Studie: 2020 sind weniger Menschen in Deutschland gestorben

Intensivversorgung in einem Krankenhaus in Baden-Württemberg. Bild: Lacu Schienred, CC BY-SA 4.0

Neue Studie: Trotz 34.000 tatsächlicher oder vermeintlicher Corona-Toter in Deutschland blieb Letalität unter der befürchteten Schwelle. Wissenschaftler sprechen von Untersterblichkeit

Covid-19 endete für viele Menschen in den zurückliegenden anderthalb Jahren tödlich. Wie viele an oder mit dem Virus starben, war immer wieder Streitthema - genauso wie eine andere Frage: Sind in der Pandemie mehr Menschen in Deutschland gestorben als in "normalen" Jahren zuvor?

Forscher der Medizinischen Fakultät an der Universität Duisburg-Essen antworten in einer aktuellen Studie: Zumindest im Pandemie-Jahr 2020 gab es keine Übersterblichkeit in der Bundesrepublik – es starben sogar weniger Menschen als zu erwarten war.

Bernd Kowall ist Erstautor der Studie und am Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE) am Universitätsklinikum Essen tätig. Dass die Übersterblichkeit in den Fokus gerückt wird, ist für ihn wichtig. Letztlich lässt sich über sie vergleichen, welche Folgen die Pandemie in den einzelnen Ländern hatte; denn weltweit wird unterschiedlich gezählt, wer an Covid-19 gestorben ist.

Schon das Statistische Bundesamt hatte die Übersterblichkeit berechnet, doch die aktuelle Studie grenzt sich zu den Ergebnissen des Bundesamtes ab. Von dessen Definition waren die Autoren nicht überzeugt.

Das Statistische Bundesamt definiert die Übersterblichkeit als absolute Anzahl der Todesfälle über dem Durchschnitt der vier Vorjahre. Konkret bedeutet das: Im Jahr 2020 starben ihm zufolge 982.489 Personen. Im Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 verstarben dagegen 934.389 Personen. Das ergibt eine Übersterblichkeit von 48.100 Personen oder knapp fünf Prozent.

"Es reicht jedoch nicht aus, sich allein auf die Nettozahlen der Todesfälle zu stützen", erklärte nun Kowall. Auch Veränderungen durch den demografischen Wandel sollten berücksichtigt werden, insbesondere die größere Zahl älterer Menschen und die gestiegene Lebenserwartung.

Gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk (mdr) sagte er: Im Jahr 2020 gab es mit 5,8 Millionen über 80-Jährigen eine Million mehr als im Jahre 2016. "Und dann erwarten sie natürlich allein aufgrund dessen eine höhere Sterblichkeit, selbst wenn es keine Pandemie gegeben hätte. Und das müssen sie natürlich mit rausrechnen."

Darauf hatte auch das renommierte ifo-Institut Anfang des Jahres hingewiesen. "Da die Zahl (und der Anteil) der Personen in den ‚hohen‘ Altersgruppen wegen des demografischen Wandels zunimmt, sollte schon allein aus diesem Grund wegen der fortschreitenden Alterung im Zeitablauf ein Anstieg der Todesfälle gegenüber dem Referenzzeitraum festzustellen sein", hieß es in einer Studie von Joachim Ragnitz, dem stellvertretenden Institutsleiter in Dresden.

Ragnitz plädierte deshalb dafür, die Sterbewahrscheinlichkeit verschiedener Altersgruppen als Berechnungsgrundlage zu wählen.

Im Ergebnis kommen beide Studien auf den Punkt: Über das gesamte Jahr 2020 gesehen, gab es keine Übersterblichkeit in Deutschland. Laut Kowalls Studie gab es in der Bundesrepublik sogar eine leichte Untersterblichkeit von 2,4 Prozent - trotz der rund 34.000 Personen, die an oder mit Covid-19 starben.

Die Gründe sind laut Studie vielfältig. Einmal könnten in zwei Wintern (2019/20 und 2020/21) kaum Menschen an der saisonalen Grippe gestorben sein. Als indirekter Effekt der Pandemie-Maßnahmen spielt unter anderem die Zahl der Verkehrstoten eine Rolle; sie ging demnach im ersten Lockdown deutlich zurück.

Als weiterer Grund werden die vielen Vorerkrankten genannt, die wohl ohnehin gestorben wären. Das Medianalter der an oder mit Covid-19 Verstorbenen habe bei über 80 Jahren gelegen, und bei vielen von ihnen seien Vorerkrankungen diagnostiziert worden.

"Statistisch gesehen haben gesundheitlich vorbelastete Menschen in einem hohen Alter auch ohne Sars-CoV-2-Infektion eine deutlich reduzierte Lebenserwartung", heißt es in einer Erklärung der Universität. Wer trotz solcher Prognose mit Covid-19-Infektion verstorben sei, trage nicht zu einer Übersterblichkeit bei.

Neben Deutschland untersuchten die Wissenschaftler auch Schweden und Spanien. In Schweden betrug demnach die Übersterblichkeit im Jahr 2020 knapp drei Prozent, in Spanien 14,8 Prozent.

In Schweden habe es die Übersterblichkeit gegeben, weil man es dort zu Beginn der Pandemie nicht geschafft habe, die Alten- und Pflegeheime ausreichend zu schützen, so Kowall gegenüber dem mdr. (Bernd Müller)