"Struktur jenseits des demokratischen Systems"

Der NSU war kein Teil einer Geheimarmee

Gibt es Begebenheiten in der deutschen Geschichte, wo diese Geheimarmeen tätig geworden sein könnten?
Jürgen Roth: Fest steht, dass es in der Vergangenheit, insbesondere in den fünfziger Jahren, auch eine Geheimarmee in Deutschland gab: Ich beschreibe ausführlich die Aktivitäten des Bund Deutscher Jugend (BDJ) und dessen sogenannten Technischen Dienstes. Letzterer war ein paramilitärischer und rechtsterroristischer Kampfverband, der vom CIA finanziert und mitgesteuert wurde. Das zumindest geht aus inzwischen freigegebenen Dokumenten der CIA hervor.
Insgesamt rekrutierte der US-Geheimdienst mindestens 1000 ehemalige Nazi-Offiziere, Angehörige der Gestapo und SS für Aktionen gegen die Sowjetunion, also Personen, die bereits während der Naziherrschaft ihr Mordhandwerk ausgeübt hatten. Der Technische Dienst des BJD, der übrigens von der damaligen Adenauer-Regierung gestützt wurde, war militärisch organisiert, bestand aus Nationalkonservativen und Neonazis und führte sogenannte Todeslisten für Kommunisten und Sozialdemokraten. Keiner der Verantwortlichen wurde jemals zur Verantwortung gezogen.
Es gab ebenfalls in den fünfziger Jahren eine geheime Armee, die süddeutschen Veteranenverbände, ebenfalls vom CIA organisiert und finanziert. Dahinter verbargen sich, unter anderem, die im Jahr 1950 gegründeten geheimbündlerischen Kreise einer sogenannten "Bruderschaft". Ihre Führungsgruppe, der "Bruderrat", bestand fast ausschließlich aus ehemaligen hohen Wehrmachtsangehörigen, die eine braune Vergangenheit hatten. Bis ins Jahr 2014 wusste die Bundesregierung offiziell nichts von dieser geheimen Armee. Ab Mitte der fünfziger Jahre wurden die Protagonisten dieser geheimen Organisationen wichtiger Teil der Bundeswehr, des Bundesnachrichtendienstes wie des Bundeskriminalamtes.
Es fand der Prozess statt den wir von der Mafia kennen: der Prozess der Legalisierung krimineller Aktivitäten. Bei der Mafia bedeutet es wirtschaftliche Macht, bei den Protagonisten des Staates ideologische Führung.

Oktoberfestattentat

Könnten Sie sich vorstellen, dass diese Gladio-Strukturen beim Oktoberfestattentat involviert waren?
Jürgen Roth: Ja, vorstellen kann ich es mir natürlich. Aber mir fehlen einfach die Beweise dafür. Es gibt zwar einige Indizien, zum Beispiel die Waffenfunde bei Heinz Lemke, der auch im Zusammenhang mit dem Attentat genannt wurde. Aber: Ende Oktober 1981 wurden in der Lüneburger Heide mehr als dreißig unterirdische Waffenverstecke gefunden, unter anderem chemische Kampfmittel und Panzerfäuste. Danach wurde eine Nachrichtensperre verhängt. Lembke selbst wollte nach seiner Verhaftung über personelle Verbindungen aussagen, wurde jedoch am Tag zuvor erhängt in seiner Zelle aufgefunden - Selbstmord.
Das Verfahren gegen ihn wurde später eingestellt, denn, so die Bundesanwaltschaft, seine Aktivitäten seien nicht gegen die bestehende Ordnung der Bundesrepublik gerichtet gewesen. Er habe vielmehr für den Fall einer kommunistischen Machtergreifung Waffendepots angelegt, um dann Gruppen für Werwolf-Aktionen gründen zu können. Also Gladio-Struktur ja, aber kein beweisbarer Beleg für Verbindungen zum Oktoberfest-Attentat.
War der NSU Teil einer Geheimarmee?
Jürgen Roth: Nein.
Es ist also für Sie nicht denkbar, das Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt Teil einer rechtsradikalen Struktur war, die vom Verfassungsschutz nach der Wende nach dem Gladio-Prinzip systematisch aufgebaut und geschützt wurde?
Jürgen Roth: Nein, das glaube ich nicht.