Stuck und Altbau statt Sichtbeton und Investorenarchitektur!

Zeitgenössische 08/15-Architektur ohne Verzierungen. Bild: Christopher Stark

Gegen die rein ökonomisch motivierten Hervorbringungen moderner Architektur

Ärzte können ihre Fehler begraben, aber ein Architekt kann seinen Kunden nur raten, Efeu zu pflanzen.

George Sand

Da wir mit dem Efeupflanzen nicht hinterherkommen würden, aber etwas getan werden muss, wurde die Internetseite Investorenarchitektur.de ins Leben gerufen.

Anzeige

Wer derzeit mit offenen Augen und Bewusstsein durch deutsche Großstädte wie Hamburg, Berlin oder München läuft, dem fällt vielleicht auf, dass alle Baulücken systematisch mit Neubauten geschlossen werden. Der Grund für diese rege Bautätigkeit liegt nicht darin, dass ausreichend bezahlbarer und angenehmer Wohnraum für die Bevölkerungsmehrheit errichtet wird, sondern es geht in den meisten Fällen darum, dass national und global ansässige Investoren (überwiegend große Immobilienfonds und institutionelle Anleger) händeringend nach Investitionsmöglichkeiten suchen und in Sachanlagen fündig werden.

Geldanlagen in Immobilien sind beliebt, da sie als solide und langfristig lukrativ gelten. Insbesondere, wenn man mit weiter steigenden Quadratmeterpreisen in den Städten spekulieren kann.

Hin und wieder stolpert man in Feuilletons über den Begriff der Investorenarchitektur, der jene architektonischen Erzeugnisse treffend beschreibt. Neben der Spekulation auf steigende Mietpreise ist auch ein zweiter Aspekt dieser Architektur für unsere Gesellschaft insgesamt besonders negativ: die Antiästhetik der Gebäude. Man nehme ein bisschen neoliberalen Zeitgeist, viel Stahl oder Aluminium, viel Beton, viel Glas und dann wird ein Klotz nach dem anderen in wenigen Wochen hochgezogen - meist in Würfelform, manchmal mit ein paar zusätzlichen Würfeln oder Kanten "geschmückt". Wie es aussieht, ob es gemütlich oder energetisch sinnvoll ist1 - egal, die Investoren wohnen ja woanders. Und wahrscheinlich haben sie ohnehin keinen Sinn für Schönheit, solange die Rendite stimmt.

Architektur - insbesondere in Städten - ist nicht nur das "Privatvergnügen" von Investoren, Bauingenieuren und Architekten, da sie von vielen anderen Menschen täglich betrachtet und genutzt wird. "Eigentum verpflichtet" - und zwar nicht gegenüber dem Investor oder dem Aktionär, sondern gegenüber der gesamten Gesellschaft und allen Bewohnern. Gebäude werden schließlich für große Zeiträume - meist einige Jahrzehnte bis einige Jahrhunderte konzipiert und gebaut. Es müssen also mit diesen Gebäuden nicht nur die Menschen im Hier und Jetzt leben, sondern auch Generationen von Menschen in der Zukunft.

Anstatt jedoch demokratisch entscheiden zu lassen, welche Gebäude mit welchen Materialien, in welchen Preisklassen und in welchem Stil errichtet werden, entscheiden Architekten, Bauunternehmen und politische Entscheider in fast allen Fällen selbstherrlich über die Köpfe der Bevölkerung hinweg, was Gebaut wird - in der Regel nach rein ökonomischen Gesichtspunkten. Nur in sehr wenigen Ausnahmen wird demokratisch über Geschmacksfragen entschieden. Architekturwettbewerbe werden hin und wieder veranstaltet und manchmal zählt neben dem Gesamtpreis am Ende noch der bekannte Name des Architekten, der den Zuschlag für das Projekt erhält.

Meist sind die Entwürfe entweder langweilige Kästen oder stark vom Zeitgeist abhängige, modernistische "Kopfgeburten", die mit den ästhetischen Vorstellungen der Bevölkerungsmehrheit wenig zu tun haben. Kein Wunder, wenn die Jurys der Wettbewerbe aus Personen desselben fortschrittsgläubigen Architekturmilieus und politischen Eliten bestehen. Die Neubauten stellen - gerade wenn der Name des Architekten bekannt ist - eine Manifestation der vermeintlichen Originalität und der exzentrischen Selbstdarstellung des Architekten dar.

