kann.

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