Anzeige

Auch diese "Ego-Architektur" von sogenannten "Star-Architekten" besteht meist aus Billigmaterialien wie Fertig-Betonplatten oder endlosen Glasscheiben und ist entsprechend überwiegend nach ökonomischen Gesichtspunkten gebaut. Aussagen wie die des Architekten Oswald Ungers unterstreichen die egozentrische Fortschrittsgläubigkeit solcher Architektureliten exemplarisch:

Ich wollte sehen, inwieweit Architektur in der Lage ist, abstrakt zu sein. […] Alles wurde subtrahiert auf den absoluten Kern der Abstraktion. Weiter geht es nicht mehr [...] Deshalb gibt es am Haus ohne Eigenschaften kein Ornament, keine Details, kein Oben und kein Unten. [...]

Oswald Mathias Ungers
Nymphenburger Höfe in München. Bild: F. R.

Die hier zur Schau gestellte Modernisierungsideologie dürfte (neben vermutlich narzisstischen Störungen) der Hauptgrund für die Auswüchse zeitgenössischer Architektur sein, die kaum einem gefällt außer den Architekten selbst. Kaum einer fühlt sich wohl in einem Haus ohne Ornamente, ohne Verzierung, Stuck oder Erker. Über ein Haus ohne Oben und Unten braucht man aufgrund der Schwerkraft ja mal gar nicht erst nachzudenken. Die proklamierte Schmucklosigkeit ist letztendlich nur ein irrationales Dogma, das profitorientierten Immobilieninvestoren, die beim Bau Geld sparen wollen, sehr entgegenkommt.

Mehr noch als bemüht progressiv, sondern in diesem Sinne geradezu fundamentalistisch formulierte Adolf Loos:

Ornament ist vergeudete Arbeitskraft und dadurch vergeudete Gesundheit. […] Heute bedeutet es aber auch vergeudetes Material und beides bedeutet vergeudetes Kapital.

Adolf Loos

Die Formulierung von Adolf Loos war (und ist) ein Affront gegen alle seine Mitmenschen, die in Kategorien von Gemütlichkeit oder Schönheit fühlen. Loos stellt seine verkopfte Ideologie und abstruse Ablehnung jeglicher Verzierung und jeglichen Schmucks über alle anderen Menschen, die mit der von ihm geschaffenen Architektur langfristig leben müssen. Dies ist eine egoistische, ja geradezu antisoziale und undemokratische Haltung - und zudem eine streng kapitalistisch-neoliberale (Ornamente als "vergeudetes Kapital").

Im folgenden Zitat widerspricht sich Adolf Loos in gewisser Weise selbst, denn hier fordert er eine Art Demokratisierung der Architektur, die allen gefallen sollte, da sie ein Bedürfnis decke. Dann hätte er sich eigentlich auch dem Umstand beugen müssen, dass die meisten Menschen Ornamente bzw. Verzierungen wie Stuck, Erker oder Türmchen ganz gerne haben:

Das Haus hat vor allem zu gefallen. Zum Unterschiede vom Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat. Das Kunstwerk wird in diese Welt gesetzt, ohne dass ein Bedürfnis dafür vorhanden wäre. Das Haus deckt ein Bedürfnis. Das Kunstwerk ist niemandem verantwortlich. Das Haus einem jeden.

Adolf Loos

Auch die politischen Eliten hierzulande scheren sich wenig um Geschmacksfragen oder Ästhetik, wie am Aussehen des Regierungsviertels in Berlin exemplarisch abgelesen werden kann: Bis auf den alten Reichstag wirken alle neuen Gebäude wie unfreiwillig groteske Mahnmale eines Zeitalters des sogenannten Sichtbetons, wie er in den 1990er Jahren seinen Höhepunkt hatte.

Fassade aus "Sichtbeton". Bild: Christopher Stark

Jenseits des Architekturmilieus spricht man nur selten von Sichtbeton und wenn, dann eher in einem negativen Kontext. Festzuhalten bleibt an dieser Stelle, dass es nur wenige Menschen sein dürften, die eine offene, graue Betonwand an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrem heimischen Wohnbereich wünschen. Der Startup-Hippster will eine alte Mauer aus roten Ziegeln, die alte Hausfrau eine opulente Blümchentapete, die junge Akademikerin weiße oder einfarbige Wände und der naturverbundene Ökotyp Holz oder Lehmputz. Um in der Sprache der Soziologen zu sprechen, dürfte sich die Akzeptanz für derlei Architektur weitestgehend auf die Milieus der "Performer" und "Expeditiven" beschränken.

Obwohl die postmoderne Architektur des Regierungsviertels voller funktionalistischer Ideologie zu sein scheint, sind die Gebäude vom Kanzleramt über das Paul-Löbe-Haus bis zum Marie-Elisabeth-Lüders-Haus dennoch absolut kitschig und auf modernistische Art und Weise "unschlicht". Der verzweifelte Versuch, Modernität zu verkörpern, läuft auf einer gestalterischen Ebene der durch triste Betonfassaden, Flachdächer und gesichtslose Glasfronten proklamierten Schmucklosigkeit diametral entgegen.

Trotz der Entfremdung und des Entsetzens über den Geschmack der Eliten nehmen es die Menschen teilweise mit Humor, wenn hässliche Prestigebauten hochgezogen werden - so wie etwa beim Bundeskanzleramt, das von den Berlinern sarkastisch "Waschmaschine" getauft wurde. Witzig ist es aber eigentlich nicht, wenn die Gesellschaft für einen so scheußlichen Prestigebau 300 Mio. Euro hinblättern - und Generationen von Menschen den Anblick ertragen müssen.

Modernistische Kopfgeburt: Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Bild:Christopher Stark

Der große Bruch in Mitteleuropa in der Ästhetik des Bauens besteht grob gesagt zwischen der Architektur der Gründerzeit seit dem 19. Jahrhundert und dem Beginn des ersten Weltkriegs um 1914 herum: In der Gründerzeit baute man kein einziges Gebäude, das nicht verziert war und nicht wenigstens einem gewissen Anspruch an Schönheit gerecht wurde. Somit wurden nicht einmal Fabrikhallen nach rein ökonomischen Kriterien errichtet, sondern erhielten Ornamente und bestanden aus hochwertigen Materialien - meist Backstein. Die wohl typischsten Gebäude dieser Architektur-Epoche sind die klassischen Altbau-Häuser in Blockrandbebauung, wie wir sie aus fast allen europäischen Städten kennen.

Mit der Billigbauweise nach dem Ersten- und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg wurden wesentliche Vorteile gründerzeitlicher Bauweise über Bord geworfen. Zum einen wurden fast nur noch schmucklose Klötze in den Städten gebaut und zum anderen wich man vom perfekten Stadt-Grundriss mit Innenhof ab, indem man zur Zeilenbauweise oder zum Bau von Hochhäusern überging.

Den noch erträglichen Backstein-Würfeln der Bauhaus-Ära der 1920er Jahre (wie sie etwa in den Hamburger Stadtteilen Winterhude oder Veddel überwiegen) folgten deprimierende Mietskasernen der 1950er Jahre und schließlich die größten Verbrechen der Stadtplanung: Plattenbausiedlungen, zum Teil in endzeitartigen Satellitenstädten, seit den 1960er und 1970er Jahren - entsprechend der funktionalistischen Ideologie eines Le Corbusier und der in Bezug auf die Stadtkultur destruktiven funktionsräumlichen Trennung in Wohnen, Arbeiten und Freizeit.

Typischer Plattenbau der 1970er Jahre. Bild: Christopher Stark

Diese offensichtlich unmenschlichen Großstrukturen führten zur Entfremdung der Bewohner mit der Architektur ihrer Umgebung, zur Gettoisierung armer Menschen in jenen unattraktiven Stadtteilen und zu massiven sozialen Problemen. Auch brachten diese Häuser insbesondere in Bezug auf Lärmbelästigung und mangelnden Schutz aufgrund fehlender Innenhöfe weitere entscheidende Nachteile mit sich. Das Problem der Investorenarchitektur seit dem 2. Weltkrieg wurde von Álvaro Siza auf den Punkt gebracht:

Überall ist der Architekt nur noch ein Techniker. Er schafft es, eine Genehmigung zu kriegen, dann gibt er das Projekt ab. Das ist für mich ein Hauptgrund für den Niedergang.

Álvaro Siza

Die überaus große Beliebtheit der Altbauten noch nach über hundert Jahren zeigt, dass diese Gebäude nicht nur aus ästhetischer Sicht von der Bevölkerungsmehrheit in den Städten bevorzugt werden, sondern dass diese - inzwischen sanierten - Gebäude auch von besonders hoher Qualität sind. Auch verfügen die meisten solchen Altbauten über einen perfekten Grundriss für die Stadt: Sie sind in einem Rechteck um einen vor Lärm, Abgasen und anderen Gefahren der Stadt geschützten Innenhof gebaut.

Dass die sogenannten Altbauten eine besonders hohe Beliebtheit (vor allem bei jungen) Stadtbewohnern und Touristen genießen, kann man an sogenannten Szenevierteln in deutschen Großstädten besonders gut ablesen: ob nun das Schanzenviertel in Hamburg, Prenzlauer Berg in Berlin oder das Glockenbachviertel in München - sie alle verfügen als größten Teil ihrer Bausubstanz über klassischen Gründerzeit-Altbau in Blockrandbebauung.

Klassischer Gründerzeit-Altbau (in Hamburg-Wilhelmsburg). Bild: Christopher Stark

Mal abgesehen von negativen Entwicklungen wie der Gentrifizierung und Verdrängung ärmerer Bevölkerungsschichten aus diesen Stadtteilen, sollte diese Bauform in Städten wieder der Standard werden. Immerhin werden seit einigen Jahren wieder vereinzelt Neubauten mehr oder weniger im Stil jener Gründerzeit und mit Verzierungen gebaut; aber hässliche Beton- und Glasfassaden überwiegen ganz deutlich.

Architektur heute schwankt zwischen modernistischen Statements, funktionalistischer Zweckerfüllung und eher klassischen Ansätzen, wenn es um den Einfamilienhausbau geht. Die übermächtige "freie" Marktwirtschaft, das fehlende Bewusstsein für die eigene Geschichte und Kultur sowie für die Interessen der Bevölkerungsmehrheit sind für die katastrophalen Auswüchse moderner Architektur verantwortlich zu machen.

Als Nebenprojekt des Blogs Neoliberalyse.de über die Ökonomisierung aller Lebensbereiche soll die neue Seite Investorenarchitektur.de nun ein kleiner Mosaikstein des Protestes "von unten" sein. Denn auch die Gesellschaftsbereiche der Architektur, des Bauens und des Wohnens dürfen nicht von rein ökonomischen Prinzipien bestimmt und müssen demokratisiert werden.

Wie ist eine Opposition zu dieser Entwicklung zu gestalten? Was kann man tun? Eine mögliche Antwort - wenn auch eine eher symbolische - findet sich in der neuen Internetseite www.Investorenarchitektur.de, die hier vorgestellt werden soll. Die Seite übt Kritik an einer durch Spekulation und Investition getriebenen Architektur, indem die entsprechenden Gebäude gut sortiert in einer Datenbank erfasst und einzeln beschrieben werden. Als Nutzer der Seite ist es möglich zu kommentieren und weitere Bilder von Investorenarchitektur hochzuladen. Diese werden der Datenbank dann unter Creative-Commons-Lizenz hinzugefügt.

Die beschriebene, nicht neue Entwicklung soll so umfassend und kritisch dokumentiert werden, indem einzelne Gebäude exemplarisch dargestellt und kritisiert werden. Um das ganze Ausmaß architektonischer Ungeheuerlichkeiten zu zeigen, findet sich auf der Seite auch eine Gesamtkarte für den Überblick in Bezug auf die geographische Verteilung von Investorenarchitektur.

Auch wenn diese Seite allein wohl keinen Architekten oder Bauunternehmer zum Umdenken bringen wird, soll hier doch eine möglichst vollständige, mehr oder weniger unterhaltsame Galerie der tristesten, aalglattesten, betongrauesten, unpraktischsten und kastenartigsten architektonischen Hervorbringungen entstehen.

Als Schlusswort eine gesellschaftskritische Passage aus dem Jugendroman "Momo":

...Dort erhoben sich in endlosen Reihen vielstöckige Mietskasernen, die einander so gleich waren wie ein Ei dem anderen. Und da alle Häuser gleich aussahen, sahen natürlich auch alle Straßen gleich aus. Und diese einförmigen Straßen wuchsen und wuchsen und dehnten sich schon schnurgerade bis zum Horizont - eine Wüste der Ordnung! Und genauso verlief auch das Leben der Menschen, die hier wohnten: Schnurgerade bis zum Horizont! Denn hier war alles genau berechnet und geplant.

Michael Ende

(Christopher Stark)

Anzeige